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Der Klimaschutz wird ein zentrales Thema bleiben

Erfolgreiche Wohnimmobilien bedeuten auch Hausaufgaben für die Branche

Wohnimmobilien weisen in der gegenwärtigen Krise eine hohe Stabilität auf und sind weiterhin sehr gefragt.

Renata Kratzer am 06. September 2020

Das bestätigen mehrere Studien, zum Beispiel der Beratungsunternehmen EY und IAZI sowie von Engel & Völkers.

Doch was bedeutet das für die Immobilienwirtschaft? Ein Blick auf die Daten offenbart aktuellste Entwicklungen und ermöglicht Erkenntnisse, die Unternehmen bei ihrer weiteren Ausrichtung helfen.

So verzeichnete IAZI im 2. Quartal dieses Jahres ein ungebrochenes Preiswachstum von 0,7 Prozent bei Einfamilienhäusern. Auf Jahresbasis habe sich der Preiszuwachs mit 3,3 Prozent sogar erhöht. Eigentumswohnungen weisen eine fast identische Entwicklung auf. Weiterhin «realisieren sich genügend Menschen den Traum nach den eigenen vier Wänden», sagt IAZI-CEO Prof.

Donato Scognamiglio. Es sei nicht auszuschliessen, «dass der Lockdown auch dazu geführt hat, dass viele Familien neue Wohnbedürfnisse entwickelt haben». Das betrifft nicht nur die Schweiz.

International zusätzlicher Bedarf an Wohnraum und Kapitalflucht

Bernd Kretschmer vom Immobilien-Management-Unternehmen Stiller & Hohla aus Österreich erläuterte gegenüber der BELLEVUE, dass die intensive Homeoffice-Nutzung und die durch den Lockdown bedingten Anstiege der Geburten- sowie der Scheidungsraten zusätzlichen Wohnraumbedarf schaffen. Sein Unternehmen sehe zudem «eine nochmals verstärkte Kapitalflucht in Sachwerte, wie auch bei früheren Finanzkrisen».

Dies bestätigt Engel & Völkers: Das Bedürfnis nach Sicherheit und schönem Wohnumfeld dürfte durch die aktuelle Krise vermehrt Auftrieb erhalten, was die Attraktivität von Wohneigentum weiter erhöhe. Das Unternehmen geht ferner davon aus, dass die Preise von Mehrfamilienhäusern mindestens stabil bleiben, eher aber leicht steigen, da aufgrund der gefallenen Aktienmärkte und den weiterhin tiefen Zinsen Anlagealternativen fehlen.

Dies untermauert IAZI mit Zahlen: «Im 2. Quartal ist das Preiswachstum für Mehrfamilienhäuser mit -0,4 % leicht rückläufig im Vergleich zum Vorquartal (0,8 %). Auf Jahresbasis hat sich das Preiswachstum mit 2,1 % auf hohem Niveau reduziert (Vorjahr: 4,4 %).» Wohnrenditeliegenschaften seien immer noch ein beliebtes Anlagevehikel, was die Nachfrage weiterhin stütze.

Trend zu Qualität und Bestandsimmobilien

Während Engel & Völkers auch davon ausgeht, dass die Nachfrage nach Mietwohnungen in den Städten unvermindert hoch bleibt und an periphereren Lagen die Leerstände sowie der Druck auf die Mietzinsen weiter zunehmen, rechnen andere Experten mit einem Trend zum Ländlichen. Joanna Leggett von Leggett Immobilier in Frankreich sagte in der BELLEVUE: «Die Leute suchen nach anderen Objekten. In den letzten Jahren waren Städte im Fokus und enorm gefragt. Aber jetzt sucht man plötzlich wieder auf dem Land! Nach einem Haus in ordentlichem Zustand, mit zuverlässigem Internet – und nicht zu kleinem Grundstück.»

Jürgen Schorn von Bauwerk Capital in München meint, «dass die Auswirkungen der Krise sich weniger preislich erfassen lassen, sondern sich im Nachfrageverhalten und den damit verbundenen Bedürfnissen zeigen». Viele Privatpersonen und Investoren werden in Qualität flüchten.

Der Fokus liege auf Immobilien, die zukunftsweisende Wohnkonzepte abbilden und so einen langfristigen Wertbestand sichern. Es geht um attraktiven Wohnraum, das Zuhause als Wohlfühlzone sowie Rückzugsmöglichkeit, wie Andreas Ingold, CEO von Livit und Präsident des Schweizerischen Verbandes der Immobilienwirtschaft «SVIT», auf der Themenseite fokus.swiss formulierte.

