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Wie weiter mit unserem Land?

Eine kurze Geschichte der Zukunft

Was ist nach Corona? Mit uns? Mit der Gesellschaft, der Wirtschaft, Kultur und Sport? Was wird aus dem, was seit Monaten zwischen uns steht? Was bleibt, was überwinden wir? Und wie sieht diese angebliche neue Normalität eigentlich aus?  Ein Versuch über die Zukunft.

Stefan Millius am 20. Januar 2021

Wir schreiben das Jahr 20.. – nein, diese Prognose ist nicht zu wagen. Jedenfalls: Corona ist in jenem denkwürdigen Jahr überwunden beziehungsweise ein akzeptiertes Phänomen, die Massnahmen gehören der Vergangenheit an, alles läuft normal.

Das in sich ist bereits ein sehr gewagtes Szenario, weil sich der Eindruck verhärtet, dass sich viele Menschen gar nicht nach den früheren Zeiten sehnen. Vor allem nicht die Leute, die die Macht dazu hätten. Aber egal: Es ist ein Szenario. Bespielen wir es.

Das Virus spielt dann also keine massgebende Rolle mehr, aber es hat eine Hinterlassenschaft. Ein Erbe, das gar nicht mal so sehr durch das Virus entstanden ist, sondern vielmehr durch das, was alles zu seiner Bekämpfung entfesselt wurde.

Das Erbe wiegt schwer. Es hat Menschen auseinandergetrieben (bis hin zu Paaren übrigens), Existenzen erschwert oder vernichtet. Es hat Misstrauen gesät, die Diskussionskultur beschädigt. Es hat die Zensur zu einem adäquaten Mittel im Kampf gemacht.

Was heisst: Auch in dem Szenario, in dem das Virus weg ist, bleibt uns das Erbe erhalten.

Was tun beispielsweise Leute, die im Verlauf des Jahres 2020 von besten Freunden zu erbitterten Gegnern wurden, wenn der Spuk vorbei ist? Schütteln sie sich einfach die Hand (haha, der war gut), sagen «Schwamm drüber» und setzen beim Stand von Ende 2019 wieder an?

Schwerlich angesichts dessen, was geschehen ist. Was man sich gegenseitig an den Kopf geworfen hat. Corona war oft der Anlass zu Debatten, aber es ging meist schnell noch viel weiter. Nur ein Beispiel: Massnahmenkritikern wurde früh – und bis heute – vorgeworfen, den Tod von Menschen leichtfertig in Kauf zu nehmen und die Wirtschaft vor die Gesundheit zu stellen. Das ist ein schwerwiegender Vorwurf. Einer, der trifft. Er suggeriert nicht nur die Haltung gegenüber den Massnahmen, sondern eine Grundhaltung gegenüber dem Leben und den Mitmenschen. Wie will man bei einer alten Freundschaft anknüpfen, wenn man dem Gegenüber monatelang gesagt hat, Tote seien ihm egal?

Das gilt natürlich auch für die Gegenseite. Massnahmenkritiker werfen denen, die Massnahmen befolgen, auch so einiges vor. Diese sind Schafe, glauben Regierungen und Behörden alles, sind potenzielle Denunzianten. Dabei darf man davon ausgehen, dass viele von ihnen wirklich einfach in der Angst sind. Oder glauben, das höre sowieso alles bald wieder auf, einfach noch eine Weile brav sein. Was vielleicht naiv ist, aber nicht im bösen Willen. Auch hier: Wie soll man da wieder zueinander finden? Nach diesem Vorwurf?

Derzeit sind die langfristigen Folgen für die Wirtschaft das zentrale Thema. Zu recht, sie werden happig sein. Aber gut möglich, dass diese Hypothek einfacher abzubauen ist. Nicht, weil die Schweiz über endlose Mittel verfügt, wie es uns viele Lockdownanhänger weismachen wollen. Aber aus einer wirtschaftlichen Krise herauskommen: Das kann unser Land vermutlich besser als aus einer gesellschaftlichen Spaltung herausfinden. Ärmel hoch und an die Säcke: Das mussten die Schweizerinnen und Schweizer in der Geschichte schon einige Male. Aus einem monatelangen Kleinkrieg mit den Nachbarn herausfinden ist wesentlich schwieriger. Und ungewohnt. Es würde eine Art Familientherapie für eine ganze Nation bedingen. Mit ungewissem Ausgang. So in der Art: Gut, das Gespräch hat ein bisschen geholfen, wir können nun wieder zivilisiert miteinander sprechen und uns dabei in die Augen sehen, aber scheiden lassen wir uns trotzdem.

