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Zeyer zu Verantwortung

CS: Ach, Gottstein

Samthandschuhe und eiserne Faust. Nach oben buckeln, nach unten treten. So benimmt sich der komatöse Qualitätsjournalismus in der Schweiz. Wenn es da nicht ein paar wenige Widerstandsnester gäbe ...

René Zeyer am 07. April 2021
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Die Kathedrale des Kapitals begab sich in den Führerbunker der Credit Suisse. Dort nahm die NZZ den Puls des CS-CEO Thomas Gottstein. Mit der besorgten Einleitungsfrage: «Wie geht es Ihnen?»

Dann durfte Gottstein das ganze Reservoir des Banker-Blabla leeren. Vom Titelquote an: «Was in den USA passiert ist, ist absolut inakzeptabel.» Die naheliegende Nachfrage erspart ihm die NZZ: Wieso haben Sie’s dann zugelassen?

In den USA geht es nicht nur um einen potenzielle Verlust von bis zu 4,5 Milliarden Franken. Sondern auch darum, dass andere Banken, die noch viel mehr als die CS in den zusammengebrochenen Fonds Archegos investiert waren, ihre Positionen rechtzeitig glattstellten.

Während die CS mit offenem Mund zuschaute und «nume nöd juffle» sagte, wenn da noch jemand etwas anderes als Englisch spricht. Auch bei dem untergegangenen Greensill-Gebastel aus Australien merkte die CS nicht, dass die angeblich vorhandenen Versicherungen entweder am Auslaufen waren – oder von der Greensill-Bank garantiert wurden. Die Gnomen vom Paradeplatz wurden zu den Deppen des globalen Banking.

Und was meint Boss Gottstein dazu? «Einmaliger Vorfall – unser operatives Geschäft läuft sehr gut – Gründlichkeit geht vor Schnelligkeit – wir prüfen alle Optionen – ich denke, wir haben starke Massnahmen getroffen – verlorenes Vertrauen zurückgewinnen – stolz, für diese Bank zu arbeiten.»

Dieses Geblubber aus einem Paralleluniversum nehmen die Lordsiegelbewahrer der richtigen Meinung zu Finanzfragen ohne Gegenwehr hin. Und wackeln etwas mit dem Zeigefinger, dass es dann vielleicht doch ein neues Geschäftsmodell brauche. Auch die übrigen Medien wollen Boni zurückfordern. Ein klitzekleines Stückchen, schliesslich wurde schon «freiwillig» auf 41 Millionen verzichtet. Damit werden die Verluste ja fast gegenfinanziert.

Wie wär’s denn mit der Milliarde, die die sogenannten «Key Risk Takers» kassieren? Oder die unverdienten Boni der «Managing Directors», die auch einen privilegierten Zugang zum Bonustopf haben? Aber das trauen sich die Medien nicht. Denn die grossen Konzerne müssen ja auch ihren Finanzhaushalt regeln, und wo tun sie das wohl? Richtig, nicht bei der Alternativen Bank.

Aber richtig streng werden sie, wenn es um einen möglichen «Flächenbrand» geht, wie «Tages-Anzeiger» und «Blick» gemeinsam befürchten. Da fragt niemand: «Wie geht es Euch?» Da wird strenges Eingreifen gefordert, durchgreifen, wehret den Anfängen. Denn da droht Unordnung, Aufruhr, Krawall, Chaos, Sachbeschädigungen!

Da wird befürchtet, dass üble Verschwörungstheoretiker, Libertäre, Rechtsnationale, Rechtsradikale die Unschuld unserer Jugend ausnützen. Diese Krawallanten, die nicht mal vor Sachbeschädigungen zurückschrecken in ihrem ungezügelten Vernichtungsrausch. Wegweisen, draufhauen, wieso nicht gleich ein Weilchen ins Gefängnis? Denen werden wir Mores lehren, «reisst euch am Riemen», ruft ihnen Tamedia zu.

Wie meist werden hier die Manifestationen eines Problems beklagt, über die Ursachen geschwiegen. Noch absurder werden diese Kriegstänze gegen Jugendliche, die einfach mal wieder das machen möchten, was Jugendliche halt so machen, ob sinnvoll oder nicht, wenn man sie mit der Resonanz gegenüber einem möglichen tiefen Krater am Zürcher Paradeplatz kontrastiert.

Muss der allenfalls mit Steuergeldern zugeschüttet werden? Muss nach der UBS nun auch die CS von der Schweizerischen Nationalbank gestützt werden? Was bedeuten diese drohenden Milliardenverluste für eine systemrelevante, wohl eher systemgefährdende Bank? Wird es die CS in ihrer heutigen Form weiterhin geben?

Was ist von der Führungsriege zu halten? Der VR-Präsident Urs Rohner schleppt sich noch bis zum Ende seiner Amtszeit und macht das, was er in solchen Situationen immer gemacht hat: zuerst einmal schweigen. Der CEO feuert jeden unter sich, der nicht bei drei hinter seinem Schreibtisch in Deckung geht. Und wirft Worthülsen um sich, als lebe er in einem Universum, in dem die CS noch SKA hiess und bis Chiasso eine grundsolide Bank war.

Verhältnisblödsinn nennt man das. Reine Feigheit der Journalisten, nenne ich das. Es ist wie früher auf dem Pausenplatz. An den grossen Dicken traut man sich nicht heran. Also kühlt man sein Mütchen an dem kleinen Schmächtigen. An denen, die keine Kommunikationsbrigaden haben, die Wortwolken ausstossen, schillernde Seifenblasen aufblasen, alle Aussagen rundschleifen wie Kieselsteine und die übers Wasser hüpfen lassen.

Da hineinzustossen, das wäre eigentlich die Aufgabe der Vierten Gewalt. Aber die ist komatös gespart, hängt am Tropf von Subventionen und will es sich nicht mit den Geldspeichern verderben, in die sie auch gerne mal hineingreift.

Also lässt sie bei der CS alle sich ins Hemd heulen, mit Krokodilstränen. Dafür feste druff bei Jugendlichen, die in ihrem Frust, ihrem Ärger, ihrer Wut manchmal etwas aus der Spur geraten. Damit verabschiedet sich die vierte Gewalt auch noch von ihren Lesern in der Zukunft.

Kühne These: Vielleicht bringen die Medien der CS so viel Wohlwollen entgegen, weil sie sich in deren Verhalten selbst wiedererkennen.

Stölzle /  Brányik
Autor/in
René Zeyer

René Zeyer (1955)  ist Publizist, Bestsellerautor («Bank, Banker, Bankrott») und Kommunikationsberater. Er lebt in Zürich und Havanna.

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