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Die Geschichte von Aletheia

Hunderte von Fachpersonen sind plötzlich offenbar keine mehr

Stammt eine Information aus einer undurchsichtigen Quelle, deren Motive wir nicht kennen, misstrauen wir ihr zunächst einmal. Was aber, wenn eine Quelle transparent von unzähligen Fachleuten getragen wird, die Information aber nicht gehört werden soll? Dann muss Diffamierung her. Wie bei Aletheia.

Stefan Millius am 16. Februar 2021

Wir haben unsere eigenen Erfahrungen gemacht mit dem, was gleich kommt. Und inzwischen gibt es eine Fortsetzung.

Am 12. Januar 2021 veröffentlichte «Die Ostschweiz» einen Beitrag mit dem Titel «Expertengruppe fordert umgehende Einstellung aller Massnahmen» mitsamt Verlinkung auf ein Dokument, in dem diese Forderung umfangreich mit Zahlen, Fakten und Einschätzungen unterlegt wurde. Absender des Papiers war die Gruppe «Aletheia», ein Zusammenschluss von Ärzten, Gesundheitsfachpersonen und Wissenschaftlern aus diversen Fachbereichen. Sie halten das, was derzeit rund um Corona passiert, für unverhältnismässig und sachlich falsch.

Umgehend kam in den sozialen Medien die vielfache Kritik, Aletheia sei ein dubioser, intransparenter «Club» aus aktiven Coronaleugnern und Verschwörungstheoretikern (wir kolportieren die verwendeten Begriffe bewusst), dem man keine Plattform bieten dürfe. Was übrigens auch fast nirgends ausser bei uns, vielen Telegramgruppen und den sogenannten «alternativen Medien» geschah. Kurzerhand wurde dem Beitrag das Prädikat «unjournalistisch» verliehen, weil eine Quelle zum Handkuss kam, die das nicht verdient habe.

Es ging also um die ganz grundsätzliche Frage, ob man so etwas veröffentlichen soll. Inhaltlich hingegen kam keine Kritik zum umfangreichen Dokument. Vermutlich, weil viele fanden, dass man gar nicht erst lesen muss, was aus einer so «zweifelhaften Küche» stammt. Oder aber, weil es nicht viele Ansatzpunkte für konkrete Vorwürfe gab, da das Papier vorwiegend auf den offiziellen Zahlen basierte und die Kritik an der Coronapolitik weder Verschwörungsthesen enthielt noch unwissenschaftlich war. Im Aletheia-Dokument steht kaum etwas, was nicht zumindest ansatzweise schon früher bereits von anderen Wissenschaftlern vertreten wurde, einfach ausführlicher zusammengetragen und erkennbar mit einem wissenschaftlichen Hintergrund.

Aber eben, das alles nützt nichts und soll bloss nicht weitergegeben werden, wenn man nicht genau weiss, wer dahintersteckt. Denn Unbekannte können ja alles Mögliche behaupten und hübsche Grafiken basteln.

Ist die Quelle also wirklich undurchsichtig?

Schon vor einem Monat war bekannt und auf der Webseite ausgewiesen, wer die Gründungsmitglieder und im Vordergrund tätigen Leute von Aletheia sind. Die Gruppe war bereits damals keine «Black Box», zumindest der Vorwurf der Intransparenz ist nicht haltbar. Es ist aber eher noch schlimmer in den Augen der Kritiker. Denn namentlich aufgeführt sind Ärzte wie Andreas Heisler, Rainer Schregel und Björn Riggenbach oder die Thurgauer Wissenschaftlerin und Kantonsrätin Barbara Müller. Leute, die sich – etwas dramatisch ausgedrückt – schon seit langem im Widerstand gegen die Coronamassnahmen befinden und bei den meisten Medien den Aussätzigenstatus geniessen. Was Aletheia als Urheber eines Dokuments quasi toxisch macht.

Was bereits im Januar übersehen wurde und weiterhin tapfer kein Thema ist: Dass hinter Aletheia schon früh viele weitere Leute standen, die Unterstützer, die auf der Webseite der Gruppe mit ihrem Namen präsent sind. Es sind inzwischen über 1000 Personen. Dazu gehören rund 100 Ärztinnen und Ärzte, vom Hausarzt bis zum Facharzt, dazu mehrere hundert Fachpersonen aus dem Gesundheitsbereich. Und schliesslich ebenfalls hunderte von Angehörigen anderer Berufsgruppen, vom Architekten über den Ingenieur bis zum lic. oec. HSG oder einem Tierarzt.