Nur, dass eine Scheidung keine Option ist. Das hier ist kein sauber verlaufender Röstigraben, bei dem man im Notfall einen Landesteil an den Nachbarstaat verschenken kann. Die Gräben verlaufen viel feingliedriger, mitten durch Quartiere, Dörfer, Vereine, Betriebe. Und sie alle müssen danach wieder miteinander können.

Daran, das muss man vermuten, hat keiner gedacht, als man das Land überzog mit tiefgreifenden Massnahmen. Alles geschah im Sinn von: Wir müssen jetzt einfach alles tun, um das Virus abzuwenden, um den Rest kümmern wir uns später.

Die Frage ist nur: Was genau ist dieser Rest? Wie viel davon ist noch übrig? Was kann man darauf überhaupt noch bauen?

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Ein Optimist würde sagen: Menschen vergessen schnell. Vieles erscheint im Moment monumental, und wenn die unmittelbare Situation überwunden ist, gleiten wir zurück in den Alltag. Als die Swissair groundete, empfanden das viele als peinliche Bankrotterklärung für unser Land. Bald darauf stiegen wir wie selbstverständlich in die SWISS ein. Und wir tun es auch heute, wo sie gar nichts mehr mit der Schweiz zu tun hat. Abhaken, weiter. Man will ja fliegen.

Aber Corona ist kein Grounding. Keine Lawine. Kein Erdbeben. Bei solchen plötzlichen, heftigen Ereignissen kann man schaufeln und aufräumen und wieder aufbauen. Corona hingegen ist wie ein kleiner Riss, der im Lauf der Zeit immer länger und breiter wurde.

Man hat uns gesagt, dass das, was wir derzeit tun, was wir verordneterweise tun müssen, eben die «neue Normalität» sei. Dass es nie wieder ganz so sein wird wie früher. Dass wir damit leben müssen bis auf Weiteres. Gemeint waren damit Regeln. Distanz, Hygienevorschriften, die Maske. Aber das alles, so unzumutbar es für viele sein mag, sind nur Symptome. Die wichtigere Frage ist, welche neue Normalität wir als Gesellschaft miteinander leben sollen. Gehört zur neuen Normalität auch die permanente Geringschätzung untereinander? Die klare Einteilung in Lager, die nur noch unter sich bleiben? Der Bürger als Wachhund im Auftrag der Regierung? Wildfremde Menschen, die in Läden aufeinander losgehen? Gegenseitige Schuldzuweisungen? Ist das alles, was wir seit dem Frühling 2020 erleben, also der neue Normalzustand? Für die Ewigkeit?

Das kann es nicht sein. Aber alles andere würde eine Versöhnung voraussetzen. Ein Verzeihen.

Doch wer soll in dieser Geschichte wem verzeihen?

Es gibt zehntausende von Einzelschicksalen aus dieser Zeit. Hunderttausende vermutlich. Jedes davon ist bedauerlich. Das grösste Schicksal erleidet aber das Land als Ganzes. Deshalb muss auch die Heilung als Ganzes gelingen. Und zwar rasch. Sonst tragen unsere Kinder die Fronten weiter in ihren Herzen. Ganz so wie Kinder alte Sippenfeindschaften weiterführen, obwohl sie sich selbst nicht mal mehr daran erinnern, was denn da überhaupt geschehen ist.

Denn was seit 2020 passiert, hat etwas – Verzeihung für das Pathos – von einem Religionskrieg. Das sind die schlimmsten. Weil in ihnen nicht zählt, was wirklich ist, sondern woran man glaubt. Die Vernunft steht am Bahnhof auf einem Nebengleis, während die Überzeugung in hohem Tempo an ihr vorbeischiesst. Richtung unbekannt.

Wir sind es mindestens unseren Kindern schuldig, dass die sogenannte neue Normalität nichts zu tun haben wird mit dem, was wir derzeit erleben. Und Regierungen, pardon, haben uns schon gar nicht zu sagen, wie unsere neue Normalität auszusehen hat. Das müssen wir schon selbst untereinander ausmachen.

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Stölzle /  Brányik
Autor/in
Stefan Millius

Stefan Millius (*1972) ist Chefredaktor von «Die Ostschweiz».

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