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Gastbeitrag

Haarsträubende Thesen: Was man an der HSG so lernt

Im «Club» von SRF zum Thema «geschlechtergerechte Sprache» war die grösste Hardlinerin nicht etwa eine Gender-Aktivistin, sondern eine HSG-Professorin. Ihre Thesen waren gewagt, um es gelinde auszudrücken. – Ein Gastbeitrag von Gottlieb F. Höpli.

Gottlieb F. Höpli am 22. Juni 2022

Was ist die richtige Zusammensetzung, um in einer Fernsehrunde das Thema «geschlechtergerechte Sprache» zu erörtern? Für die Diskussionssendung «Club» des Schweizer Fernsehens vom 21. Juni waren das die Gesprächsleiterin, fünf Frauen (von denen sich eine als LBGTQ-Aktivistin verstand), und ein Mann. Unhinterfragt, das Zahlenverhältnis, denn schliesslich geht es bei der Frage ja um Gerechtigkeit….

Das eigentliche Aha-Erlebnis war aber, wer in dieser Sendung mit den extremsten Parolen und zum Teil haarsträubenden Thesen herausstach. Nicht etwa die LBGTQ-Aktivistin, nicht die SRF-Vertreterin, sondern ausgerechnet die HSG-Professorin für Geschlechterforschung Prof. Dr. Christa Binswanger. Auftreten: professoral-damenhaft gediegen. Die Argumente der Zürcher SVP-Gemeinderätin Susanne Brunner milde belächelnd, vertrat sie dann aber eine forsche Gender-Sprachpolitik. Als Instrument, die Gesellschaft zu verändern. Weil alle Sprache ja nichts anderes als politisch sei.

Politisch daher also auch das generische Maskulinum, das laut einer Studie ohnehin erst in den Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts in der Grammatik festgeschrieben worden und damit eigentlich erst seit kurzer Zeit gültig sei. Vorher sei das so nicht angewendet und verstanden worden. Die HSG-Gender-Aktivistin behauptete denn auch folgerichtig, das Gendern sei nicht etwa an den Universitäten, sondern als eine soziale Bewegung entstanden, die erst später an den Hochschulen Fuss gefasst hätte – ein abenteuerliches Narrativ, aber natürlich passend in die politische Agenda, die sie da an der St.Galler Hochschule lehrt.

Die Behauptung, das generische Maskulinum sei erst in den Sechzigerjahren aufgekommen, setzt ja schliesslich voraus, dass die Bezeichnung der Geschlechter in der Sprache zuvor explizit, also mindestens durch Doppelnennung («Lehrerinnen und Lehrer») erfolgt sei. Also hätten Schiller und Goethe, Fontane und Tucholsky, Frisch und Dürrenmatt zuvor eine gegenderte Sprache benutzt? Was für ein haarsträubender, sprachhistorisch völlig unhaltbarer Unsinn!

Nur damit Gender-Sprache, Inklusion und Diversity politisch korrekt gelehrt werden können, werden also an der HSG Studien zitiert und Argumentationen verbreitet, die den Sprachgebrauch radikal in den Dienst einer Ideologie stellen. Dabei dürfe man gerne auch mal ein bisschen vorangehen und «Dinge ausprobieren», auch wenn sich diese nachher halt als falsch herausstellten, meinte die HSG-Professorin – über deren Bereitschaft, die Sprache aus politischen Gründen zu vergewaltigen, sogar in dieser Gender-affinen Runde leichtes Unbehagen aufkam.

Man wird sich fragen dürfen, was die Studentinnen und Studenten an der HSG mit solchen Weisheiten anfangen sollen. Werden sie die Sprache in ihrer Tätigkeit in Wirtschaft und Gesellschaft ebenfalls in erster Linie als Mittel zur politischen Veränderung des «Systems» benutzen statt als Kommunikationsmittel, um sich Anderen verständlich zu machen? Da werden ihre künftigen Arbeitgeber sich aber freuen.

Vielleicht bildet Frau Professor Binswanger ja aber auch hauptsächlich Fachkräfte für Gender, Diversity und Inklusion aus, die dann an Hoch- und Fachhochschulen, Pädagogischen und anderen Bildungsstätten solche Weisheiten ihrerseits weitergeben. Nicht zu vergessen die Human-Resources-Abteilungen internationaler Konzerne, von wo aus die produktiven Unternehmenseinheiten ja heute schon im Wochentakt mit Anleitungen gegängelt werden, wie sie intern und extern korrekt zu kommunizieren haben.

Man könnte derlei Dinge als Verwirrungen des Zeitgeistes belächeln, die sich irgendwann wieder in Luft auflösen werden. Das sollte man nicht: Die Zeit, in der die Studierenden die abstrusen Theorien von Frau Professor Binswanger lernen, fehlt ihnen, um gründliche wissenschaftliche Kenntnisse in ihren eigentlichen Studienfächern zu erwerben. Es könnte also sein, dass HSG-Absolventen viel über Gender und Diversity, aber wenig über Wirtschaft und Recht wissen werden. Wenn sich das einmal herumspricht, wird das ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt nicht unbedingt erhöhen.

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Laveba 03/2022

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Gottlieb F. Höpli

Gottlieb F. Höpli (* 1943) wuchs auf einem Bauernhof in Wängi (TG) auf. A-Matur an der Kantonssschule Frauenfeld. Studien der Germanistik, Publizistik und Sozialwissenschaften in Zürich und Berlin, Liz.arbeit über den Theaterkritiker Alfred Kerr.

1968-78 journalistische Lehr- und Wanderjahre für Schweizer und deutsche Blätter (u.a. Thurgauer Zeitung, St.Galler Tagblatt) und das Schweizer Fernsehen. 1978-1994 Inlandredaktor NZZ; 1994-2009 Chefredaktor St.Galler Tagblatt. Bücher u.a.: Heute kein Fussball … und andere Tagblatt-Texte gegen den Strom; wohnt in Teufen AR.

Geschieden; drei wunderbare Töchter.

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