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Gastbeitrag

Das Ende des Miteinander

Der Dialog ist gescheitert. Die Fronten verhärten sich. Die Willkür wächst. Jetzt muss sich jeder entscheiden, auf welcher Seite er – oder sie - steht. Denn die kommende Zeit wird eine Zeit der Konfrontation sein. Auch in unserem Land. Ein Gastbeitrag von Nicolas Lindt.

Nicolas Lindt am 21. September 2021

Eine Demokratie, wie wir sie noch bis vor kurzem gekannt haben, lebt vom Wettstreit der Meinungen, von der freien, ungefilterten Diskussion. Niemand muss sich zu einer bestimmten politischen Richtung bekennen. Es gibt «Linke» und «Rechte», «eher» Linke und «eher» Rechte, aber es gibt auch grosse Teile des Volkes, die irgendwo zwischen den politischen Lagern stehen - oder gar keine Meinung haben, weil sie an Politik nicht interessiert sind.

So war es zumindest bisher. Beim Thema Gesundheit jedoch, das unser Leben seit eineinhalb Jahren beherrscht, ist die freie Entscheidungsfindung abgeschafft worden. Alle müssen gehorchen. Individuelle Lösungswege sind nicht mehr erlaubt. Wer seine Meinung öffentlich äussert, muss mit Nachteilen rechnen. Die Behörden auf allen Stufen üben sich in Kadavergehorsam. Die Schulen sind gleichgeschaltet. Die Medien sind gleichgeschaltet. Die Kirchen schweigen. Die Kulturschaffenden schweigen. Die Intellektuellen schweigen - oder sie blöken mit dem System. Die Menschen tragen die Masken, sie lassen sich testen, sie lassen sich impfen: Sie lassen alles mit sich geschehen, so sinnlos es sein mag. Sie tun es, um ihre Haut zu retten. Um ihr kleines zufriedenes Leben zu retten. Um ihre Ferien am Meer zu retten. Und wenn es sein muss, überwachen sie sich sogar gegenseitig und raten einander dringend, lieber zu schweigen. Lieber nicht aufzufallen.

So verhalten sich Menschen in Diktaturen. So verhielten sich die Bürger der DDR. Die grosse Mehrheit passte sich an. Sie unterwarfen sich dem System. Sie beugten sich der herrschenden Klasse der Kommunisten.

Wer sich aber der Diktatur unterwirft, unterstützt sie. Auch wenn er es im Grunde nicht will. Er macht sich zum Helfershelfer der Herrschenden. Er wird so systemtreu wie sie.

Natürlich gab es auch in der DDR Bürger, die sich weder für die eine noch für die andere Seite entscheiden konnten. Sie sagten: Vieles am Sozialismus finde ich schlecht, aber einiges finde ich gut. Doch auch diese Haltung diente nur dem Regime. Denn eine Diktatur ist nicht einerseits schlecht und gleichzeitig gut. Eine Diktatur ist aus Prinzip schlecht. Weil sie eine Diktatur ist. Weil sie die Freiheit des Individuums nicht garantiert. Weil sie das System über den Menschen stellt.

Deshalb gibt es in Diktaturen letztlich nur zwei Positionen: Entweder ist man dafür - oder dagegen. In einer Diktatur ist niemand neutral. Und da sich die Schweiz seit eineinhalb Jahren, Schrittchen für Schrittchen in eine eidgenössische DDR zu verwandeln beginnt, müssen auch wir uns entscheiden: Entweder befürworten wir die Corona-Politik des Bundes oder wir lehnen sie ab. Jeder, der eine dritte Position einnimmt, ist mitverantwortlich für das Corona-Regime in der Schweiz. Jeder, der von sich selber behauptet, «neutral» oder «unentschieden» zu sein, macht sich im Grunde mitschuldig. So war es 1933 in Deutschland, so war es während Jahrzehnten in den Staaten hinter dem Eisernen Vorhang - so ist es in jedem Staat, der die Freiheitsrechte seiner Bevölkerung torpediert und eine Willkürherrschaft errichtet.

