logo

Gastkommentar

Das perfide Spiel der NGOs

Die Zeiten, in denen Nichtregierungsorganisationen (NGOs) noch Verbände von Freiwilligen in selbst gestrickten Wollpullovern waren, sind längst Geschichte.

Thomas Baumann am 15. November 2022

Mittlerweile sind es global agierende Organisationen, welche ihre Kampagnen auf höchstem professionellen Niveau durchführen.

Ein Beispiel? Amnesty International und seine Kampagne zur Situation der Wanderarbeiter in Katar.

Damit eine solche Kampagne überhaupt Aussicht auf Erfolg hat, muss sie es zuerst einmal schaffen, die Aufmerksamkeit der Medien auf sich zu ziehen. Am besten gleich zu Anfang mit einem lauten Knall, mit einer Schlagzeile, die nur so vor Blut trieft. Hängen die ersten Medien erst einmal am Haken, folgen die anderen sogleich nach. Und ist die Suppe erst einmal angerührt, genügt es, sie immer schön am Köcheln zu halten.

Wie also sollte Amnesty International seine Kampagne zur Situation der Wanderarbeiter in Katar beginnen? Etwa so: "Wanderarbeitern in Katar wird oft der Reisepass weggenommen und sie verdienen generell einen viel zu tiefen Lohn"?

Nein, mit solchen Schlagzeilen lockt man keine Katze hinter dem Ofen hervor - und kein Redaktor wird deswegen seine (Computer-)Maus anspringen.

Deutlich erfolgsversprechender ist da eine Schlagzeile wie: "Auf den Baustellen der WM-Stadien in Katar sind innert zehn Jahren 15'000 Wanderarbeiter gestorben".

Ist mit dieser reisserischen Schlagzeile der Fisch erst einmal am Haken, das Interesse der Redaktionen geweckt - dann ist der Weg frei. Und bekanntlich schaut in einem tagesaktuellen Geschäft wie dem Journalismus kaum jemand zurück. War die Schlagzeile Humbug? Tant pis! Mit Rückblicken holt man keine Klicks, befriedigt man keine Sensationsgier. Auf zur nächsten heissen Geschichte!

Eine solche Zahl verlangt aber nach Erklärungen - und Erklärungen bekommen die Journalisten geliefert, denn keiner soll womöglich auf die Idee kommen, das Ganze zu statistischen Daten in Relation zu setzen.

Daher wird eine solche Schreckensnachricht sekundiert von scheinbar weniger schockierenden News, wie zum Beispiel jener, dass hunderte Arbeiter in Katar an Überhitzung gestorben seien. Das Ziel ist klar: Eine scheinbar plausible Erklärung im Kleinen für das grosse Grauen zu bieten - denn der Mensch schliesst gerne vom Einzelfall auf das grosse Ganze. Journalisten geht es nicht anders.

Für den Redaktor heisst das: Eine plausible Erklärung gefunden, Bericht geschrieben, Tagwerk erledigt.

Ein bekanntes Sprichwort sagt: "Der Tod eines Menschen ist eine Tragödie, der Tod von einhundert Menschen eine Katastrophe - und der Tod einer Million Menschen eine Statistik."

Letztlich verblassen alle Katastrophen der Menschheitsgeschichte hinter der schlichten Macht der grossen Zahl, die sich in statistischen Daten manifestiert: Gestorben wird immer. Aber damit lassen sich keine Geschichten schreiben.

Wie liest sich also die Schreckensmeldung von den 15'000 toten Gastarbeitern in Katar in zehn Jahren, wenn man sie einmal zu statistischen Daten in Relation setzt?

In Katar gibt es rund zwei Millionen Wanderarbeiter, die meisten jung, zu 90% männlich.

In der sicheren Schweiz sind im letzten Jahr 851 Menschen in der Altersgruppe 20-39 Jahre, also ebenfalls relativ junge Menschen, gestorben. Diese Alterskohorte umfasst - wie die Zahl der Wanderarbeiter in Katar - rund zwei Millionen Menschen. 584 der Toten waren Männer und "nur" 267 Frauen. Gewichtet man diese Zahl mit einem männlichen Bevölkerungsanteil von 90% wie unter den Wanderarbeitern in Katar, kommt man auf 1'100 Tote jährlich pro zwei Millionen junge Menschen.

In Katar starben pro Jahr 1'500 junge Menschen - in der Schweiz 1'100. Geht man nur schon zwanzig Jahre in der Zeit zurück, starben in der Schweiz noch doppelt so viele junge Menschen wie heute. Und damit mehr als in Katar. Ein Skandal sieht definitiv anders aus.

Seit einiger Zeit erwähnt Amnesty International die Zahl von 15'000 Toten auch kaum mehr. Die auf den ersten Blick erschreckende Zahl hat ihren Zweck erfüllt, die Aufmerksamkeit des Publikums und der Journalisten gefesselt.

