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Fortsetzungsroman

Der Tod ist ein Kommunist - Teil 7/13

Nach dem Beststeller «Der letzte Feind» (2020) präsentiert Giuseppe Gracia mit «Der Tod ist ein Kommunist» ein Buch, das sich liest wie ein vergnügter Fiebertraum. Die Antwort auf den Wahnsinn unserer Corona-Zeit. «Die Ostschweiz» publiziert das gesamte Buch in mehreren Teilen – inklusive Audiofile.

Giuseppe Gracia am 23. Januar 2022
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Das Buch kann über den Verlag oder Orell Füssli bestellt werden.

Sämtliche Kapitel werden auf unserer Seite im Menüpunkt «Journal» unter der Rubrik «Fortsetzungsroman» aufgeschaltet.

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Laveba 03/2022

Kapitel 7

Nachdem die Anderen den Raum verlassen hatten, sagte Brenner: «Es ist besser, wenn Sie sich jetzt beruhigen. Wenn Sie sich entspannen. Schliessen Sie die Augen, Herr Hofstetter. Ein Power Nap, das wird helfen. Sie werden Energie brauchen heute Abend, Herr Hofstetter.»

«Aber einige Fragen halten mich extrem wach.»

«Ja?»

«Ich muss zum Beispiel wissen, was ein ‘Ah-Puch’ ist.»

«Ja?»

«Ebenso muss ich wissen, wie Sie überhaupt durch die Zeit reisen konnten, wenn das alles hier tatsächlich wahr ist, wenn es kein Traum ist, in dem unmögliche Dinge passieren.»

«Sie meinen, am Phänomen der Zeitreise hängen unmögliche, schwerwiegende Fragen? Fragen, die um schwierige Probleme der Logik kreisen, um Probleme der Kausalität und des Raumzeit-Kontinuums?»

«Ganz genau.»

«Leider werden Sie unsere Lösungsmodelle nicht verstehen. Ihre astro- und quantenphysikalische Kenntnisse sind zu primitiv. Sofern vorhanden.»

«Astro kenne ich etwas. Quanten weniger.»

«Wissen Sie, was ein Superstring-Portal-Beschleuniger ist?»

«Auf keinen Fall.»

«Sehen Sie. Weitere Fragen?»

«Also gut.» Hofstetter räusperte sich. «Nehmen wir an, ich glaube Ihnen. Sie kommen tatsächlich aus der Zukunft, mit diesem super Tanga-String.»

«Superstring.»

«Sage ich doch. Sie haben also diese Maschine, mit der Sie durch die Zeit reisen. Okay. Aber warum reisen Sie jetzt, wo Sie wissen, wie man den Professor retten kann, nicht einfach nochmal durch die Zeit? Sie könnten Nathalie und den Professor zum Beispiel vor der Klinik abfangen, noch bevor Vonneguts Leute sich die beiden schnappen. Sie wissen ja jetzt, wann Vonnegut dort auftaucht. Sie könnten die Bande überraschen und alle plattmachen. Anschliessend reisen Sie nochmal durch die Zeit, bis Sie überhaupt alle plattgemacht haben, die mit dem Ritual zu tun haben. Wie wäre das? So lange vorwärts und rückwärts durch die Zeit reisen, bis alles 100% in Ordnung ist.»

Brenner nahm einen Schluck Mezcal.

«Guter Plan,» sagte er. «Leider undurchführbar.»

«Aha. Und warum?»

«Mit unserer Maschine kann man nur einmal durch die Zeit reisen. Nur ein einziger Zeitsprung. Und nur in die Vergangenheit.»

Jetzt brauchte auch Hofstetter einen Schluck Mezcal. Diese Leute hatten es angeblich geschafft, eine Maschine zu bauen, mit der sie aus dem Jahr 2075 zurück ins Jahr 2021 reisen konnten, aber nur mit einem Einwegticket? Keine zweite Chance, kein Weg zurück?

«Hören Sie, Herr Brenner. Was ist das denn für eine Maschine? Sie können keine modernen, leisen Laserwaffen transportieren, sondern nur gebrauchte, laute Kalaschnikows. Sie können nur ein einziges Mal an ein bestimmtes Datum reisen. Sie können nicht zurück, sondern sitzen jetzt für immer in der Vergangenheit fest. Also bitte!»

