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Im Gespräch mit Rolf Knie

Einmal Zirkus, immer Zirkus

Rolf Knie (*1949) wurde in die Knie-Dynastie hineingeboren. Der Handelsschulabbrecher wäre eigentlich gerne Profifussballer geworden, doch mit seinen 18 Jahren reizte ihn die Zirkuswelt. Bis 1983 begeisterte er zusammen mit Clown Gaston Gross und Klein in der Manege.

Michel Bossart am 27. März 2022

Das vollständige Interview ist in der Printausgabe 05/2021 von «Die Ostschweiz» erschienen. Hier publizieren wir einen Teilauszug des Gesprächs. Das Magazin hat kann hier abonniert werden.

Rolf Knie, wie ist es eigentlich, ein Knie und somit Teil einer richtigen Dynastie zu sein?

Das hat Vor- und Nachteile. Man ist damit aufgewachsen und ich habe mich daran gewöhnt. Manche Türen gehen auf, andere gehen zu. Man sitzt im Schaufenster und das muss man akzeptieren. Ich würde lieber in der Anonymität leben. Darum habe ich mich auch 30 Jahre lang nach Mallorca zurückgezogen.

Da wusste niemand, wo Sie wohnten?

Doch, doch. Immer wieder kamen Menschen und haben das Tor mit den Elefanten fotografiert.

Influencer?

Das war vor dieser Zeit. Diese Influencer sind für mich ein unerklärliches Phänomen.

Setzten Sie beim «Salto Natale» nicht auf diese Marketingmethode?

Nein, das ist nicht unsere Zielgruppe. Influencer sind doch für die Jungen, die nicht wissen, was sie mit ihrer Zeit anstellen sollen. Nur noch Handy und Computer – das bringt doch nichts fürs Leben.

Zurück zur Dynastie: So ein Familienmitglied zu sein, bringt auch Verpflichtungen mit sich. Welche?

Man erwartet immer Qualität, und zwar auf einem hohen Niveau. Das ist ein Ansporn. Denn je länger je mehr, hat Mittelmässigkeit keinen Platz mehr in unserer Gesellschaft: Alles oder nichts.

Gibt es in der Schweiz vergleichbare Dynastien?

Ja, klar – in der Pharmaindustrie gibt es sie oder die Schmidheinys zum Beispiel. Aber da geht es nicht ums Showbusiness und sie stehen nicht so im Rampenlicht. Gerade die Schmidheinys wollen so diskret wie möglich in Erscheinung treten.

Was ist für Sie das Tollste am Zirkus?

Die Live-Show. Man muss zum Haus raus, rein in den Zirkus und man kann etwas live erleben. So etwas gibt es weder im Kino noch im Fernsehen oder sonst wo.

Und was mögen Sie überhaupt nicht?

Die ganzen behördlichen Vorschriften, die man einem Zirkus macht. Irgendwann wird das dazu führen, dass es keine Zirkusse mehr geben wird.

Was meinen Sie genau?

Es ist der Behördenmuffel. Was da an Sicherheiten verlangt wird, da muss ich nur noch lachen. Als wir in Kloten das Zelt für den Salto Natale aufbauten, kam einer vorbei und fragte, ob unsere Anker gemäss der neuen EU-Verordnung so und so lang und so und so dick seien. Ich sagte, solche Anker hätten wir nicht und er drohte, dass wir keine Spielbewilligung erhalten würden. Unsere Anker waren aber dicker und länger. Zirkus ist Kultur und Tradition. Das Handwerk wird übergeben. Selbstverständlich tun wir alles dafür, damit unser Zelt nicht wegfliegt. Doch wie will das so einer auf dem Amt wissen…? Die Bestimmungen werden irgendwann mal dazu führen, dass Zirkusse nicht mehr weiterbestehen können.

Liegt das nur an den Behördenauflagen?

Nein. Es ist auch ein gesellschaftliches Phänomen. Mehr als die Hälfte der Zirkusse, die vor 50 Jahren noch aktiv waren, existieren heute nicht mehr. Die Gesellschaft hat sich verändert, heute schaut man lieber ins Handy. Früher kamen die Schulklassen am freien Nachmittag in einer Vorstellung – das war ein Erlebnis. Ich bin mir sicher: Ein Nachmittag im Zirkus bringt mehr, als wenn man eine Lektion Grammatik verpasst.

