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Sinnhaftigkeit

Arbeitnehmende suchen Erfüllung im Job

Nur arbeiten, um Geld zu verdienen? Heute erwarten viele Angestellte im Job auch Sinnhaftigkeit. Doch nur wenige sind bereit, dafür entsprechende Konsequenzen zu tragen.

Die Ostschweiz am 12. Januar 2022

Text: Mark Schneider, Geschäftsstellenführer Grass & Partner Luzern & Zug, Partner

Eine sinnvolle Tätigkeit wünschen sich insgeheim die meisten Arbeitnehmenden. Geld allein macht schliesslich nicht glücklich. Die Sinnfrage stellt sich meistens nach einigen Jahren im selben Job. Der gelebte Arbeitsalltag scheint bei vielen Menschen oft nicht das Erleben von Sinnhaftigkeit und Berufung zu fördern. Der Grund für die Krise können Routine und Langeweile sein, aber auch mangelnde Autonomie oder Anerkennung. Das Gefühl der Sinnhaftigkeit entfaltet sich nämlich nur, wenn man nicht einfach ein kleines Rädchen im grossen Getriebe ist.

Für Krisenstimmung bei Arbeitnehmenden sorgen aber auch Unternehmen, die sich zwar als moderner Arbeitgeber geben, in Tat und Wahrheit aber in ihren hierarchischen Strukturen gefangen sind. An solchen Orten ist für das berufliche Vorwärtskommen nicht die Leistung entscheidend, sondern politisches Taktieren. Mit viel Idealismus gestartet, auf dem Boden der Realität gelandet: Die einen kapitulieren und arrangieren sich mit der Situation, andere packen Neues an, um der gewünschten sinnhaften Tätigkeit sowie seiner Wertschätzung einen Schritt näher zu kommen. Sei es, weil sie persönliche Erfüllung suchen, oder weil Sinn für sie bedeutet, mit ihrer Arbeit auch gesellschaftlich etwas bewirken zu können. Solche Werte entstehen meist erst mit den Jahren oder verändern sich je nach privaten Lebensumständen wie der Gründung einer Familie. Zu Beginn einer Karriere können es der Lohn oder die schnellen Aufstiegsmöglichkeiten sein, die den Broterwerb zu einem sinnvollen Job machen. Später wird es vielleicht wichtiger, wieder Herr über die eigene Zeit zu werden.

Aber wie viel Sinn macht eigentlich das Streben nach Sinn? Oder anders ausgedrückt: Entspricht das, was sich der Einzelne unter einer sinnhaften Tätigkeit vorstellt, jeweils tatsächlich der Realität? Wer nämlich auf die Karte „Sinn“ im Beruf setzt, muss oft zahlreiche Entbehrungen auf sich nehmen. Als Angestellter wird man früher oder später mit den Schattenseiten ihrer Vorstellung einer sinnhaften Tätigkeit konfrontiert. Zum Beispiel, weil es vielleicht ausgerechnet in jenem Arbeitsgebiet, in dem die soziale Verantwortung im Vordergrund steht, unter den Mitarbeitenden wie in einem Haifischbecken zu und her geht. Oder weil die Erfüllung der beruflichen Träume mit vielen – auch monetären – Unsicherheiten verbunden ist. Spätestens dann wird es Zeit, sich mit der Sinnhaftigkeit in seinem Job auseinanderzusetzen. Und dabei die Frage in den Raum stellen, ob sich im Job nichts ändern lässt. Mit der professioneller Hille von ausgewiesenen und erfahrenen Beratern von Karriere-Managements lässt sich darauf oft eine konkrete Antwort finden.

Anstatt unkritisch nach „Sinn“ zu streben und einer Traumvorstellung aufzusitzen, sollte sich jeder einzelne zuerst fragen, ob die Quelle der Unzufriedenheit tatsächlich im Job selbst liegt. Es ist nun mal einfacher, sich über Arbeitsbedingungen aufzuregen, anstatt sich privaten Problemen zu stellen. Der stete Wunsch nach Anerkennung im Job kann zum Beispiel Ausdruck davon sein, dass einem diese Anerkennung im privaten Leben fehlt. Im Job mag man sie vielleicht erhalten, und sie kann tatsächlich Sinnhaftigkeit vermitteln – oft aber zum Preis, keinen Feierabend mehr zu haben. Selbstverwirklichung im Job ist nicht gratis zu haben. Wer für eine Aufgabe brennt, unterscheidet nicht mehr zwischen Arbeit und Freizeit. Was auch immer die eigenen Vorstellungen von Sinnhaftigkeit im Job sind, etwas gilt für alle: Nur wer sein Leben in die Hand nimmt und Veränderungen anpackt, statt sich zu beklagen, wird auch Erfüllung im Job finden.

Die zunehmende Bedeutung von Sinn im Job kann als Erscheinung der modernen Arbeitswelt gesehen werden, die etliche Wahlmöglichkeiten bietet und gerade damit viele Arbeitnehmende überfordert. Die Jungen wissen, dass sie noch mindestens 40 Arbeitsjahre vor sich haben. Und dass man das nur durchhält, wenn man von seiner Aufgabe hundertprozentig überzeugt ist. Deshalb sei es für viele das Wichtigste, eine sinnvolle Aufgabe zu haben.

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Autor/in
Die Ostschweiz

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