Brenner starrte auf den Tisch, auf die Schnapsgläser und die Teller mit dem Essen.

«Wir wussten, es gibt kein Zurück,» flüsterte er. «Gutes Team. Alle bereit, sich zu opfern.»

«Moment mal!» Hofstetter richtete sich auf. «Auch Nathalie wird nicht zurück in die Zukunft reisen können. Ihr sitzt alle fest, in der tiefsten, primitivsten Vergangenheit.»

«So ist es.»

«Aber wieso? Wieso ist diese Tanga-String-Maschine so schlecht, dass sie nur gut genug ist für eine einzige Nummer?»

Brenner meinte, das sei ausserordentlich kompliziert, berühre höherstehende Formeln, deren Erklärung wenig bringe, da Hofstetter diese ebenfalls nicht verstehen könne, mit seinem 2021 stehengebliebenen Gehirn.

«Nur ein einfacher Hinweis,» meinte Brenner. «Es handelt sich um eine Maschine auf der Grundlage modifizierter, ehemaliger Microsoft-Programme. Unsere Wissenschaftler von 2075 sagen, wenn es Apple-Programme gewesen wären, wäre die Maschine vielleicht besser geworden.»

«Das leuchtet ein,» antwortete Hofstetter.

Er dachte an Nathalie und spürte, wie ihm warm ums Herz wurde.

«So etwas ist heute total aus der Mode,» sagte er. «Eine Liebe, die für dich alles riskiert, die auf ihre Welt verzichtet, nur um mit dir zu sein.»

«In der Zukunft sind wir sehr romantisch.»

«Romantisch?»

«Bei Ihnen in der Vergangenheit nicht?»

Hofstetter sagte ihm die Wahrheit: «2021 ist die Liebe in aller Munde, aber mehr wie ein Kaugummi, süss und künstlich. Arbeit und Karriere sind der wahre Lebensmittelpunkt, Sex ein nebenberuflicher Sport, inklusive Panik vor Krankheit und Schwangerschaft.»

Das schien Brenner, jedenfalls für einen Moment, melancholisch zu stimmen. Er meinte, dass die Götter wohl einen grossen, kosmischen Sinn für Ironie hätten.

«Wieso meinen Sie?»

«In meiner Zukunft sind viele Frauen romantisch, aber die Männer unfruchtbar,» erklärte Brenner. «In Ihrer Gegenwart, Hofstetter, sind die Männer fruchtbar, aber die Frauen unromantisch.»

«Darauf müssen wir anstossen. Ich verspreche Ihnen, sobald wir Nathalie und den Professor gerettet haben, werde ich viele Kinder machen. Mit Nathalie, nicht mit dem Professor.»

Sie stiessen an.

«Sagen Sie, Brenner, warum sind im Jahr 2075 so viele Männer unfruchtbar? Hat es etwas mit Impfstoffen zu tun? Und wie haben Sie es eigentlich geschafft, den angeblich drohenden Untergang der Menschheit zu überleben? Und wie sind Vonneguts Leute eigentlich entstanden?»

«Eine lange Geschichte,» meinte Brenner.

«Wir haben Zeit. Das barbarische Ritual findet erst in zweieinhalb Stunden statt, und falls wir es nicht stoppen, kommt der Weltuntergang auch erst in den nächsten Monaten, nehme ich an.»

«Richtig.» Brenner lehnte sich in seinem Stuhl zurück. «Wollen Sie die Geschichte wirklich hören?»

