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Im Gespräch mit Mona Vetsch

«Hinsehen tut manchmal weh»

Sie steht in der Rekrutenschule stramm, betritt die eigene Welt der Dementen oder rückt mit der Feuerwehr aus. Mona Vetsch wird in ihrer Sendung «Mona mittendrin» ins kalte Wasser geworfen und schaut hin, wo unsere Gesellschaft oftmals lieber wegsieht.

Manuela Bruhin am 13. Mai 2020

Dennoch verliert sie dabei offenbar nie ihr Lächeln. Das scheint anzukommen. Die Thurgauerin baut ihr Engagement für «SRF Dok» aus. Die «Dok»-Serie «Mona mittendrin» erhält ab August 2020 einen fixen, monatlichen Sendeplatz am Hauptabend auf SRF 1.

Wir haben gesucht und gesucht. Und gesucht. Aber negative Schlagzeilen über Sie findet man eigentlich nirgends. Warum kommen Sie bei den Leuten so gut an?

Ich bekomme wirklich viele schöne Rückmeldungen. Darüber freue ich mich sehr. Aber ich frage nicht nach Erklärungen. Ich will nämlich nicht in Versuchung kommen, irgendwann nur noch Dinge zu tun und zu sagen, um es möglichst allen recht zu machen. Im Moment besteht keine Gefahr: Es gibt noch eine beruhigende Anzahl Menschen, denen ich auf den Keks gehe. (lacht)

Dennoch sind Sie quasi eine «Immerzu-Strahlefrau». Woher nehmen Sie Ihre gute Laune? Und was machen Sie, wenn es Ihnen einmal nicht so gut geht?

Das Strahlen kommt daher, dass ich einen tollen Job habe, den ich gerne mache und für den ich dankbar bin. Aber diese «sichtbaren» Momente sind ja nur ein kleiner Teil meines Lebens. Mein Privatleben gleicht vieles aus. Ich gehe selten in den Ausgang, hab keine spektakulären Hobbies, mag melancholische Musik und geniesse es zuweilen, eine «trübe Tasse» zu sein.

Mit Ihren Reportagen begeben Sie sich oftmals auf dünnes Eis. Sie besuchen kranke Kinder, verweilen auf dem Friedhof, sprechen über Abtreibungen und das Älter werden. Alles Themen, die Meinungen und Reaktionen hervorrufen.

Hinsehen tut manchmal weh. Aber einfach Wegschauen ist oft schlechter. Meine Erfahrung zeigt, dass Angst, Abwehr und Abneigung oft aus Unkenntnis entstehen. Wenn du beispielsweise den Menschen im Krematorium zuschaust, wie respektvoll, ruhig und würdig sie mit toten Menschen umgehen, dann hat es auch etwas Tröstliches. Wenn wir schwierige Themen ansprechen, wie Krebs, das Schlachten, Drogenabhängigkeit – dann zeigen wir auch: Ja, man kann und soll darüber reden. Gerade auch mit Betroffenen, die oft viel offener sind, als wir uns das vorstellen.

Was war das schlimmste Erlebnis, über welches Sie berichten mussten?

Der Besuch im Kinderspital St.Gallen auf der Onko-Abteilung ist mir sehr nahe gegangen. Du stehst da und kannst nicht helfen, obwohl du so gerne würdest. Das ist hart.

Und der umgekehrte Fall?

Lustiges und Schönes gibt es eigentlich in jeder Sendung, sei es in Neuseeland oder am Bahnhof in Biberbrugg. Am «Schönsten» sind für mich die Reaktionen des Publikums. Wenn ich merke, dass unsere Sendungen bei Menschen etwas auslösen.

Das tut ja fast jede Sendung von Ihnen. Bei den Kommentaren loben die Leute oftmals Ihr Feingefühl und die neutralen Ansichten. Als Journalist ist es jedoch nicht immer einfach, seine Ansichtsweise hinten anzustellen.

Ich versuche, offen zu sein. Bei «Mona Mittendrin» bin ja nicht nur Journalistin, sondern auch Mensch. Emotionen sind per se nie «neutral», und das ist auch gut so. Offen zu sein heisst für mich, dass ich nicht voraussetze, dass mein Blickwinkel der Richtige ist. Oder dass ich schon alles weiss. Es interessiert mich einfach, wie andere Menschen ihr Leben leben.

Ihr Leben findet in der Öffentlichkeit statt. Gibt es auch einmal Situationen, bei denen Sie lieber völlig unbekannt wären?

Im Alltag gibt es so viele schöne kleine Begegnungen, weil ich Menschen «bekannt vorkomme», also ihnen irgendwie vertraut bin. Dann reden wir ein bisschen über dies und das und gehen zufrieden auseinander. Das bereichert das Leben enorm. «Unbekannt» wäre ich vielleicht höchstens im Zirkus gern, wenn der Clown ein paar «Freiwillige» aus dem Publikum pickt. Da hoffe ich immer, dass er mich nicht gesehen hat. In meinem Privatleben stehe ich nicht gern im Rampenlicht.

Sie haben die 40 überschritten – und damit kommt bei vielen die «Midlife-Crisis». Wie war es bei Ihnen? Philosophieren Sie über das Leben – oder nehmen einfach alles «vorzue»?

Je weniger man Zeit hat, darüber nachzudenken, umso weniger denkt man darüber nach. Und ich habe aktuell gerade sehr viel zu tun, im Beruf, aber auch in der Familie. Ich geniesse alles so intensiv wie möglich. Nicht, weil ich denke, dass es in Zukunft schlechter wird, sondern, weil ich weiss, dass all das nie mehr zurückkommt.

Ihr Job verlangt das Umherreisen. Was bedeutet Ihnen die Ostschweiz und Heimat? Haben Sie jemals in Erwägung gezogen, irgendwo anders zu leben?

Ich bin gerne unterwegs und liebe es, Neuland zu entdecken. Ich probiere sogar im Alltag immer wieder neue Wege, Strassen, Verbindungen aus. Auch wenn ich dabei manchmal im «Gagg» draussen lande. Sehr zum Leidwesen meiner Buben, die beim Spazieren den kürzesten Weg dem interessanten oft vorziehen. Obwohl ich schon länger in Zürich lebe, ist die Ostschweiz, der Thurgau, immer noch «Heimat» für mich. Die Erfahrungen, die du als Kind gemacht hast, prägen dich ein Leben lang.

Stichwort Zeit: Welches sind die Wünsche und Projekte, welches Sie als nächste verfolgen?

Ich nehme die Dinge «vorsizue». Zufrieden sein in Moment, das ist ein ständiges Projekt. Nicht einzurosten und sich immer wieder von neuen Dingen berühren zu lassen. Und einen anständigen Backflip vom Dreimeter würde ich gerne mal schaffen. Aber das muss ich wohl aufs nächste Leben verschieben.

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Manuela Bruhin

Manuela Bruhin (*1984) aus Waldkirch ist Redaktorin von «Die Ostschweiz».

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