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Egal was: Hauptsache Apokalypse

Die verblüffenden Parallelen zwischen Corona und dem Klima

Wir werden alle sterben. Und das sehr bald. Sei es wegen der Klimaerwärmung oder aufgrund eines Virus. Unsere tiefe Sehnsucht nach dem baldigen Untergang wird zum Dauerprogramm. Eine Analyse der letzten drei Jahre.

Stefan Millius am 14. Mai 2021

Viel wurde gesagt, geschrieben und verfilmt gezeigt, nachdem 2019 die Klimadebatte in unseren Breitengraden so richtig aufkam. Auslöser war nicht ein reales Ereignis, gegenüber 2018 oder 2017 hatte sich gar nichts verändert, schon gar nicht das Klima, entscheidend war nur ein mediales Phänomen: Ein Teenager namens Greta Thunberg. Sie brachte die Massen auch bei uns auf die Strassen, sie holte den kleinen Rebellen aus den bravsten Bürgern, ein Plakat ist schnell gemalt, und alles ist besser als Schulunterricht. Streik ist ein grosses Wort. In aller Regel waren es von Schulen geförderte Auszeiten.

Das hatte Auswirkungen. Wenn sich die Strassen bewegen, bewegt sich auch die Politik früher oder später. Man will ja wiedergewählt werden. Nun stimmen wir deshalb bald über das CO2-Gesetz ab, unterm Strich eine Ausgeburt einer völlig übersteigerten Panikmache, die zwar nicht das Klima retten wird, aber unser Leben, wie wir es kennen, umwälzen kann. China pumpt in die Luft, was immer es will, aber immerhin erreichen wir bei uns früher oder später irgendwelche völlig irrelevanten Kennzahlen. Politik ist Illusion.

Das alles klingt ziemlich aktuell. Das erleben wir jetzt auch wieder. Aber bleiben wir noch kurz beim Klima.

In einer TV-Reportage aus dem Jahr 2019 waren einige der Hysterie sehr nahe Frauen zu sehen, von denen eine in die Kamera brüllte, dass unseren Kindern nur noch wenige Monate zu leben bleiben. Sie formulierte es nicht als Möglichkeit, als theoretische Gefahr, sondern als unabwendbare Tatsache. Wenn wir nicht alle sofort aufhören, Auto zu fahren oder zu fliegen, steht uns der sichere Tod unmittelbar bevor: Das war die Aussage. Wir sind alle dem Untergang geweiht, und zwar unmittelbar.

Die Frau meinte es ernst. Sie hatte sichtlich Angst, ehrliche Angst. Ob die besagte Dame heute noch lebt, ist nicht überliefert, die meisten von damals tun es jedenfalls noch. Trotz allem. Auch wenn seither nichts zugunsten des Klimas passiert ist. Eigentlich würde das als Beweisführung reichen, aber wen interessieren heute noch nackte Tatsachen?

Die übersteigerte Panik von damals erinnert in verblüffender Weise an das, was jetzt gerade auch passiert. Das Klima ist Corona, Corona ist das Klima. Und das ist kein Zufall.

Offenbar liebt die Menschheit in unseren Breitengraden, überfüttert vom grenzenlosen Überfluss, von der ewigen Sorglosigkeit, die Idee vom nahenden Tod, von der Apokalypse, vom Untergang der gesamten Menschheit. Anders ist es nicht zu erklären, was 2019 passierte – und seit Frühjahr 2020 wieder.

Es ist ja keineswegs alles falsch, was im Zug der Greta-Kampagne kritisiert wurde. Wir haben in der Tat ziemlich exzessiv gelebt in den letzten Jahren und dabei vieles übertrieben: Konsum, Freizeit, Tourismus. Unser Motto war: «Hier ist die Welt, ich bewohne sie, und ich schöpfe sie aus, ohne darüber nachzudenken – nach mir die Sintflut.» Es ist nicht verkehrt, das zu hinterfragen. Ein Innehalten würde uns allen wohl wirklich gut tun. In einem Ausmass, das den Wohlstand nicht gefährdet, von dem wir alle profitieren.

Aber diese Erkenntnis hat absurderweise nicht zu einer gesunden Mässigung geführt, sondern zu einem anderen Exzess: Zur nackten Angst vor der baldigen Auslöschung der Menschheit und völlig übersteigerten Reaktionen. Seit einigen Jahren vermittelt uns die Politik: Wir werden alle umkommen aufgrund abschmelzender Gletscher und ansteigender Meeresspiegel, und wenn das nicht reicht, dann ist es doch sicher dieses Virus, das uns den Rest gibt, auch wenn es derzeit rund 99 Prozent der Leute in Ruhe lässt. Egal was, irgendwas killt uns mit Sicherheit. Das muss doch einfach so sein!

Man hat wirklich den Eindruck, dass sich die Regierungen dieses Endzeitszenario förmlich herbeiwünschen und mit dem Szenario bei der Bevölkerung offene Türen einrennen. Dass pubertierende Schüler während der Unterrichtszeit für ihre Ideale auf die Strasse gehen, ist das eine, das liegt in der Natur der Sache, aber inzwischen ist auch der erwachsene Teil der Bevölkerung von permanenten Endzeitszenarien eingeholt worden. Und läuft im heiligen Ernst an der frischen Luft mit Gesichtsmasken herum.