Nach Beobachtungen von Christoph Schumacher, Leiter Global Real Estate, Credit Suisse Asset Management, meldet sich dabei vor allem die Nachhaltigkeit «mit aller Macht zurück».

«Der Klimaschutz wird ein zentrales Thema bleiben. So wird zum Beispiel Heizen mit fossilen Brennstoffen ökologisch nachhaltigeren Varianten weichen», konkretisiert Stefan Lemberger, Geschäftsleitung Hugo Steiner AG. Karsten Hell, CEO der Steiner Group, nennt ein weiteres Beispiel: «Mit Smart-Home-Anwendungen halten neue Technologien auch in fertigen Gebäuden Einzug. Individuelle Steuerungsmöglichkeiten tragen dabei nicht nur zu einem Komfortzuwachs, sondern auch zu Energieeinsparungen bei.»

Während Corona habe die Digitalisierung in der Branche zugenommen. Neue Technologien bildeten plötzlich die Grundlage für das digitale Arbeiten von zu Hause aus. Zudem eröffne die Digitalisierung dank Building Information Modeling (BIM) bei der Planung und Realisierung von Immobilien enorme Chancen.

Andreas Ingold rechnet ebenfalls damit, dass «sich die Digitalisierung weiter signifikant auf unsere Arbeitswelt, das Bauen und Wohnen sowie auf die Nutzer» auswirkt. Als Beispiele nannte er Eigentümer- und Mieterplattformen, aber auch die Entwicklung von Ökosystemen und BIM-Modelle. Aufgrund der Leerstände könnten die Nutzungsneutralität der Räumlichkeiten und zerstörungsfreier Rückbau durch Trennung der Gebäudestrukturen an Bedeutung gewinnen. Immerhin wird im Baubereich wohl erst einmal einen Gang zurückgeschaltet, wie Christoph Schumacher, Leiter Global Real Estate, Credit Suisse Asset Management, schätzt sowie Engel & Völkers bestätigt.

Solange die Unsicherheit anhalte, dürften Bauentscheide teilweise sistiert oder verzögert werden, sodass das Angebot mittelfristig leicht zurückgehe. In der Befragung von EY rechnen 77 Prozent der Teilnehmer mit einem Rückgang bei Neubauten, während 61 Prozent die Auffassung vertreten, dass Investitionen in den Bestand nicht abnehmen werden.

Kompetenzen fehlen weitgehend

Dabei hat die Krise die Anforderungen an die Digitalisierung noch einmal beschleunigt – und damit das Pensum Hausaufgaben für Fach- und Führungskräfte deutlich erhöht. Denn wie die Digitalisierungsstudie «Immobilienbranche Schweiz» von EY Real Estate Schweiz aus dem April 2019 zeigt, gibt es noch erheblichen Entwicklungsbedarf. 92 Prozent der Teilnehmer sahen damals die Datenstrukturierung als wesentlichen relevanten Trend – nicht etwa die Datennutzung. Dementsprechend plante mehr als die Hälfte der Befragten keinen Einsatz von künstlicher Intelligenz, 3-D-Druck und Robotik.

83 Prozent erwarteten weitere Effizienzsteigerungen durch den Einsatz digitaler Technologien. Dabei sollten Mehrwerte und eine bessere Orientierung am Bedarf eine grössere Rolle spielen. 56 Prozent der Teilnehmer stimmten zu, dass eine Unkenntnis über die Einsatzmöglichkeiten digitaler Technologie im aktuellen Geschäftsmodell besteht.

EY hatte darauf hingewiesen: «Prop-Techs sind extrem wichtig für die Beschleunigung der Digitalisierung in der Immobilienwelt. Die traditionellen Dienstleister (z. B. Bewirtschafter, Architekten) tun gut daran in die Digitalisierung zu investieren.» Das war vor mehr als einem Jahr.

Doch geändert hat sich daran nichts, im Gegenteil: «Die Bau- und Immobilienwirtschaft befindet sich an einem entscheidenden Übergangspunkt, an dem der Einfluss der Digitalisierung deutlich zunimmt. Doch wer Gebäude digital planen, bauen und betreiben will, braucht Kompetenzen, die heute in der Praxis noch weitgehend fehlen», berichtet die Hochschule Luzern.

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Autor/in
Renata Kratzer

Renata Kratzer ist Management Consultant bei Nellen & Partner. Sie hat Biochemie studiert und in führenden Unternehmen in der Schweiz 18 Jahre praktische Erfahrung als Researcherin im Executive Search gesammelt. Sie unterstützt Mandanten aus der Bau- und Immobilienbranche bei der Besetzung von Kader- und Spezialistenpositionen.

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