Wir, die Massnahmenkritiker, haben seit eineinhalb Jahren erklärt, informiert und argumentiert, in der Familie, bei Freunden, auf Facebook, in Kommentaren und Leserbriefen, in Podiumsgesprächen und Kundgebungen. Jetzt müssen wir einsehen: Wir sind zwar um ein Vielfaches stärker geworden, doch die Fronten haben sich weiter verhärtet. Und jeder gutgemeinte Appell, miteinander zu reden, verpufft im Leeren.

Die Gruppe «Corona-Dialog», die sich verdienstvoll um das Gespräch, um das Verständnis füreinander bemühte, hat ihre Tätigkeit - gemäss ihrer Website - bis auf weiteres eingestellt. Kein Dialog mehr. Damit geben die Macher des «Corona-Dialogs» zu erkennen, dass auch sie zur Einsicht gelangt sind: Wir kommen nicht mehr darum herum, uns zu entscheiden. Und sie rufen dazu auf, die öffentlichen Picknicke zu besuchen, die aus Protest gegen die Zertifikationspflicht veranstaltet werden. Sie stellen sich damit klar auf die Seite der Massnahmengegner.

Dasselbe hat sogar ein Bundesrat eingesehen. Ueli Maurer hat das heilige Kollegialitätsprinzip der Regierung gebrochen und in seiner «Kuhstallrede» Farbe bekannt. Er nahm die Entrüstung der politischen Klasse in Kauf und äusserte seine Meinung, weil er die Haltung des Bundesrats mit seinem Gewissen nicht mehr vereinbaren konnte. Er hat sich entschieden, soweit es ihm in seiner Position möglich war – und jede Bürgerin, jeder Bürger ist aufgefordert, seinem Beispiel zu folgen.

Wir, alle freiheitsliebende Menschen, werden auch weiterhin unermüdlich alternative Fakten zusammentragen und weiterverbreiten, doch der Appell der Stunde darf nicht mehr lauten: Hört uns doch bitte an! Der Ruf, der an alle Unentschiedenen und «Neutralen» geht, an alle, die mitmachen, weil man halt mitmachen muss, die «sicher nicht alles gut finden», aber einiges eben doch, an alle, die es noch immer schaffen, so weiterzuleben, als gehe sie die Sache nichts an, an alle, die doch einfach nur ihre Ruhe wollen - unser Ruf an sie müsste lauten:

Entscheide dich. Öffne dein Herz!

Sein Herz zu öffnen - wer diesen Satz in Anbetracht der gegenwärtigen Situation nicht versteht, ist im Grunde verloren. Wer ihn belächelt, steht definitiv auf der anderen Seite. Was meine ich damit, wenn ich mein Herz öffne? Es bedeutet zum Beispiel, schmerzhaft zu spüren, wie sehr die Kinder unter den Massnahmen leiden. Es bedeutet, sich an den Anblick der Masken nicht gewöhnen zu können. Es bedeutet, sich zu empören über das Unrecht, das wir neuerdings täglich erleben. Und es bedeutet, das Wagnis auf sich zu nehmen, nicht länger dem System und seiner diabolischen Fürsorglichkeit zu vertrauen, sondern selber zu denken. Denn das Denken im Kopf tendiert zum Sicherheitsdenken – während das Denken aus dem Herzen heraus den Gang in die Freiheit wagt.

Die Polarisierung, die wir beklagen, hat noch lange nicht ihren Tiefpunkt erreicht. Sie wird sich weiter verschärfen, weil die Imperatoren in Stadt und Land ihr System immer aggressiver durchsetzen werden - und weil auf der anderen Seite immer mehr Menschen immer entschlossener Widerstand leisten werden. Diese Radikalisierung auf beiden Seiten kann niemand verhindern, und ich glaube, das muss so sein.