Woher kommt dieser tiefe Wunsch nach der Apokalypse, die alles zerstört? Neu ist das Phänomen nicht. Die Gallier lebten in dauernder Angst vor dem Himmel, der ihnen auf den Kopf fallen könnte. Das klingt albern. Aber im Rückblick scheint diese surreale Panik schon fast nachvollziehbar. Zumindest im Vergleich mit den Ängsten, die seit drei Jahren geschürt werden. Über Nacht tötet uns das sich allmählich verändernde Klima? Oder ein Virus, das explizit nur klar umrissene Risikogruppen betrifft?

Der gesunde Menschenverstand sagt: Nein. Die Politik sagt: Ja. Vielleicht geht es uns einfach zu gut. Vielleicht kann man nicht straflos eine Welt erschaffen, die – bei allen Defiziten, die es auch gibt – unterm Strich belegbar immer friedlicher wird und in der immer mehr Menschen Zugang zu genügend Wasser, Nahrung, Schulbildung und medizinischen Angeboten haben. Jede Studie beweist, auch wenn uns die Medien ein anderes Bild vermitteln, dass diese Welt immer besser wird. Natürlich nicht für alle, wir haben längst nicht alle Probleme gelöst, aber immer mehr Menschen geht es gut, auch wenn pure Mathematik angesichts des nach wie vor existierenden Leids ungerecht erscheint. Es gab nie weniger Krisenherde als heute. Was man natürlich nicht glauben mag, wenn man am Bildschirm klebt, wenn SRF läuft.

Offenbar können wir mit dieser Entwicklung nicht umgehen. Es kann doch einfach nicht gut sein! Wir brauchen dringend eine tiefe Verunsicherung. Eine, die uns vorspiegelt, dass alles, was wir erreicht haben, nur auf Zeit ist. Und zwar auf knappe Zeit.

Die Ironie liegt darin, dass viele, die heute gegen die Coronamassnahmen demonstrieren, noch vor zwei Jahren von Greta Thunberg inspiriert auf der Strasse für den Klimaschutz weibelten. Sie hielten die Gefahr, die damals kolportiert wurde, für völlig real. Sie hielten die Apokalypse für nah. Was jetzt geschieht, halten sie hingegen für unverhältnismässig. Dabei war es das damals schon. Aber wohl weiter weg vom eigenen Leben. Nun betrifft sie das, was geschieht, direkt. Und tut weh. Und die Grenzen vermischen sich. Nein, liebe Medien, da draussen treffen sich nicht Rechtsextreme ohne Maske. Es sind die Menschen, die erst noch Angst hatten aufgrund des Klimawandels.

Mit ziemlich sichtbarer Verzweiflung versuchten die Klimaschützer in den letzten zwölf Monaten, ein bisschen Aufmerksamkeit zurückzugewinnen. Kein Mensch interessierte sich noch für ihre Mission, obwohl wir doch angeblich erst gerade alle aufgrund des durch Menschen verursachten Klimawandels vor dem sicheren Tod standen. Die erwähnte Greta versuchte punktuell, die Welt wieder für ihr Anliegen zu interessieren, mit mässigen Erfolg.

Interessant, wie schnell eine Gefahr verschwinden kann, weil eine neue auftaucht. Aber niemand mochte sich recht interessieren für die vereinzelten Klimaaktivitäten der letzten Monate. Man war zu beschäftigt mit der neuen Apokalypse. Das, was uns angeblich erst gerade ultimativ bedroht hat, ist plötzlich kein Thema mehr. Corona verdrängt das Klima. Wir kennen das. Tschernobyl verdrängt das Waldsterben, irgendwas hat Tschernobyl verdrängt. Angst ist flüchtig und wird von einer neuen Angst ersetzt.

Das alleine müsste uns klar machen, wie zufällig diese Endzeitszenarien sind. Nehmen wir an, morgen taucht eine Steckmücke in Westeuropa auf, die eine Spielart von Ebola überträgt und uns bedroht: Wer würde übermorgen noch von Covid-19 sprechen? Der Klimaschutz würde dadurch auf Platz 3 versauern, und Greta Thunberg wäre früher oder später gezwungen, eine richtige Arbeit aufzunehmen. So schnell kann es gehen.

Das alles wäre natürlich nicht möglich gewesen, wenn wir heute nicht in Echtzeit und auf Knopfdruck Angst schüren könnten via sozialen Medien. Sie sind ein Segen und ein Fluch. Wir könnten sie nützen, um Zuversicht zu streuen, Zuversicht ins Leben. Stattdessen dienen sie heute dazu, Panik zu verbreiten. Mal ist es das Klima, dann Corona, morgen wieder etwas anderes.

Und das alles, um die Geschichtsbücher für die übernächste Generation zu füllen. Die wird es nämlich geben. Trotz allem. Die Menschheit überlebt. Ohne «Friday for future», ohne Masken, ohne Lockdowns. Aber offenbar erträgt das eine Mehrheit nicht. Wir brauchen die Angst vor der Apokalypse, um unser Dasein zu ertragen.

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Stefan Millius

Stefan Millius (*1972) ist Chefredaktor von «Die Ostschweiz».

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