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Genusswerkstatt Herisau

«Die wirtschaftliche Ungewissheit hat mir schlaflose Nächte bereitet»

Produkte, die wegen ihrer Qualität gekauft werden und Arbeitsplätze, die Menschen mit Beeinträchtigungen ins soziale Leben miteinbeziehen – das ist das Ziel der Genusswerkstatt Herisau. Wie die Zusammenarbeit funktioniert, erklärt Geschäftsleiter Urs Stuker im Interview.

Manuela Bruhin am 04. März 2021

Von den Salatkräutern bis hin zum Rüeblicake haben Sie viele Produkte im Sortiment. Auf was wird bei den Produkten am meisten Wert gelegt?

Wir wollen bei uns in der Genusswerkstatt Produkte herstellen, die Freude machen. Produkte, welche qualitativ hochwertig sind, handwerklich hergestellt werden und ausschliesslich aus biologischen Grundstoffen bestehen.

Vor rund fünf Jahren hatten Sie die Idee, einen Produktionsbetrieb für alltägliche Lebensmittel zu schaffen, der gleichzeitig auch Arbeitsplätze für Menschen mit Beeinträchtigung bietet. Wie hat sich die Arbeit seither verändert?

Als wir auf dem Hof Baldenwil mit der Herstellung von Kräutersalzen und Tees begannen, war dies noch etwas «handglismet». Über die Jahre haben sich aber die Produkte immer professioneller entwickelt. Wir wussten auch immer besser, wo unsere Stärken und Fähigkeiten liegen, was wir wollen und wohin wir wollen. Wichtig war dabei aber auch, zu wissen, was wir nicht wollen. Heute sind wir in erster Linie ein Lebensmittel verarbeitender Betrieb. Mit dem Umzug der Verarbeitung nach Herisau, in Räume der Fluora Immobilien, können wir unsere Produktionsabläufe deutlich verbessern. Durch die Coronakrise ist das Tagesgeschäft schwierig zu planen, was natürlich auch eine grosse Auswirkung auf die tägliche Arbeit hat.

Worin bestanden die grössten Herausforderungen, die Sie bewältigen mussten?

Die grösste Herausforderung bestand darin, die Genusswerkstatt Herisau im Mai letzten Jahres aus der Stiftung Tosam herauszulösen und unter einer neuen Trägerschaft, dem Verein Werkplatz, weiterzuführen. Die wirtschaftliche Ungewissheit mit den Entwicklungen rund um Corona haben mir doch einige schlaflose Nächte bereitet. Nun sind wir seit fast einem Jahr eigenständig, was sich im Nachhinein als die richtige Entscheidung gezeigt hat.

Bleiben wir bei der Corona-Krise, die vieles zum Negativen verändert hat. Regionale Anbieter konnten jedoch auch davon profitieren, weil sich anfangs einige Leute nicht mehr zum Grossanbieter getrauten.

Für uns hat sich Corona auf das ganze letzte Jahr gesehen nicht negativ ausgewirkt. Wir haben, wie viele andere auch, gemerkt, dass sich die Einkaufgewohnheiten der Kunden stark gewandelt haben. So nahm das Umsatzvolumen im Onlinebereich sehr stark zu, im Kunden- und Mitarbeitergeschenkbereich konnten wir ebenfalls stark profitieren. Sehr geschätzt wurde, dass wir hier individuelle Lösungen anbieten können. Weniger gut lief über das ganze Jahr gesehen sicherlich der Retailbereich, was natürlich auch mit dem Lockdown zusammenhing.

Bei Ihnen arbeiten wie gesagt Menschen mit Beeinträchtigungen. Wie funktioniert die Zusammenarbeit?

Inklusion ist ja im Moment ein wichtiges Thema in der Sozialen Arbeit. Das Ziel ist es, Menschen mit einer Beeinträchtigung gleichwertig ins soziale und gesellschaftliche Leben miteinzubeziehen. Wir wollen hier einen Schritt weiter gehen und ein Arbeitgeber sein, der Menschen mit und ohne Beeinträchtigung Arbeitsplätze anbietet, die gleichwertig sind. Alle Mitarbeitenden sollen bei uns ihre Ressourcen und Stärken einbringen können. Menschen mit einer Beeinträchtigung sollen nicht einfach betreut werden. Sie sollen spannende, herausfordernde Arbeitsplätze erhalten, wo sie, wie alle andere auch, die entsprechende Wertschätzung und Genugtuung durch die verrichtete Arbeit erhalten.

Sie erhalten keine finanzielle Unterstützung der öffentlichen Hand, sind also auch auf Spenden und Beiträge angewiesen. Wie gross ist die Unterstützung, die Sie erhalten, seitens der Gönner und Mitglieder?

Unser Ziel ist es, den grössten Teil unseres Aufwandes durch die Einnahmen unserer Produktion decken zu können. Im Moment ist die Unterstützung durch Spender und Gönner noch eher bescheiden – was aber vor allem auch damit zu tun hat, dass wir in den vergangenen Monaten einfach zu wenig Zeit hatten, uns ums Spendensammeln zu kümmern.

Spender und Gönner brauchen wir in den kommenden Monaten vor allem, um zwei grössere Investitionen realisieren zu können. Zum einen der Einbau von zwei neuen Verarbeitungsräumen, zum anderen Investitionen in IT- und Webbereich.

Sie haben über 300 Produkte im Sortiment. Wollen Sie das in Zukunft weiter ausbauen? Oder worauf legen Sie den Fokus?

Es wird auch künftig sicherlich das eine oder andere neue Produkt dazukommen. Es wird aber sicher auch immer wieder ein Produkt aus dem Sortiment gestrichen. Bei der Zahl der Produkte werden wir daher nicht mehr wesentlich wachsen. Im Moment legen wir sicher einen Fokus auf den Onlineshopbereich, zudem wollen wir auch im Kunden- und Mitarbeitergeschenkbereich weiterwachsen. Geplant ist ausserdem, unseren kleinen Laden in der Genusswerkstatt weiter auszubauen.

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Stölzle /  Brányik
Autor/in
Manuela Bruhin

Manuela Bruhin (*1984) aus Waldkirch ist Redaktorin von «Die Ostschweiz».

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