Hofstetter wollte, und Brenner erzählte. Infolge des Rituals, das heute Abend (in zweieinhalb Stunden) stattfinden würde, werde es aufgrund des «Fluchs der Göttin» auf der ganzen Welt bald zur Verschärfung verschiedener Krisen kommen, erklärte Brenner. Pandemien, Klimakrise, Demokratiekrise: dies werde zu Bürgerkriegen führen, später zum Erlöschen der menschlichen Fruchtbarkeit. Nur wenige, von den «Kindern der Schlange» auserwählte Männer könnten in Zukunft noch Kinder zeugen. Pro Mann werde es im Durchschnitt zehn ausgewählte, junge Frauen geben. Im Jahr 2050 werde die alte Menschheit zum Grossteil überaltert oder ausgestorben sein. Gleichzeitig würden die «Kinder der Schlange» mit ihrer Fortpflanzung beginnen, in über den Globus verteilten, aztekisch dekorierten Geheimbund-Harems. Die zehn handverlesenen Harem-Frauen, die jeder Geheimbund-Mann bekomme, müssten sich immer wieder schwängern lassen, was den Männern besser gefalle als den Frauen. Einige der neuen Menschen, die aus diesen Harem-Schwangerschaften hervorgingen, würden später (von den Historikern der Zukunft) erfahren, warum in der alten Weltordnung rund sieben Milliarden Menschen aussterben mussten, nur damit sie, die neuen Menschen, so viel Platz und frische Luft hätten. Diese Tatsache werde für viele ein Schock sein. Einige würden nicht damit leben können. Besonders unter den Frauen werde sich Widerstand regen, denn diese wollten nicht länger als Harem-Brutkästen dienen, ohne die Chance auf einen frei gewählten Mann, den sie nicht mit neun anderen Frauen teilen müssten. Aus diesen Gründen werde es in der Zukunft zur Rebellion kommen. Einige Widerständler würden sich «Kinder des Lichts» nennen und die patriarchalen «Kinder der Schlange» herausfordern. Ebenso würden sich die «Kinder des Lichts» gegen das massenmörderische Unfruchtbarkeits-Urteil der Göttin Coatlicue aus dem Jahr 2021 stellen – mit dem Ziel, das Schicksal der Menschheit zu korrigieren. Eine Chance, dieses Ziel zu erreichen, werde sich schliesslich im Jahr 2075 ergeben. Dann werde die erste Zeitmaschine der Menschheit erfunden werden, und die «Kinder des Lichts» würden zurück ins Jahr 2021 reisen, um die Geschichte zu verändern.

«Wir müssen den Fluch der Göttin abwenden,» sagte Brenner, «das ist unsere Mission.»

Hofstetter schenkte sich Wasser ins Glas.

«Ich verstehe richtig,» sagte er. «Sie, Nathalie und die Anderen gehören zu den ‘Kindern des Lichts’?»

Brenner nickte.

«Vonneguts Leute gehören zu den ‘Kindern der Schlange’?»

Brenner nickte.

«Ihr wollt den Untergang aufhalten und die Harems verhindern, die eure Frauen zu Repopulations-Sklavinnen machen. Damit die Loge von Herrn Waldenroder in Zukunft nicht so mächtig wird, dass sie darüber entscheiden kann, wer ausstirbt und wer wen schwängern darf?»

«Kann man so zusammenfassen.»

«Es geht hier um eine Revolution der freie Liebe? Die Rettung der Romantik als Rettung der Menschheit?»

«Genauso.»

Hofstetter überlegte. Zum ersten Mal seit Beginn der Geschichte – seit der Entführung mit dem Mercedes – hatte er das Gefühl, nicht nur entführt worden zu sein, sondern für eine gute Sache entführt worden zu sein, ja, für eine sehr gute Sache.

«Ich kenne dieses Gefühl sonst nicht,» gestand er. «Ich arbeite in einem Grossraumbüro mit Fenster auf den Innenhof.»

Am liebsten wäre Hofstetter aufgestanden, hätte Brenner umarmt, hätte sich irgendwo eine der lauten Maschinenpistolen geschnappt und sich aufgemacht, Nathalie und den Professor zu befreien. Aber es war zu früh (immer noch zwei Stunden), ausserdem schien Brenner seine Ungeduld zu spüren.

«Bitte entspannen Sie sich jetzt, mein Freund,» sagte er. «Sie werden heute Abend alle Kraft brauchen, die Sie haben.»

«Aber ich muss an Nathalie denken, ihre Augen, das lachsfarbene Höschen!»

«Schliessen Sie die Augen, mein Freund. Konzentrieren Sie sich auf meine Stimme. Nichts anderes, nur meine Stimme.»

«Ich versuche es.»

