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Einzigartig in der Schweiz: Clownkinder in Heimen

«Ein Teil Mili ist sowieso immer in mir drin!»

Mirta Ammann aus Appenzell unterhält als Clown Mili ein Publikum, das von klein bis gross reicht. Jüngere Kinder lieben es, dass sie in der Clownschule Spass haben können, ältere Menschen erfreut Mili mit ihren Pflegeheimbesuchen. Für Horrorclowns hat sie jedoch keine Sympathie. Zu Recht.

Shania Koller am 10. Mai 2020

Deine Besuche mit der Clowngruppe in den Pflegeheimen sind schweizweit ziemlich einzigartig, wie bist Du auf diese Idee gekommen?

Es hat sicher Erwachsene, die mit ihren Kindern in die Pflegeheime gehen, aber dass es institutionalisiert ist wie bei mir, ist vielleicht einzigartig. Ich habe gemerkt, dass alte Menschen und Kinder eine Symbiose haben und man sieht den Älteren auch an, dass sie Freude haben, wenn die Kinder kommen. Für sie machen sie die Herztüre auf. Mich erstaunt auch immer wieder, wie die Kinder, welche keine Sozialpädagogen sind, höchst pädagogisch und psychologisch mit den älteren Menschen umgehen. Sie machen intuitiv Dinge, die meistens auch ganz gut passen.

Einmal wollte ein demenzkranker Mann, als wir wieder gehen wollten mit uns mitkommen. Früher war er Bauer gewesen und er wollte mit uns mitlaufen, um seine Kühe in den Stall zu bringen. Ein Kind hat ihn dann gefragt, ob er auch einen Stier hat. Er hat das bejaht und angefangen darüber zu sprechen, das hat ihn beruhigt und wir konnten dann gehen. Ich merke einfach, dass Kinder oft genau das Richtige machen.

In welche Pflegeheime geht Ihr denn?

Wir gehen nicht nur in das Pflegeheim in Appenzell, sondern auch in viele andere. Manche besuchen wir regelmässig und andere einfach ab und zu. Angefangen hat es mit dem Pflegeheim Appenzell, sie waren die Ersten, die mich gefragt haben. Diese besuchen machen wir seit etwa acht Jahren. Dorthin gehen wir regelmässig einmal im Monat.

Wie bereitet Ihr euch auf einen Besuch vor?

Wir haben ein Thema, damit sich die Kinder an etwas halten können. Es ist aber nicht wie ein Bühnenstück, sondern eine Animation. Dafür müssen wir nicht alles ins Detail genau planen.

Was ist dein Wunsch, was willst Du bei den älteren Menschen erreichen?

Wir wollen den älteren Menschen mit unserer Animation Freude bereiten und Spass mit ihnen haben, aber auch die Kinder freut es, wenn wir die Besuche in den Pflegeheimen machen. Ich habe sie einmal gefragt, was sie am liebsten machen und die meisten haben das genannt. Ältere Menschen und Kinder harmonieren super zusammen.

Was gefällt Dir am meisten an den Besuchen in den Pflegeheimen?

Ich glaube am Schönsten finde ich es, wenn wir es schaffen aus jemandem, der einfach nur dasitzt und auf den Boden schaut, die Freude herauszukitzeln und ihn auch zum Lachen zu bringen.

Du arbeitest auch mit Menschen mit Behinderungen zusammen, ist diese Arbeit irgendwie anders?

Eigentlich nicht gross, diese Menschen sind einfach noch ein bisschen mehr wie Kinder zum Teil. Bei alten Menschen kann es sein, dass sich diese dann wie Kinder vorkommen und nicht ernstgenommen. Bei neuen Orten sage ich dann auch immer zu den älteren Menschen, dass wir eine Clownschule sind und wir ihnen gute Laune bringen wollen. Ich will nicht, dass sie das Gefühl haben, wir würden denken sie seien alt und blöd. Das ist nicht so.

Bei den Behinderten ist das nicht so, die finden es einfach cool «Seich» zu machen. Bei ihnen muss man mehr deklarieren. Es kommt auch vor, dass sie übertreiben und dann muss man auch ab und zu eine Grenze ziehen. Sie müssen auch den Unterschied erkennen, wann sie Clowns sein können und herumblödeln dürfen und wann es nicht passt und sie ausserhalb ihrer Rolle sind. Mich fasziniert das an den Menschen mit Behinderungen auch. Sie haben keine Hemmungen und machen einfach das, worauf sie gerade Lust haben.

