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Stille statt Panikrufen

Die Zahlen sind verschwunden, die Folgen bleiben

Es ist schon fast unheimlich: Erstmals seit einem Jahr werden wir derzeit nicht dauerbeschallt von Bundesrat, Bundesamt für Gesundheit oder der Task Force. Beziehungsweise immerhin diskreter. Weil es nicht mehr so viel zu sagen gibt – und weil es auch ohne das bestens läuft.

Stefan Millius am 10. März 2021

Es existiert also doch: Das sagenumwobene Perpetuum mobile. Erfunden hat es ausgerechnet die Schweizer Landesregierung. Die ist eigentlich nicht berühmt für technische Errungenschaften. Sagen wir es höflich: Wenn man sichergehen will, dass beispielsweise ein IT-Projekt möglichst lange dauert, möglichst teuer ausfällt und möglichst nicht funktioniert, sollte man es in die Hände des Bundes geben. Aber nun, chapeau, hat der Bundesrat das Unmögliche geschafft: Eine Maschine, die sich aus eigener Kraft bewegt, die Energie aus sich selbst schöpft und die niemals mehr anhalten wird.

Die Rede ist von der aktuellen Coronapolitik. Die benötigt inzwischen nicht mal mehr die übertriebene Darstellung der Situation, von der sie monatelang gelebt hat. Alle relevanten Zahlen, selbst wenn sie noch fundiert erhoben worden wären (was sie nie waren), sind mittlerweile auf einem Level, das niemanden mehr in Aufregung versetzen kann. Oder hat jemand in jüngster Zeit offensive Darstellungen von Fallzahlen oder dem R-Wert vernommen? Nicht einmal Berufsbesorgte wie die Leute von der Task Force können angesichts dessen, was sich aktuell präsentiert, noch ihr früheres Powerplay vollführen, ohne sich nicht zumindest ansatzweise etwas peinlich berührt vorzukommen.

Aber müssen sie ja auch gar nicht mehr. Die Restaurants sind noch immer zu, privat dürfen sich nach wie vor nur fünf Leute treffen, vor den Läden stehen gleichzeitig dichtgedrängt Menschenschlangen. Die Absurdität der an- und abschwellenden Massnahmen ohne jede Evidenz ist längst mit den Händen greifbar, doch die Masse spielt weiter mit. Es braucht keine im Zusammenspiel mit Grossverlagen orchestrierten Horrorschlagzeilen mehr, um damit durchzukommen. Es läuft. Was auch immer die Absicht dahinter sein mag: Es funktioniert.

Natürlich gehen die Restaurants irgendwann wieder auf. Die Politiker haben ja auch keine Lust, auf Jahre hinaus versteckt essen zu gehen. Aber dann tritt anderes an diese Stelle. Die versteckte Impfpflicht, getarnt hinter sogenannten «Vorteilen» für Geimpfte. Die Maske, die offensichtlich gekommen ist, um zu bleiben. Das faktische Versammlungsverbot, das Unterbinden von «zu vielen» sozialen Kontakten: Diese Dinge mögen phasenweise wieder aufgeweicht oder erhärtet werden, in irgendeiner Form können sie jedenfalls nach Bedarf immer wieder abgerufen werden, weil sich kein Mensch mehr wundert – oder wehrt.

Die Basis ist gelegt. Die monatelange Kampagne, die wechselweise besagte, dass wir alle sterben oder zumindest den Tod von jemand anderem verursachen, hat ihre Wirkung gezeigt, ohne dass sie aufrecht erhalten bleiben muss. Nun geht es nur noch um grossflächige Tests und den Heilsbringer Impfung. Diese Dinge brauchen keinen Treiber mehr. Die Vorarbeit war glänzend. 2021 könnte die Untersterblichkeit des Jahrhunderts bringen, irgendwie wären sie immer noch nötig, selbst ohne jede Erklärung. Plus natürlich die Maske und die Unterbindung von all dem, was dem Bundesrat irgendwie unheimlich ist: Leute, die sich treffen und Spass haben und leben.

Das Land wurde umgebaut. Die Gesellschaft wurde verändert. Was vor einem Jahr temporär anmutete, ist nachhaltig. Mit der Hilfe einer Masse, die dazu bereit war. Es ist eine Erleichterung für den Bundesrat. Er muss nicht einmal mehr apokalyptische Prognosen formulieren. Es geht auch ohne.

Ironischerweise hat ausgerechnet die Risikogruppe des Coronavirus einen kleinen Trost. Sie ist in einem Alter, indem sie die Ergebnisse dieses Umbaus nicht mehr lange miterleben muss.

Aber, ohne jedes Pathos: Wir haben auch noch Kinder.

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Stefan Millius

Stefan Millius (*1972) ist Chefredaktor von «Die Ostschweiz».

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