«Lassen Sie alles los. Alle Gedanken. Wolken am Himmel, die vorbeigleiten und am Horizont verschwinden: sehen Sie sie?»

«Wolken am Himmel. Ja.»

«Das sind Ihre Gedanken, Hofstetter. Ihre Sorgen und Wünsche: diese Wolken am Himmel. Lassen Sie sie davongleiten. Lassen Sie alle Wolken ziehen. Ihr Körper wird leichter, spüren Sie es?»

«Halb und halb.»

«Doch, Sie spüren es. Ihre Finger werden leichter, die Arme, die Beine, der Kopf. Der Atem und das Herz werden langsamer, der Himmel des Geistes lichtet sich, können Sie es sehen?»

«Es geht.»

«Doch, Sie können es sehen. Und jetzt sinken Sie hinab, in die warmen Kissen Ihrer Entspannung.»

«Hinab?»

«In die Entspannung, die auf Sie wartet.»

Tatsächlich hatte Hofstetter für einen Moment das Gefühl zu sinken, und es war, als würde er – eine schwebende Bewegung des Geistes – erneut zurückgleiten in den Alltag seines Grossraumbüros. Redaktionssitzung mit Kaffee, Sitzen am Computer und wieder Kaffee.

Als Hofstetter die Augen öffnete, sah er Brenners Gesicht.

«Sie waren hypnotisiert, mein Freund. Für zwanzig Minuten. Lagen Sie auf den warmen Kissen Ihrer Entspannung?»

«Überhaupt nicht.»

«Gut, denn bald ist es soweit.»

«Wir gehen zu Nathalie?»

«Nein, zuerst müssen wir uns reinigen. Wir müssen die Seele befreien, für die Feueraugen der Göttin, die uns durchleuchten werden.»

Hofstetter winkte ab. Er meinte, dass er sich auch so ganz gereinigt fühle, kein Problem, ausserdem habe er keine Lust, sich von fremden Feuern durchleuchten zu lassen.

Aber Brenner bestand darauf, dass sie sich einer Zeremonie unterziehen müssten.

«Sie wollten wissen, was eine ‘Calea tremenda’ ist, und erst recht, was ein ‘Ah-Puch’ ist. Nun werden Sie es sehen.»

Er führte Hofstetter nach draussen durch den Korridor, vor die letzte Tür auf der rechten Seite. Brenner öffnete sie.

Drinnen sah Hofstetter Wäschekörbe am Boden, weiter drüben eine Waschmaschine. In der Mitte des Raums befand sich ein Tisch, um den Tisch versammelt das Ehepaar Flores, der Mercedes-Fahrer und Nathalies Ex. Auf dem Tisch ein tönerner Krug, neben dem Krug Trinkschalen.

«Los Fantasmas de la alma!» rief Frau Flores.

Sie hatte die Arme ausgebreitet, die Augen geschlossen, den Kopf schamanisch hin- und her wippend, zitternd, um den Hals eine knochige, blutig betupfte Kette. Auch Herr Flores hatte die Augen geschlossen, bebend, schwitzend, sabbernd.

«Sollen wir den Arzt rufen?» flüsterte Hofstetter.

Brenner reagierte nicht. Sie warteten, bis Frau Flores wieder ihre Augen öffnete. Als sie es tat und Hofstetter erblickte, zischte sie auf.

«Tenso! Cola floja!»

Herr Flores und der Mercedes-Fahrer versuchten sie zu beruhigen, hielten sie fest, wobei Frau Flores mit den Armen wackelte, während die Knochenkette schaukelte und fröstelte.

«Schnell,» sagte Brenner. «Zur Waschmaschine.»

Hofstetter folgte ihm zur Maschine. Dort öffnete Brenner das Bullauge der Zentrifuge. Er kniete sich hin, um mit den Händen in die Wäschetrommel zu greifen. Als er sie wieder rauszog, hielt er etwas in der Hand, das wie ein kleines Tier aussah. Wie ein – Meerschweinchen.

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Giuseppe Gracia

Giuseppe Gracia (*1967) ist freier Autor und für «Die Ostschweiz» als Publizist tätig. Er ist verheirateter Vater von zwei Kindern und lebt in St.Gallen.

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