Jetzt ist nicht die Zeit für ein Miteinander. In einer Demokratie, die immer mehr zur Autokratie wird, ist das «Miteinander» bloss noch ein Trugbild, das uns vorgaukelt, alles sei halb so schlimm.

So beklemmend es klingt und so wenig wir es uns wünschen: Die kommende Zeit wird eine Zeit der Konfrontation sein. Jetzt müssen wir kämpfen. Jetzt geht es um Sieg oder Niederlage, auch in der Schweiz, obwohl wir doch glaubten, dass unser Land anders sei, dass unsere Mentalität nicht den Streit sucht, sondern den Ausgleich. Doch der weltweite Siegeszug der Technokratie macht vor unseren Grenzen nicht halt, und die staatstragenden Kräfte haben die Tore weit aufgemacht. Wenn wir die Herrschenden nicht daran hindern, werden sie unser Land dem Teufel verkaufen.

Wieviel einfacher wäre es doch, käme die Bedrohung von aussen, wie damals im Weltkrieg, als das ganze Volk wie selbstverständlich zusammenstand! Der Feind kommt auch jetzt aus dem Ausland, doch seine Komplizen sind Schweizer wie wir. Als hätten die Schweizer Behörden seinerzeit, 1933, unser Land an die Nazis verraten: Genau so eine Situation haben wir heute. Unser Feind sitzt im eigenen Land. Er regiert uns sogar. Und er hat eine grosse Gefolgschaft.

Kein Kampf ist schwieriger als der Kampf gegen eigene Landsleute. Denn sie reden die gleiche Sprache wie wir. Sie haben die gleichen Kindheitserinnerungen wie wir. Und sie leben an den gleichen Orten wie wir. Aber an dieser Stelle müssen wir umdenken. Schweizer, die ihre eigenen Brüder und Schwestern, ihr eigenes Volk diskriminieren, sind für mich keine Schweizer. Ihr roter Pass ist für mich nicht entscheidend. Schon der grosse Dichter Gottfried Keller war dieser Ansicht. Echtes Schweizertum, schrieb er vor bald 200 Jahren, hatte für ihn nichts mit Abstammung oder gemeinsamen Ahnen zu tun. In seinen und auch in meinen Augen ist ein Schweizer erst dann ein richtiger Eidgenosse, wenn er - oder vielmehr sie - für die Grundwerte unseres Landes einsteht.

Deshalb sind die Bersets, Engelbergers, Humbels und Ricklis und wie sie alle so gutschweizerisch heissen, keine Schweizer wie wir. Weil sie keine Schweizer im Herzen sind. Sie sind Pandemisten, sie denken nur mit dem Kopf, und sie haben keine Heimat. Eigentlich müsste man sie bedauern, wären sie nicht so gefährlich. Es gibt sie überall auf der Welt, in jedem einzelnen Staat, und ein Virus namens Corona hat ihnen unverhofft zu Bedeutung verholfen. Sie dürfen auf einmal entscheiden, ohne das Volk zu fragen, und sie haben auf einmal die Macht, um ihr Ziel zu erreichen. Ihr Ziel ist weltweit dasselbe. Sie möchten uns mit einem System beglücken. Mit einem System, das lückenlos funktioniert. Damit auch sie funktionieren können.

Wir aber wollen nicht funktionieren. Wir wollen leben. Wir wollen frei sein. Dies ist mehr als nur eine Schlacht. Dies ist ein Krieg, und er hat gerade begonnen.

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Stölzle /  Brányik
Autor/in
Nicolas Lindt

Nicolas Lindt (*1954) war Musikjournalist, Tagesschau-Reporter und Gerichtskolumnist, bevor er in seinen Büchern wahre Geschichten zu erzählen begann. Neben dem Schreiben gestaltet er freie Trauungen und Abdankungen. Der Schriftsteller lebt mit seiner Familie in Wald und Segnas.

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