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Kilian Looser | Gemeinde Nesslau

«Diese Frage scheint mir auf einem Klischee zu basieren»

Fehlt es an Attraktivität? Ist der Wohnungsmarkt instabil? Beides verneint Kilian Looser, Gemeindepräsident von Nesslau-Neu St. Johann. Allerdings müsse man sich noch stärker als «Tor zum Obertoggenburg» positionieren. Und auch eine Umfahrung ist angedacht.

Marcel Baumgartner am 01. April 2021

Kilian Looser, welche Vorzüge kann die Gemeinde Nesslau aufweisen, die sie deutlich von anderen unterscheidet?

Das geografische Zentrum des Kantons St. Gallen liegt in Nesslau. Nesslau ist ländlich geprägt, die Natur hat einen hohen und wichtigen Stellenwert. Die vielen Bauernbetriebe hegen und pflegen diese Gut. Diesem Umstand tragen wir Sorge. Die Work-Life Balance ist bei uns gegeben. Wir sind sowohl mit dem öffentlichen Verkehr als auch mit dem Auto sehr gut erschlossen.

Seit Jahren schon kämpft das obere Toggenburg darum, an Attraktivität zuzulegen. Konnte diesbezüglich eine Verbesserung erzielt werden?

Diese Frage scheint mir auf einem Klischee zu basieren, das so nicht stimmt. Das Toggenburg ist sehr attraktiv. Es ist ein hervorragendes Naherholungsgebiet mit alle seinen Vorzügen. Der Toggenburger mag im ersten Moment zwar etwas reserviert wirken. In Wahrheit ist er emsig, verlässlich, bodenständig und weltoffen. Dies spiegelt sich nicht zuletzt in den innovativen Unternehmen im Tal wieder. Die heutige UBS wurde in Lichtensteig gegründet. Kägi, Morga, Alder & Eisenhut, Bürstenfabrik, IST beispielsweise sind im internationalen Umfeld tätige Unternehmen. Viele weitere gibt es im Tal. Ich behaupte, wenn die Medien nicht vom Klischee, sondern von den Vorzügen berichten würden, wäre das Thema erledigt. Behalten wir in Erinnerung, dass unendliches Wachstum gar nicht unser Ziel sein kann.

Macht sich dies auch schon im Arbeitsmarkt bemerkbar?

Es ist feststellbar, dass in den letzten Jahren verschiedene neue Stellen geschaffen werden konnten. Es gibt noch Potential für weitere Arbeitsplätze. COVID zeigt auf, dass es durchwegs möglich ist, dort zu arbeiten und zu leben, wo auch Ferien gemacht werden können. Neue Arbeits-Modelle werden uns noch weiter stärken.

In welchem Gebiet könnte sich Nesslau als Gemeinde grundsätzlich noch stärker positionieren? Wo liegt noch Potenzial?

Nebst einer zeitgemässen Infrastruktur muss es gelingen, uns als «Tor zum Obertoggenburg» zu positionieren. Die Anreise muss schon zum Erlebnis werden. Unser Ziel ist es, nicht zu einer Schlafgemeinde zu werden, sondern die Attraktivität weiter zu steigern. Arbeitsplätze müssen weiter geschaffen werden. Mit der Fertigstellung der Umfahrungen Bütschwil und Wattwil haben wir zukünftig direkten Autobahnanschluss. Die noch bessere Erreichbarkeit wird uns in unserer Entwicklung unterstützen. In ferner Zukunft werden wir dereinst über eine Umfahrung Nesslau diskutieren.

Bei meiner Fahrt durch Nesslau fielen mir einige Schilder auf, die für leerstehende Wohnungen werben. Wie sieht es auf dem Wohnungsmarkt bezüglich Angebot und Nachfrage aus?

Dies scheint mir wieder ein Klischee zu sein. Im Moment deckt das Angebot die Nachfrage nicht. Insbesondere Einfamilienhäuser sind gefragt. In den letzten vier Jahren wurden rund 150 neue Wohnungen gebaut. Die Nachfrage konnte noch nicht gestillt werden und eine ähnliche Anzahl an Wohnungen ist in Planung. Teilweise gibt es alte Häuser oder Wohnungen, welche schwieriger zu vermieten sind. Hier ist oft ein Investitionsbedarf für zeitgemässes Wohnen vorhanden.

Kilian Looser

Kilian Looser

Nicht wenige Gemeinden im Toggenburg setzen stark auf die Karte «Tourismus». Legt auch Nesslau den Fokus auf diesen Bereich?

Das touristische Schwergewicht in der Region ist die Gemeinde Wildhaus-Alt St. Johann. Mit dem touristischen Entwicklungskonzept (TEK) konnten erstmals verschiedene Leistungsträger noch besser zusammengefasst werden. Dies erstreckt sich nun von Wildhaus über Nesslau, Lichtensteig bis zum Baumwipfelpfad in Mogelsberg. Toggenburg Tourismus hat die Aufgabe, die touristischen Angebote sichtbar zu machen. Dies erfolgt in Abstimmungen mit den Gemeinden im Thur- und Neckertal und – falls vorhanden – mit den lokalen Tourismusvereinen.

Müsste hier noch vermehrt eine Gemeinde-übergreifende Zusammenarbeit stattfinden?

Dies ist mit Toggenburg Tourismus gegeben. Mit dem touristischen Entwicklungskonzept (TEK) wird die Zusammenarbeit nun noch weiter gefestigt. Mit dem «Schlagwort» übergreifende Zusammenarbeit passiert noch nichts. Umsetzen ist harte Knochenarbeit und, wie Sie richtig feststellen, die einzelnen Gemeinden und Körperschaften sind gefordert.

Gemeindesteckbrief

  • Anzahl Einwohner/innen: 3’600

  • Fläche: 92 km2

  • Gemeindepräsident seit 2011: Kilian Looser

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Marcel Baumgartner

Marcel Baumgartner (*1979) ist Co-Chefredaktor von «Die Ostschweiz» sowie Verlagsleiter der Ostschweizer Medien AG. Das Medienunternehmen hat seinen Sitz in St.Gallen.

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