Wenn du einen Moment sagen müssten, von deinen Erlebnissen bei Pflegeheimbesuchen, welcher war für Dich der schönste?

Der schönste Moment im Pflegeheim war vor etwa vier Jahren. Ein Mann, welcher früher einmal Pfarrer gewesen war, hat nicht mehr wirklich gesprochen. Schon seit vielen Jahren nicht mehr. Einmal haben wir dann «am Himmel stoht es Sternli z’Nacht» gesungen und mir fiel der Text von der zweiten Strophe einfach nicht mehr ein. Manchmal helfen mir dann die alten Leute. Der ehemalige Pfarrer ist dort gesessen, hat den Kopf gehoben und plötzlich angefangen die Strophe zu singen. Alle Pfleger kamen sofort angerannt.

Er hat danach weiterhin nicht gesprochen, aber immer, wenn wir dieses Lied gesungen haben, hat er mitgeholfen. Man wusste schon, dass er reden kann, er hat auch vorher manchmal Wörter wie ja oder nein gesagt, aber niemals so lange Texte. Das war wirklich ein Highlight. Aber eigentlich sind alle Begegnungen irgendwie Highlights. (lacht)

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Clown Mili

Mili in ihrem «Verkleidungs»-Zimmer

Was magst Du am liebsten an der Arbeit mit der Clowngruppe?

Clowns sind ziemlich frei, sind können nicht wirklich etwas falsch machen, solange sie sich nicht gegenseitig beleidigen oder wehtun. Es ist ein Ausgleich zur Schule, wo man sich immer mal wieder fragt, ob man’s richtig macht. Wenn eine Panne passiert, kann man das einfach ins Spiel einbauen. Das entlastet, auch wenn die Kinder manchmal trotzdem noch nervös sind.

An meiner Arbeit finde ich es faszinierend es aus den Kindern herauszukitzeln und ihnen den Druck zu nehmen, dann können sie Spass haben, an dem, was sie machen. Auch an den Workshops finde ich es interessant, wenn Erwachsenen zur Tür hineinkommen und keine Lust darauf haben, den Clown zu spielen. Manche wussten vorher nicht, was ihnen bevorsteht. Das sind dann die, welche die Clownsnase nicht mehr ausziehen wollen.

In jedem von uns steckt noch ein Kind und bei clownen kann man das ungehemmt rauslassen. Ich als Mili werde nicht erwachsen, als Mirta bin es natürlich schon. In einem gewissen Alter bekommen wir Hemmungen, diese sollten wir ab und zu aber auch ablegen und Kind sein dürfen.

Wann bist Du Mili und wann Mirta?

Wenn ich meine Clownkinder mit «Hallo Kabiskopf» begrüsse, mache ich das als Mili. Mirta macht das natürlich nicht. Manchmal ist es schon schwierig die Grenze zwischen den beiden zu ziehen Ein Teil Mili ist sowieso immer in mir drin, auch wenn ich Mirta bin. Ich denke auch, dass die Kinder mich als Mili sehen, wenn ich eigentlich Mirta wäre. Aber eigentlich ist es mir egal. Nach einer Veranstaltung kommt es auch schon mal vor, dass ich in der Öffentlichkeit von einem Kind mit Mili begrüsst werde. Das macht natürlich überhaupt nichts. Ich habe immer Freude, wenn mich jemand erkennt.

Kommt es auch vor, dass jemand Angst hat vor Clowns?

Ganz schlimm war es, als das mit diesen blöden Killerclowns aufkam. Die Kinder bekommen dadurch verständlicherweise Angst und können nicht unterscheiden zwischen diesen dummen Clowns, die Angst machen wollen, zum Beispiel auch an der Fasnacht und zwischen einem Clown, wie ich einer bin, der Freude machen und Spass bereiten will. Das war schon extrem doof. Ich sage den Kindern, die Angst vor den Clowns haben immer, dass sie mit mir darüber reden sollen und versuche ihnen dann auch die Angst zu nehmen. Killerclowns, die Leute umbringen und in Angst versetzen, haben überhaupt keine Gemeinsamkeit mit den lustigen, netten Clowns. Das finde ich schon schade, dass der Clown so zu etwas wird, wovor manche Angst haben.

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Shania Koller

Shania Koller (*2002) ist Schülerin an der Fachmittelschule an der Kantonsschule Trogen und absolviert ein Praktikum bei «Die Ostschweiz». Sie wohnt in Gonten.

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