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Ein Ostschweizer Bestatter berichtet

«Dürfen diese Menschen denn nicht gehen?»

Überlastete Krematorien, Bestatter, die unter der Arbeitslast ächzen: Dieses Bild wurde in den letzten Wochen vermittelt. Ursache sei Corona. Die Berichte stützen die These des Killervirus. Ein Ostschweizer Bestatter zeichnet ein ganz anderes Bild der Lage.

Stefan Millius am 07. Januar 2021

Markus Kuster* führt ein Bestattungsunternehmen in der Ostschweiz. Erstaunt hat er registriert, dass seine Branche in der Berichterstattung zu Corona seit einiger Zeit viel Raum erhält. Walliser und Westschweizer Bestatter haben publikumswirksam in verschiedenen Medien berichtet, sie kämen mit der Arbeit kaum mehr nach. Aus Krematorien aus verschiedenen Landesteilen wurde eine Überlastung der Kapazitäten gemeldet.

Kuster sagt dazu: «Es wird einfach zu viel gelogen.» Oder etwas eleganter formuliert: Nicht alles gesagt.

Er nennt ein Beispiel: Das Krematorium Rosenberg in Winterthur. Dieses kam seit Dezember mehrfach in die Schlagzeilen. «Viele Corona-Tote in Winterthur», titelte der Landbote. «Krematorien kommen mit Corona an den Anschlag», meldete «20 Minuten». Bis zu 25 statt wie üblich rund 12 Tote habe man täglich, lässt sich der Leiter zitieren.

Was nicht kommuniziert werde, so Markus Kuster: Dass im Dezember das Krematorium Schaffhausen einer Revision unterzogen und geschlossen wurde. Sämtliche Verstorbenen wurden nach Winterthur zur Einäscherung gebracht. Inzwischen laufe der Betrieb in Schaffhausen wieder, «aber von den sechs Öfen in der Stadt Zürich werden aktuell zwei revidiert, und was dort nicht bewältigt werden kann, kommt ebenfalls nach Winterthur.»

Sprich: Die Überlastung im Krematorium Rosenberg hat kaum nur mit Corona zu tun - wenn überhaupt. Sondern damit, dass von anderswo «Arbeit» geliefert wurde.

Bis im Oktober 2020 habe er selbst es mit drei Verstorbenen mit dem Coronavirus zu tun gehabt, sagt Kuster, im November sei die Zahl etwas höher gewesen. Aber nichts, was aus der Norm gefallen sei. In allen Fällen sei es nach seinem Wissen um Menschen mit starken Vorerkrankungen gegangen, bei denen das Virus als «Verstärker» gewirkt habe. «Wir sprechen hier von Menschen mit Jahrgängen wie 1924, 1927, 1928, 1931 - dürfen die denn nicht gehen?» Der Bestatter stellt die Frage rhetorisch, das Unverständnis ist seiner Stimme anzuhören.

Er ärgert sich auch über die bildliche Darstellung der Situation. Ein Bild, auf dem viele Särge zu sehen seien, sei schnell gemacht und noch lange kein Nachweis für eine Überlastung. Bei Berichten über einen Bestatter im Wallis sei offensichtlich gewesen, dass man einfach viele leere Särge hingestellt habe, «man sieht sofort, das s es sich um ein Lager handelt und nicht um den Kühlraum.»

Dennoch hat Markus Kuster Angst, dass die Zahl der Todesopfer steigen wird. Die Zahl der indirekten Opfer. Suizid werde als Todesursache stark zunehmen, ist er sicher. Er kenne ältere Frauen in Heimen, die Nahrung und Flüssigkeit verweigern, weil sie ohne Besuchsmöglichkeit keinen Sinn mehr sehen. «Viele alte Menschen wollen so nicht mehr leben.» Die Tendenz sei bereits zu sehen, «aber darüber wird nicht gesprochen.»

*Name und Firma der Redaktion bekannt

Update 8.1.20

Das Departement Technische Betriebe der Stadt Winterthur nimmt wie folgt Stellung zum Interview:

«Grundsätzlich: Die Krematorien helfen einander aus, denn jeder Ofen muss einmal im Jahr revidiert werden. Von Ende Oktober bis Anfang Dezember war das für den Kremationsofen in Schaffhausen der Fall. In dieser Zeit kamen die Verstorbenen aus Schaffhausen nach Winterthur. In unseren Aufstellungen zu den Kremationen im November, zählten wir die zusätzlichen Kremationen aus Schaffhausen aber weg, um korrekte Zahlen zu liefern. Auch bei der Aufstellung für 20Minuten wurden die Verstorbenen aus Zürich, die zu diesem Zeitpunkt nur noch an vereinzelten Tagen nach Winterthur kamen, nicht miteinberechnet. Die anonymen Behauptungen des Bestatters sind darum nicht korrekt.»

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Autor/in
Stefan Millius

Stefan Millius (*1972) ist Chefredaktor von «Die Ostschweiz».

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