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Aufruf für Ja zum Covid-19-Gesetz

Das OpenAir St.Gallen wird politisch – und kassiert einen Shitstorm

Jeder ist sich selbst der Nächste. Das gilt für den 13. Juni besonders. Das OpenAir St.Gallen ruft auf dem offiziellen Kanal auf Facebook für ein Ja zum Covid-19-Gesetz auf. Die Reaktionen darauf könnten kaum eindeutiger sein.

Stefan Millius am 07. Juni 2021

Ob sich der Traditionsanlass damit einen Gefallen getan hat? Liest man sich durch den unmittelbaren Aufschrei danach, ist die Antwort klar: Nein. Die Macher des OpenAir St.Gallen rufen öffentlich zu einer Ja-Parole beim Covid-19-Gesetz vom 13. Juni auf.

Ein Ja sorge für die benötigte wirtschaftliche Unterstützung für betroffene Branchen und Betriebe, heisst es sinngemäss. Es ist inhaltlich 1:1 die Argumentation des Bundesrats für die Vorlage. Völlig ausgeblendet werden zwei Dinge. Wer hat die verzweifelte Lage dieser Branchen und Betriebe ohne Not überhaupt herbeigeführt? Und wer definiert, dass nur dieses Gesetz die Weiterführung der Unterstützungsbeiträge herbeiführen kann?

Denn längst sind Vorstösse hängig, die dafür sorgen. dass auch bei einem Nein zum völlig überfrachteten Paket namens Covid-19-Gesetz diese Hilfen weiterlaufen können. Das ist nur logisch. Das Parlament hat es in der Hand, diese Leistungen aufrecht zu erhalten, und wie das vergangene Jahr mit einem überstürzten Entscheid nach dem anderen gezeigt hat, ist das auch schnell möglich – noch in der Sommersaison. Was der Bundesrat ins Feld führt, ist nichts anderes als ein Erpressungsversuch: Sagt Ja zum ganzen Paket, sonst fliesst kein Geld mehr.

Wahr ist das nicht, aber es scheint zu wirken. Jedenfalls bei den Veranstaltern. Sie wollen offenbar auf Nummer Sicher gehen und nehmen Kollateralschäden der gesetzlichen Wundertüte dafür in Kauf. Es dürfte Neuland sein beim OpenAir St.Gallen, man erinnert sich jedenfalls nicht an frühere politische Parolen.

Und sie kommen auch nicht gut an. Schnell kamen weit über 150 Antworten auf den Aufruf. Zum absolut überwiegenden Anteil negativer Natur. Geschätzte 90 Prozent der unmittelbaren Reaktionen fallen negativ aus. Viele Kommentatoren betonen, dass die Unterstützungsleistungen mit Sicherheit nicht zwingend an ein Ja am 13. Juni gekoppelt sind, andere beklagen, dass sich die Veranstalter vom Bundesrat instrumentalisieren lassen. Es gibt Boykottandrohungen zuhauf. Die Rede ist beispielsweise vom «klassischen Eigengoal».

Es gibt auch Leute, die sich hinters OpenAir stellen. Allerdings ist da Unkenntnis oft Geburtshelfer der Meinungsäusserung. Schnelle Hilfe gebe es bei einem Nein nicht, so eine Kommentatorin: «So ein Gesetz einzuführen dauert mindestens 3 Jahre! Bis dahin sind viele Firmen pleite!» Eine witzige Aussage, nachdem wir ein Jahr hinter uns haben, in denen reihenweise Gesetze und Verordnungen in Echtzeit beschlossen wurden.

Hat sich das OpenAir einen Gefallen getan mit dem «Outing»? Klar ist, dass der angedrohte Boykott wirkungslos ist, wer ans OpenAir gehen will, tut das unabhängig von dessen politischen Äusserungen. Aber einiges an Goodwill dürften die Veranstalter durchaus verspielt haben bei einem Teil der Besucher. Etwas wird zurückbleiben. Nachhaltig.

Nachtrag: Inzwischen hat das OpenAir auf Facebook einen sanften Riegel geschoben und dafür gesorgt, dass nicht mehr jeder einen Kommentar beisteuern kann.

OpenAir
Stölzle /  Brányik
Autor/in
Stefan Millius

Stefan Millius (*1972) ist Chefredaktor von «Die Ostschweiz».

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