Bloss das Leid der Verstorbenen zu beklagen, war offenbar nie das Ziel der NGO. Sie hat bereits die zweite Stufe ihrer Kampagne gezündet und jetzt geht es - wen überrascht's? - um Geld.

Am Gelde hängt, zum Gelde drängt doch alles! Frei nach Goethe. Und man möchte hinzufügen: NGOs ganz besonders.

Zusammen mit anderen Menschenrechtsorganisationen fordert Amnesty International nun einen Entschädigungsfonds für Wanderarbeiter. 440 Millionen Dollar schwer soll er sein. Auch diese Kampagne wird sekundiert mit Zahlen und "Berichten", welche Journalisten gerne verwenden, weil sie dabei nur wenig Eigenleistung erbringen müssen. Die NGOs wissen selbstverständlich wie sie ihrer Klientel das Leben erleichtern können, damit diese ihre Message brav weiterverbreiten.

Wer kaum Fakten hat, bedient sich umso lieber Emotionen. Der Mensch ist bekanntlich ein Herdentier und schwimmt nicht gerne gegen den Strom. Auch diesen Effekt macht sich die NGO zu Nutzen. Man führe eine Umfrage durch - mit Umfragen lässt sich so ziemlich alles belegen, das man belegen will - und kurz darauf titeln die Zeitungen: "Laut einer Umfrage von Amnesty International fordern 81 Prozent der Schweizer, dass die FIFA Arbeitsmigranten entschädigt."

Wie dubios die Umfrage ist - egal! Die Schlagzeile steht und damit lässt sich Druck aufbauen. Denn wer will schon zu den weniger als 20 Prozent gehören, denen das Leid anderer offenbar egal ist?

Man sieht: Auch bei NGOs geht es letztlich - wie fast überall sonst - vor allem ums Geld. Menschenrechte sind dabei nur die noble Fassade.

Wochenübersicht

Fachbeitrag

Herausforderung Städteplanung: Zwischen Visionen und Pragmatismus

am 06. Dez 2022
Gastbeitrag

Olivenöl trifft auf Traditionelle Chinesische Medizin

am 05. Dez 2022
Zeyer zur Zeit

Der Zürcher Kosmos ist bankrott

am 07. Dez 2022
Bundesratswahlen

Verlagerung nach links

am 07. Dez 2022
Kommentar von Patrick Emmenegger

Ein «schiefer» Bundesrat

am 07. Dez 2022
Investment views

Was wollen uns die Zinsen sagen?

am 05. Dez 2022
Gastkommentar

Zur Erinnerung: Am Freitag spielte die Schweiz gegen Serbien

am 05. Dez 2022
Mumie der Schepenese

Das wäre auch sachlicher gegangen

am 05. Dez 2022
Zwischenetappensieg für Milo Rau

Eine Rückführung von Schepenese wird geprüft

am 07. Dez 2022
Podcast mit Ruben Schuler

Die Tonalität der SVP ist die falsche für mich

am 07. Dez 2022
alphaberta.ch

«Gegenfrage: In welchen Bereichen sollten sich Männer deutlich weniger in Szene setzen?»

am 07. Dez 2022
Arbeiten über Festtage

«Es herrscht eine aussergewöhnliche Stimmung»

am 06. Dez 2022
Ticketverlosung

«Druck erzeugt auch eine Dynamik»

am 06. Dez 2022
Von 50'000 auf 200'000

IHK vervierfacht Beteiligung an der Olma

am 05. Dez 2022
Die bisherige Marketingleiterin übernimmt

Fabienne Diez wird neue Centerleiterin der Shopping Arena

am 05. Dez 2022
Vereinbarkeit

«Der Prozess war mit einigem Aufwand, Hürden und vielen Gesprächen verbunden»

am 03. Dez 2022
Erst bei Volljährigkeit abstimmen

Thurgauer Regierungsrat lehnt Stimmrechtsalter 16 ab

am 08. Dez 2022
The Time of Our Singing

St.Galler Koproduktion gewinnt Opera Award als beste Uraufführung

am 07. Dez 2022
Wie erwartet

Saisonaler Anstieg der Stellensuchenden

am 07. Dez 2022
Gastkommentar

Tempo 30 – Kanton und Stadt St. Gallen auf Abwegen

am 08. Dez 2022
Gastkommentar

Weitere Explosion der Strompreise

am 08. Dez 2022
Zusammenarbeit

Ucan und Xhaka ziehen sich an

am 08. Dez 2022
Ruth Metzler-Arnold als Botschafterin

Gründung der Non-Profit-Organisation «A Million Dreams»

am 08. Dez 2022
Fiktive Rechnungen

Anklage wegen Steuerbetrugs

am 08. Dez 2022
Stölzle /  Brányik
Autor/in
Thomas Baumann

Thomas Baumann ist freier Autor und Ökonom. Als ehemaliger Bundesstatistiker ist er (nicht nur) bei Zahlen ziemlich pingelig.

Hier klicken, um die Mobile App von «Die Ostschweiz» zu installieren.