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Hotspot Schweiz?

Es geht nicht um Gesundheit, sondern um den globalen Wettbewerb

Der Bundesrat ist beschämt: Die Schweiz gilt als internationaler Corona-Hotspot. Das aber verdanken wir uns selbst, weil wir positive Tests höher werten als Erkrankungen und Todesfälle. Es ist diese «globale Schande», welche die Landesregierung zu immer neuen Massnahmen treibt.

Stefan Millius am 26. Oktober 2020

Früher galt: Eine Krankheit ist dann bedrohlich, wenn viele zu ihrem Opfer werden, indem sie beispielsweise bettlägerig werden oder schlicht sterben. Bei Corona ist alles anders. Hier gelten die «Fallzahlen» als das Mass aller Dinge. Das geflügelte Wort, dass die Pandemie schon längst vorbei wäre, wenn wir mit der Testerei aufhören würden, ist ziemlich einleuchtend. Alles, was derzeit geschieht, basiert auf diesen sogenannten Fallzahlen und nicht etwa auf Spitälern, die platzen oder Bergen von Toten. Länder, die schlicht kein Geld haben für überbordende Testerei, gehen ziemlich entspannt um mit der Lage. Sie haben keine unschönen Statistiken, und auch dort ist keine Apokalypse feststellbar.

Wenn der Bundesrat am Mittwoch weitere Massnahmen verkündet, aller Voraussicht nach irgendeine Spielart des Lockdowns vom Frühling, tut er das vor allem, weil er den Makel nicht erträgt. dass die Schweiz global als Hotspot gilt. Da liegt ziemlich viel Ironie drin, denn wir gelten ja nur als solcher, weil so viel getestet wird. Wir wehren uns also gegen einen Zustand, den wir selbst provoziert haben.

Man muss sich auch die Frage stellen, wer denn eigentlich die Heerscharen von Leuten sind, die sich derzeit testen lassen. Es können kaum lauter Leute mit schweren Symptomen sein. Wer von dieser Art Grippe heimgesucht wird, hat besseres zu tun und auch zu wenig Kraft, um für einen Test anzustehen. Es sind wohl viele kerngesunde Zeitgenossen, die «sicher gehen» wollen und den Test absolvieren. Wie wir wissen, gibt es durchaus gute Chancen, dass auch sie als positiv aus dem Test herausgehen, weil unsere Handhabung des Tests das ermöglicht. Ziemlich schizophren: Man tut alles, damit möglichst oft «positiv» resultiert, und sobald das der Fall ist, lamentiert man, man habe zu viele Positive und müsse nun einschneidende Massnahmen einleiten.

Die Kantone folgen dieser Philosophie blind. Innerrhoden beispielsweise verfügt, dass im Musikunterricht nicht mehr gesungen werden darf. Würde man das in einem Film so umsetzen, würde das Publikum aufschreien: Unrealistisch! Doch die Realsatire ist im Jahr 2020 längst Wirklichkeit geworden. Die Innerrhoder sind - hochgerechnet auf ominöse 100'000 Menschen bei einer Grösse von 15'000 - eben auch ein Hotspot. Das sind rein künstliche Kategorien, die mit dem realen Alltag nichts zu tun haben.

Würde man die - echten - Opfer anderer Krankheiten im selben Mass hochrechnen, müsste der Staat umfangreiche Massnahmen einleiten. Wir erinnern uns daran, dass es einst hiess, zu stark grilliertes Fleisch fördere Krebs. Man darf davon ausgehen, dass das wahr ist, viele schlaue Köpfe haben daran geforscht. Müsste man nun nicht das Grillieren untersagen? Damit liesse sich die Gefahr eindämmen. Die ist mindestens so real wie eine schwere Erkrankung durch Corona, zumal dort die wirkliche Risikogruppe viel kleiner ist.


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Keine Angst, wir wollen niemandem den Grillspass vergällen. Es ist nur ein Beispiel - eines von vielen. Noch tauglicher als Beispiel wäre wohl der nach wie vor freie Verkauf von Raucherwaren. Wir alle wissen, wie viele Menschen jedes Jahr an den Folgen der Nikotinsucht sterben. Und wer es nicht weiss: Es sind 9500 Menschen. Schreiben wir es doch aus: Neuntausendfünfhundert. Pro Jahr. 26 Menschen pro Tag. Ein Vielfaches der bisherigen Opfer von Corona. Aber immerhin alimentieren wir damit die AHV, und ein Tabakverbot wäre sehr unpopulär, deshalb interessiert das keinen.

Auch wenn nun in der Wintersaison ohne Zweifel mehr Menschen aufgrund einer Viruserkrankung im Spital landen, viele übrigens mit der banalen normalen Grippe, die man statistisch einfach abgeschafft hat, bleibt es dabei: Die vor Monaten heraufbeschworene Gefahr für alle Teile der Gesellschaft gibt es nicht. Es gibt sie für bestimmte Risikogruppen, die sehr klar eingrenzbar sind und die man natürlich schützen muss. Aber das, was voraussichtlich am Mittwoch beschlossen wird, dient nicht deren Schutz. Es dient dem Schutz von Menschen, die keinen Schutz brauchen. Und peinigt nebenbei die Wirtschaft, von der wir alle leben.

Es ist ein sensibles Thema, und wer direkt in seinem Umfeld betroffen ist, mag es anders sehen, aber ansprechen muss man es dennoch. Eine Krankheit, der in erster Linie Menschen erliegen, welche die durchschnittliche Lebenserwartung erreicht haben, ist keine Apokalypse. So tragisch jeder Einzelfall ist, so bleibt doch einfach die Erkenntnis, dass das Leben endlich ist. Das lernen wir alle bereits als Kinder. Aber offensichtlich dürfen wir uns alle zu Tode trinken, rauchen oder rasen, solange wir nur bitte nicht an Corona sterben. Dank Covid-19 gibt es nun Todesopfer verschiedener Klassen. Wie muss man sich eigentlich fühlen, wenn man derzeit aus anderen Gründen als Corona dem Ende entgegenfiebert? Es ist, als würde man nicht zählen.

Das mag verstehen, wer will.

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Autor/in
Stefan Millius

Stefan Millius (*1972) ist freier Mitarbeiter von «Die Ostschweiz». Seine Stationen führten über das «Neue Wiler Tagblatt», Radio aktuell, die ehemalige Tageszeitung «Die Ostschweiz» zum «Blick».

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