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Verschärfte Schutzmassnahmen

Einige nüchterne Gedanken am «Tag danach»

Der Bundesrat ruht nie. Auch nicht am Sonntag. Er hat uns am siebten Tag eine Fülle neuer Schutzmassnahmen präsentiert. Sie werden heute brav in allen Medien aufgezählt. Schauen wir sie aus einer anderen Perspektive an -  garantiert ohne jede Polemik.

Stefan Millius am 19. Oktober 2020

Das Wort des Tages ist die Maskenpflicht. Sie gilt seit heute in allen «öffentlich zugänglichen Innenräumen». Eine erste Unsicherheit hatte ich bereits am frühen Morgen in der Parkgarage. Öffentlich zugänglich ja, aber ist das eigentlich ein «Innenraum»? Muss sein, alle anderen hatten eine Maske auf. Solche Fragen werden uns in den nächsten Tagen und Wochen noch oft begleiten.

Aber auch dort, wo es «klar» ist, gibt es Fragezeichen. Wir müssen die Maske beispielsweise im Fitnesscenter tragen. Jedenfalls, wenn wir es betreten bis zur Garderobe. Dort, wo wir dann wirklich Dampf ablassen und atmen, als gäbe es kein Morgen, müssen wir sie nicht tragen. Das macht einerseits Sinn, mit Maske kann man kaum trainieren. Gleichzeitig macht es auch keinen Sinn. Ausser, man geht davon aus, dass die Gefahr nur vom Eingang bis zur Garderobe herrscht.

Solche Fragen kann man sich auch in der Gastronomie stellen. Dass man essend am Tisch keine Maske tragen muss: Durchaus vernünftig, alles andere wäre auch schwierig. Aber die Forderung, jedes Mal, wenn man zur Toilette geht oder einen Salzstreuer holt, die Maske aufzusetzen, hat vor allem einen Effekt: Wir wenden die Maske genau so an, wie wir sie nicht anwenden sollten: Auf und ab, in die Finger nehmen, zwischendurch irgendwo hinlegen, dann wieder ins Gesicht. Ausser man geht davon aus, die Leute würden mit einem 50er-Pack Einwegmasken in die Beiz gehen. Selbst wer an die Wirkung der Maske glaubt, muss zugeben, dass dieses Vorgehen nicht im Sinn der Erfinder ist. Aber es wird gemacht. Mehr noch: Verordnet.

Die Vorgaben für private «Veranstaltungen», beispielsweise ein Familienfest, sind erfolgt, weil viele Ansteckungen im privaten Rahmen erfolgten. Sie gelten ab 15 Personen. Der Bundesrat weiss genau, dass er keine Handhabe hat, zu kontrollieren, ob an einer privaten Party alle Leute nur «sitzend konsumieren». Das scheitert schon daran, dass kaum jemand 15 Sitzgelegenheiten in der guten Stube hat, Ebenso wenig kann die Regierung überprüfen, dass jemand, der von seinem Kuchenteller aufsteht und auf die Toilette geht, für die drei oder vier Meter eine Maske aufsetzt. Diese Massnahme ist weder kontrollier- noch sanktionierbar. Nur schon die Beweiserbringung ist völlig unmöglich.

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Aber darum geht es ja auch nicht. Diese Pflicht verfolgt das Ziel, möglichst viele Leute davon abzuhalten, überhaupt Leute einzuladen. Es ist keine Schutzmassnahme, sondern ein Erziehungsakt. Soziale Kontakte auf ein Minimum zu reduzieren ist eine erklärte Absicht der Behörden. Macht man die Leuten mit nicht umsetzbaren Vorgaben schwindlig, gelingt das.

Und weil der Bundesrat das weiss, hat er gleich weiter vorgesorgt. Damit findige Zeitgenossen ihr privates Treffen nicht einfach unter den freien Himmel verlegen, untersagt er «spontane Menschenansammlungen von mehr als 15 Personen» draussen. Obwohl, da liegt eine gewisse Ironie, dort ja die Kontrolle der Einhaltung der Massnahmen wie Maske und Distanz noch eher kontrollierbar wäre als in der Wohnung von Frau Müller oder Herrn Meier. Interessanterweise geht der Bundesrat mit den «über 15 Personen» weniger weit als während des Lockdowns. Aber die Bürgerpolizisten, die nun einige Monate lang arbeitslos waren, haben ein neues Betätigungsfeld: Leute zählen und die echte Polizei rufen.

Dass man im Restaurant nur sitzend konsumieren darf, damit dürften die meisten Leute leben können. Solange sie nicht an der Frage verzweifeln, wo der Unterschied besteht, wenn man an der Bar neben dem Kollegen steht oder Stuhlbein an Stuhlbein sitzt. Die Vermeidung von zu viel Nähe wird immer beim Einzelnen liegen, mit «sitzen statt sehen» schafft man das nicht.

Interessant war die Ausführung von Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga, man wolle mit klaren Bundesvorgaben das «Gstürm» mit den Kantonen beenden. In der Tat hatte in der letzten Phase kaum mehr jemand die Übersicht, welche Regeln in welchem Kanton gelten. Andererseits ist die föderale Struktur ja gerade eine Stärke der Schweiz. Sie erlaubt es, auf ausserordentliche Lagen mit dem feinen Filter zu reagieren statt das ganze Land über einen Kamm zu scheren. Nach wie vor gibt es grosse Unterschiede bei der Frage, wie stark ein Kanton betroffen ist. Ziel müsste es sein, irgendwann wieder auf eine kleinmaschigere Betrachtung zu wechseln. Die Solidarität kann nicht so weit gehen, dass die Leute im Kanton X mit Massnahmen bezahlen für höhere Fallzahlen in Kanton Y. (Und um den Rahmen zu sprengen, gehen wir auf den Begriff «Fallzahlen» gar nicht erst ein)

Was bleibt unterm Strich nach der sonntäglichen Bundesratsshow?

Die Maske, die - man muss es immer wieder betonen - von den Behörden vor wenigen Monaten als wirkungslos gegen das Coronavirus bezeichnet worden war, ist seit gestern definitiv König. Sie ist das Schlüsselelement im Massnahmenpaket. Nicht unbedingt aufgrund des effektiven Schutzes, sondern als unübersehbares Symbol für das Vorhandensein einer Gefahr. Bund und Kantone hatten in letzter Zeit immer wieder kritisiert, die Eigenverantwortung gehe zurück, die Menschen seien weniger diszipliniert, sie seien «müde» von den Massnahmen. Offenbar hat der Bundesrat die Hoffnung, durch die permanente Präsenz eines Symbols im öffentlichen Raum werde sich das ändern. Die Maske als Weckruf gewissermassen. Und es scheint zu wirken: Schon am Montag waren sogar draussen, mitten an der frischen Luft, unzählige Maskenträger zu sehen.

Viel zu verlieren hat der Bundesrat mit dieser Strategie übrigens nicht. Gehen die Fallzahlen zurück, wird es heissen, dass die Massnahmen greifen. Steigen sie weiter an, ist es dann einfach die Bevölkerung, die sich nicht genügend daran hält. Und dann wird es Zeit für… für was wohl?

Für noch weiter verschärfte Massnahmen.

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Stefan Millius

Stefan Millius (*1972) ist Chefredaktor von «Die Ostschweiz».

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