Sie waren dann bis 1983 in der Knie-Zirkusmanege tätig. Danach waren Sie Schauspieler und näherten sich dem Kunstschaffen an. Was war passiert?

Gaston und ich zeigten insgesamt 32 Clownnummern. 1983 hatten wir das Gefühl, dass wir uns wiederholen. Wir hatten Angst, dass wir die Qualität und das Niveau nicht mehr halten können. Wir haben uns etwas Neues überlegt und haben ein Bühnenstück eingeprobt. Das war damals neu und wir waren sehr erfolgreich. Wir sind in allen grossen Schauspielhäusern im deutschsprachigen Raum aufgetreten.

Und das Malen?

Ich war schon immer einer, der alle Schulbücher vollgekritzelt hat. Zudem ist «Zirkus» als Sujet etwas Wunderbares. Der Maler Hans Falk hatte 1977 den Auftrag, ein Zirkusbuch zu malen und ist drei Monate mit uns mitgereist. Ich fuhr jeweils seinen Wohnwagen und wir haben uns angefreundet. Emil Steinberger tourte auch mit uns. Es war Emil, der ja die Kunstgewerbeschule gemacht hatte, der mir das perspektivische Zeichnen beibrachte. Hans, Emil und ich – wir waren das Trio infernale!

Wie definieren Sie sich heute? Als Clown, Schauspieler, Künstler oder…?

Als unstetigen, kreativen Menschen mit einer enormen inneren Unruhe im Ruhestand. Ich bin Künstler und Geschäftsmann gleichzeitig; wie Charlie Chaplin oder Pablo Picasso.

2019 wurde während eines Jahres ein von Ihnen inszeniertes und produziertes Circus-Musical über die Knie-Dynastie aufgeführt. Erzählen Sie aus dieser Zeit.

Das war ein sehr grosses, aufwändiges und teures Projekt über 200 Jahre Familie und Zirkus Knie. Das Echo war enorm und positiv. Wir hatten hervorragende Schauspieler und auch Glück, dass alles noch vor Corona über die Bühne lief. Leider haben sich in der Schweiz zu wenige Leute dafür interessiert. In Deutschland mit seiner grossen Musicaltradition belegten wir den 4. Platz im Ranking. So eine Kombination von Zirkus und Musical hat es vorher noch nie gegeben. Auch vom Kanton St.Gallen war ich enttäuscht. Aus unerklärlichen Gründen förderte er das Projekt mit einem Betrag, der nur etwa 10 Prozent des normalen Betrages für ein Projekt dieser Grössenordnung entsprach.

Zum Schluss: Was wäre wohl aus Ihnen geworden, wenn sie kein Knie wären?

Es kommt immer darauf an, in welchem Land und in welche Familie man geboren wird und was man daraus macht. Als ich 1988 die Äthiopenhilfe «Menschen für Menschen» von Karl Heinz Böhm mitbegründet habe, habe ich so viele grossartige Menschen kennengelernt. Menschen, die in Äthiopien niemals diese Chancen hatten, die wir hier haben. Deren Leben war bestimmt vom tagtäglichen Kampf gegen den Hunger und um das Überleben. Wir hingegen kriegen alles serviert und verlangen immer noch mehr vom Staat. Es ist gefährlich, wenn man nichts mehr selbst erkämpfen muss. Doch zurück zur Frage: Als Kind wollte ich in irgendeiner Sportart der Beste, Weltmeister, sein Meine Entwicklung begann, als ich mit 33 Jahren weg vom Knie bin. Danach lebte ich fünf Jahre lang am Existenzminimum. Ich habe mir meinen eigenen Weg gepflastert.

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Laveba 03/2022

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Michel Bossart

Michel Bossart ist Redaktor bei «Die Ostschweiz». Nach dem Studium der Philosophie und Geschichte hat er für diverse Medien geschrieben. Er lebt in Benken (SG).

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