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Satire

Die Corona der Schöpfung

Die Ostschweiz dreht durch. Zumindest die Felgen der Poser, die durch Rorschach brettern und die Frage aufwerfen, wer das Brett vor dem Kopf hat: Die Desperados der geleasten Pferdestärken oder die Spassbremsen auf dem E-Bike?

Ralph Weibel am 06. Juli 2020

Mit den hochphilosophischen Worten: «Es muss manchmal knallen, das liegt im Blut. Wenn das Auto nicht knallt, dann ist es kein Auto», bringt es P. (19), Herr über 500 PS eines Porsche Panamera GTS, den er zum Geburtstag bekommen hat, gegenüber dem Ostschweizer Lokalfernsehen auf den Punkt. Es geht ums Knallen! Ein in der Evolution nicht zu unterschätzender Faktor. Ohne wären wir vom Aussterben bedroht wie die Pandabären. Die haben das Fressen als Alternative zum Fortpflanzungsstress entdeckt, um den sie sich nur zwei bis drei Tage im Jahr kümmern. Vielleicht sollte man sich einmal Gedanken über den Zusammenhang von boomenden Kochsendungen und Geburtenrückgang machen. Aber dazu ein andermal mehr.

Sind wir ehrlich, wer in der Evolution eine Rolle spielen will, muss laut sein. Herr Amsel vor meinem Fenster pfeift sich den ganzen Tag die Lunge aus dem Hals. Nicht um mich zu beeindrucken, sondern Frau Amsel. Ein Hirsch röhrt nicht, weil es besonders gut tönt, sondern weil der Lauteste die schärfste Kuh abbekommt. So gesehen ist P. nicht durchgeknallt, seine durchdrehenden Räder sind viel mehr ein Schrei nach Liebe. Die Stillen sterben aus, nicht die Lauten. Denken Sie an die Politik. Die wählerstärkste SVP ist keine Freundin der leisen Töne, Klimademonstranten machen keinen Schweigemarsch und auch wenn uns bei George Floyd die Worte fehlen, ist es eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Der Schluss liegt daher nahe, die Poser vom Bodensee seien keine Idioten, sondern die Corona der Schöpfung.

Dagegen muss das Verhalten der Empörten und Lärmgestörten als lebensfeindlich bezeichnet werden. Nicht auszudenken was mit der Menschheit geschähe, wenn die Genderbeauftragten auf ihren E-Bikes die Macht übernähmen. Bald würde es so still wie in den Nachtclubs und Bars nach Mitternacht. Das mag einige Freunde von Pandabären freuen. Im Hinblick auf den Fortbestand der Menschheit sollte es uns ernsthaft zu denken geben.

Das hat der, allzeit um unser Wohlergehen bemühte, Bundesrat schon vor einem Jahr gemerkt und deshalb ein Gesetz erlassen, welches von E-Autos verlangt, über Lautsprecher die Umwelt mit Motorensound zu bespielen. Ausgerechnet bei Tempi unter 20 km/h, was eigentlich zur Verkehrs- und Lärmberuhigung gedacht war. Nicht auszudenken, wenn das unsere Poser merken. Demnächst könnten sie im Schritttempo defilieren und gleichzeitig tönte es wie bei einem Formel-1-Rennen.

Stölzle /  Brányik
Über den Autor
Ralph Weibel

Ralph Weibel ist Bühnenautor und Nebelspalter-Redaktor.

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