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Kolumne

Die ewigen Besserwisser und Nörgler

Ich hatte die feste Absicht, mich «antizyklisch» zu verhalten und in dieser Kolumne nicht über die Situation rund um den Corona-Virus zu schreiben – aber das wäre nicht authentisch, dieses Thema ist allgegenwärtig, bestimmt meinen Alltag umfassend. Darum doch – ganz persönlich, ungefiltert.

Susanne Vincenz-Stauffacher am 22. März 2020

Die erste direkte Auswirkung für mich: Abbruch der Frühlingssession am letzten Sonntag. Nach dem anderslautenden Entscheid unserer Ratsbüros zwei Tage zuvor kam dieser Umschwung für mich ausgesprochen überraschend - und sinnigerweise in einem Zeitpunkt, als ich noch mitten in der Vorbereitung der Sessionsgeschäfte war.

Ich habe den Abbruch sehr bedauert, weil wichtige Geschäfte auf der Traktandenliste standen, wie z.B. die Überbrückungsrente für ältere Arbeitslose und das CO2-Gesetz. Ich kann den Entscheid aber gut mittragen – zu akzeptieren hatte ich ihn sowieso.

A propos Akzeptanz: Wieviel konstruktiver wäre es doch, wenn die Energien der ewigen Besserwisser und Nörgler, welche jede Entscheidung der Behörden kritisieren, dafür eingesetzt würden, den eigenen Teil zur Bewältigung der Krise beizutragen!

Die ausgesprochen dicht gefüllte Agenda für diese Woche war mit einem Schlag leer. Was ja eigentlich eine durchaus befreiende Wirkung haben könnte/sollte, hat mich im ersten Moment eher ratlos zurückgelassen. Inetwa so, wie wenn mitten in einem 100-Meter-Lauf das Rennen abrupt abgebrochen wird.

Aber dann holte mich die Realität ein: Als Mutter im Austausch mit meinen Töchtern über Generationensolidarität; als Rechtsanwältin und damit Ansprechperson für verschiedenste rechtliche Fragen im Zusammenhang mit dem «Lockdown»; als Tochter von Eltern, welche sich in freiwilliger Quarantäne befinden; als Präsidentin einer Institution, welche ihre operativen Abläufe neu erfinden muss; als Gotti einer Jugendlichen, deren Konfirmation nun nicht durchgeführt werden kann; als Hundehalterin von Luna, die es einfach nur cool findet, wie ungewohnt viel Gesellschaft sie zu Hause hat; als Konsumentin, die nun viel bewusster einkauft; als Freundin, welche die Jassabende durch whatsapp Kontakte ersetzt; als verärgerte Beobachterin, dass ältere Personen sich in grosser Zahl nicht um die – zu ihrem Schutz (!) – erlassenen Empfehlungen scheren und nach wie vor in Gruppen unterwegs sind; als «Social Media»-Nutzerin begeistert von den Initiativen aus der Zivilgesellschaft – und und und!

Politisch ist nun vor allem eines dringend, und zwar wirklich dringend: Selbständigerwerbenden und ihren mitarbeitenden Familienmitgliedern muss schnell und unbürokratisch der Zugang zu Kurzarbeitsentschädigung und Arbeitslosenleistungen geöffnet werden. Der reguläre politische Prozess dauert zu lange. Es kann einfach nicht sein, dass eine Vielzahl von KMU in Existenznot geraten, weil wir zu wenig schnell reagieren und die benötigte Hilfe nicht genügend rasch zur Verfügung stellen.

Fazit: Wir sind alle in vielfältigster Weise von dieser aussergewöhnlichen Situation betroffen. Machen wir das Beste daraus. Die gemeinsame Bewältigung dieser Krise macht uns vielleicht nicht zu besseren Menschen, aber hoffentlich zu bewussteren. In der Bundeshauskuppel prangt die Inschrift «unus pro omnibus - omnes pro uno», «Einer für alle - alle für einen» - genau so!

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Susanne Vincenz-Stauffacher

Susanne Vincenz-Stauffacher (*1967) ist Rechtsanwältin und wohnt in Abtwil. Die FDP-Politikerin ist seit Dezember 2019 Mitglied des Nationalrats.

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