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Der Beginn der Schere im Kopf

Falcos «Jeanny»: Als vor 35 Jahren die «Cancel Culture» Fahrt aufnahm

Unliebsame Künstler, denen Bühnen verboten werden oder die sich durch Demonstranten hindurch kämpfen müssen: Das ist die neue Realität. Aber ist sie so neu? Vor 35 Jahren kämpfte bereits eines der grössten Genies der damaligen Zeit mit diesem Phänomen. Eine späte Würdigung.

Stefan Millius am 30. Juli 2021

Unsere Nachbarn haben es gut. Sie hatten Falco. Den Mann, der schon in den 80er-Jahren Dinge tat, die den Weg bereiteten für das, was Jugendliche heute hören. Der jede Konvention brach, den Rap aus weissem Mund salonfähig machte. Ein Ausnahmetalent. Eine Jahrhunderterscheinung. Viel zu früh gestorben, aber das gehört ja zum Programm. Wer hält es schon länger als unbedingt nötig hier aus?

Vor 35 Jahren erlitt dieser Falco das, was heute völlig normal ist: Einen Bannstrahl der Gesellschaft, inzwischen harmlos als «Cancel Culture» bezeichnet. Das Ansinnen, Menschen zum Schweigen zu bringen, die etwas thematisieren, das gerade nicht akzeptiert ist. Das ist keine neue Erscheinung. Es gibt sie schon lange.

Im Fall von Falco war es einer seiner grössten Hits namens «Jeanny». Er besingt darin etwas, was man als Entführung und Ermordung als einer jungen Frau verstehen kann. Es war ein Lied. Einfach ein Lied. Es war Kunst. Eine völlig fiktive Geschichte, in einem Songtext verdichet und mit einer Melodie untermalt.

Und dennoch liefen sie Amok, die Frauenrechtsorganisationen und die politisch Korrekten, und sie befanden, das sei eine Verharmlosung von Gewalt an Frauen. Was widerspruchsreif von allen übernommen wurde, die das Sagen hatten.

Es ist erstaunlich, wie kleingeistig genau die Menschen sind, die sich selbst als so überaus tolerant und fortschrittlich sehen

Die Auswirkungen waren absurd. «Jeanny» eroberte im Nichts die Hitparaden, doch auf den meisten deutschen Radiostationen durfte der Titel nicht gespielt werden. Woche für Woche verkündeten die Moderatoren, dass auch dieses Mal wieder ein Song zuoberst steht, den man dem Publikum leider nicht zumuten dürfe. «Jeanny» wurde nicht gespielt. Denn das hätte ja unabsehbare Folgen haben können.

Und hier ist dieser Song:

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Aber nun ernsthaft: War Falco ein verhinderter Serienmörder? Hiess er Gewalt gegen Frauen gut?

Nichts von dem. Er verarbeitete nur künstlerisch in einem Song die Realität unserer Zeit. Aber niemand will hören, was ist. Das Wesen der «Cancel Culture» ist es ja eben, dass man die Realität geschönt darstellen will, dass es nicht darum geht, zu zeigen, wie es ist, sondern wie es sein sollte. Es ist die Art Geschichtsklitterung, die in «1984» in Reinkultur gezeigt wurde.

Falco knickte später ein. Er veröffentlichte mit «Jeanny Part 2: Coming home» einen Titel, der belegen sollte, das «Jeanny» noch am Leben sei. Er hat sich, völlig untypisch für ihn, nötigen lassen. um wieder akzeptiert zu werden. Zur Erinnerung: Es ging um eine fiktive Figur im Text eines Liedes, die er nun gewissermassen auferstehen lassen musste. Aber die «Auflösung» war schon damals, 1986, unbedingt nötig, um den Künstler wieder «erträglich» für die Öffentlichkeit zu machen. Die Leute liebten das Originallied, aber was können die Leute schon gegen die «allgemeine Auffassung» ausrichten?

Was heute geschieht, ist eben nicht so neu. Wenn die österreichische Kabarettistin Lisa Eckhart an einem Auftritt gehindert wird, weil ihre Kritiker Widerstand ankündigen und andere Autoren ohne jedes Rückgrat deshalb ihren Auftritt auch absagen, ist es die Wiederholung von dem, was vor 25 Jahren mit «Jeanny» geschah. Auch, wenn Andreas Thiel keine Bühne mehr findet. Oder man Marco Rima bedeutet, dass seine Karriere vorbei ist, weil er sich frei geäussert hat.

Die Kunst, denken wir, ist frei. Sie ist aber nur so frei wie es die Masse zulässt. Und wenn wir die Kunst unterbinden: Was bleibt dann noch?

Falco muss das alles wenigstens nicht mehr miterleben.

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Stefan Millius

Stefan Millius (*1972) ist Chefredaktor von «Die Ostschweiz».

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