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Zeyer zur Zeit

Huber lebt – und redet

Der CEO von Raiffeisen ist ein grosser Schweiger. Aber wehe, wenn er redet.

René Zeyer am 29. Januar 2021

Der SoBli widmete seine jüngste Ausgabe zur Hälfte dem Frauenstimmrecht. 50 Jahre ist es her, dass Frauen überall ihren Stimmzettel abgeben dürfen. Selbst Appenzell Innerrhoden musste sich knirschend dreinschicken. Platz zu klein, Frauen haben keinen Säbel, befehlen doch sowieso zu Hause, was der Mann abzustimmen hat – alles vergebens.

Daneben war aber noch Platz für ein grosses Interview mit Heinz Huber. Der habe Raiffeisen wieder in «ruhigere Gewässer geführt», nach all den Aufregungen um Pierin Vincenz, schreibt der SoBli. In sehr, sehr ruhige Gewässer.

Aber stille Wasser, die sind tief, wie man weiss. Nach einer etwas unglücklichen Wortmeldung zum Jahreswechsel hat Huber schon wieder etwas mitzuteilen. Diesmal zündet er aber gleich eine mittlere Bombe.

Thema ist die Privatisierung von Postfinance, womit für die Nummer eins im Hypothekenmarkt ein neuer Mitbewerber entstehen würde. Dem sieht Huber aber mit seiner sprichwörtlichen Gelassenheit entgegen: «Der Wettbewerb ist extrem kompetitiv. Wenn jetzt auch noch die Postfinance hinzukommt, spielt das für uns keine grosse Rolle.»

Interessant; kann man vielleicht auch so sehen. Der SoBli fragt dann verblüfft, wieso diese neue Konkurrenz plötzlich kein Thema für Raiffeisen sei, nachdem sich die Genossenschaftsbank noch vor Kurzem klar gegen einen Einstieg von Postfinance in das Hypogeschäft ausgesprochen habe.

Das sei aber mit Bundesgarantie gewesen, und deshalb habe es gegen einen Grundsatz von Huber verstossen: «Gleich lange Spiesse für alle Marktteilnehmer.» Eine privatisierte Post hätte einen gleich langen Spiess, aber es bleiben dann doch noch diverse Kantonalbanken mit Staatsgarantie und somit längeren Spiessen.

Da flüchtet sich Huber in eine etwas merkwürdige Windung: «Diese sind im 19. Jahrhundert entstanden, als grosse Teile der Bevölkerung keinen Zugang hatten zu Krediten.» Aha, aber eigentlich geht es mehr ums 21. Jahrhundert. Aber gut, man muss nicht alles verstehen, was Huber sagt. Vielleicht versteht er’s auch selbst nicht.

Dann zündet Huber aber ansatzlos ein eine Bombe: «Nicht nur die Postfinance kann eine solche Grundversorgung gewährleisten. Auch Raiffeisen bietet bereits heute eine Art Grundversorgung an.» Der Interviewer kann sein Glück kaum fassen und bohrt nach, wie Huber das denn meine: «Wir haben 834 Geschäftsstellen, mehr als 1700 Bancomaten und ein Onlinebanking, das täglich über eine halbe Million Nutzerinnen und Nutzer bedient. Wir sind die einzige Bank der Schweiz, die das so auf nationaler Ebene leistet.»

Nun wird der Interviewer etwas fies und zieht einen neuen Spiess heraus: «2000 hatten Sie 1300 Filialen, jetzt noch 834. Ist das nicht ein Widerspruch?» Nun, diesen Widerspruch löst Huber ganz einfach auf: «Es stimmt, wir haben in den vergangenen Jahren Geschäftsstellen abgebaut.»

Hm, aber gibt es nicht vielleicht noch ein paar weitere Widersprüche? Eigentlich schon. Im grossartigen Plan «Raiffeisen 2025» seines VR-Präsidenten ist diese Variante nicht enthalten. Raiffeisen als Nachfolger der Postfinance im Service public? Eine rasante, neue Perspektive.

Dann kommt auch noch Pech hinzu. Nachdem sowohl Freund wie Feind etwas mit offenem Mund dastanden und sich nicht sicher waren, ob Huber irgendwas Illegales geraucht hatte oder das wirklich ernst meinte, passierte gleich am nächsten Tag der GAU: «Das IT-System der Bank machte schlapp», enthüllt der Finanzblock «Inside Paradeplatz» .

Statt auch am Montag «eine halbe Million Nutzer im E-Banking» zu bedienen, war «von 8 bis 19 Uhr» Mattscheibe, nichts ging mehr, zitiert IP einen Kunden.

Das ist nun wirklich blöd; ausgerechnet einen Tag danach, ausgerechnet gegen Monatsende mit dem üblichen, erhöhten Zahlungsverkehr, zeigt Raiffeisen, dass es bei seinem Angebot einer Grundversorgung doch noch etwas Luft nach oben hat.

Ob es wirklich eine gute Idee war, als erster den Hut in den Ring zu werfen und allen mitzuteilen, dass sich Raiffeisen durchaus vorstellen könnte, per Leistungsauftrag diesen Service public zu übernehmen? Wusste VRP Guy Lachappelle von diesem kühnen Plan, der bislang die Kommunikation nach aussen geschaukelt hatte?

Dessen grosser Plan eine Reduzierung des Hypoteils vorsieht, eine serviceorientierte Bank, eine One-Stop-Only-Bank mit Versicherungsangeboten, ein «Lösungsanbieter» mit ausgebauter Vermögensverwaltung. Aber kein Wort von Service public, Grundversorgung, neue Postfinance.

Oder will Huber durchstarten? Neue, modische Brille, neuer, dickerer Krawattenknopf, Haifischkragen, edler Zwirn. Also seine Aussenwirkung hat Huber deutlich einem Upgrading unterzogen. Könnte es sein, dass die Zeit der ruhigen Gewässer bei Raiffeisen schon wieder vorbei ist?

Stölzle /  Brányik
Autor/in
René Zeyer

René Zeyer (1955)  ist Publizist, Bestsellerautor («Bank, Banker, Bankrott») und Kommunikationsberater. Er lebt in Zürich und Havanna.

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