Angesichts ihrer offenen Unterstützung ist davon auszugehen, dass diese über 1000 Menschen hinter den Forderungen, aber auch den entsprechenden Herleitungen und Argumenten von Aletheia stehen. Weil bekanntermassen viele Ärzte oder Angehörige anderer medizinischer Berufe zögern, sich zum Thema Corona öffentlich zu äussern, weil das ordentlich schiefgehen kann, liegt auch die Vermutung nahe, dass weit mehr als diese 1000 inhaltlich hinter dem aktuellen Schreiben stehen, sich aber nicht «outen».

Es geht aber nicht nur um Quantität. Konkrete Beispiele aus den Reihen derer, die sich zeigen: Die Zahnärztin aus Saas-Fee, der Naturwissenschaftler aus Basel, die Pharmazeutikerin aus Tuggen, die Master of Science aus Frauenfeld, der Chirurg aus Uetendorf. Sind das alles durchgeknallte Aluhutträger, die nicht an Viren glauben und das Schweizer Gesundheitssystem in den Abgrund führen wollen? Ernsthaft?

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Die Frage ist aktuell, denn inzwischen ist die Gruppe wieder aktiv geworden. Am 10. Februar hat sie sämtliche Regierungsmitglieder auf nationaler und kantonaler Ebene, alle eidgenössischen Parlamentarier, die Kantonsärzte und das BAG mit einem weiteren Dokument bedient – per eingeschriebener Post. Der Umfang: 38 Seiten. Der Inhalt: Eine Wiederholung der Forderung eines Endes der Massnahmen, zusammen mit aktualisierten Erkenntnissen und Zahlen rund um Corona und dessen «Bewältigung».

Der Widerhall war gross bei den Massnahmenkritikern im ganzen Land – und gleich Null bei den grossen Medien. Und es ist auch nicht bekannt, dass auf der politischen Ebene irgendwer reagiert hätte. Denn eben: Die Quelle hat einen miserablen Ruf. Nach wie vor. Sie besteht schliesslich aus den Speerspitzen der Widerborstigen. Nennt man ihren Namen auf Facebook, folgen umgehend Kommentare im Sinn von «Denen glaubst du doch nicht etwa?» Die Debatten, die sich danach entspannen, machen deutlich, dass die Inhalte weiterhin kein Thema sind, erst recht nicht ihr Wahrheitsgehalt. Der wird gar nicht erst geprüft. Entscheidend ist ein Image, das auch Leute weiterverbreiten, die sich noch nie ein Papier der Gruppe zu Gemüte geführt haben.

Völlig schuldlos daran ist Aletheia vermutlich nicht. Es beginnt beim mystisch angehauchten Namen, der aus dem Griechischen stammt und wörtlich so viel wie «Das Unverborgene» bedeutet und der Einfachheit halber meist mit «Wahrheit» übersetzt wird. Schon frühe Philosophen haben mit dem Begriff gearbeitet, es ging weiter bis zu Heidegger. Es ist sicher keine Bezeichnung für eine Gruppe, die den Zugang zur breiten Masse vereinfacht. Das Wort wird in vielen Schriften zudem explizit als das Gegenteil von Lüge und Irrtum eingesetzt, was dem Ganzen einen leicht absolutistischen oder missionarischen Eindruck einhauchen kann.

Beschäftigen sich Medien dann doch mit Aletheia, dann in einer gnadenlosen und damit verfälschenden Verkürzung. Das Wissenschaftsportal higgs.ch beispielsweise macht aus der Gruppe kurzerhand einen faktischen Alleingang des Arztes Andreas Heisler, der oft in den Schlagzeilen war. Der Kunstgriff ermöglicht es dann, alles, was man Heisler zur Last legt, auf die gesamte Gruppe anzuwenden.

Zudem stürzt sich das Portal reduzierend auf die Unterstützer, die eine Nähe zu alternativen Heilmethoden haben und macht daraus – überaus unwissenschaftlich übrigens – den Rückschluss, Aletheia sei in erster Linie eine Homöopathenveranstaltung. Zwar wird noch angemerkt, dass über die Hälfte der Mediziner in diesen Reihen Hausärzte sind. Aber das findet higgs.ch in erster Linie seltsam, niemand macht sich hingegen die Mühe, der Frage nachzugehen, warum gerade so viele grundversorgende Praktiker, die nahe an den Patienten sind, Mühe mit den Schutzmassnahmen haben.

Was den Inhalt des ersten Papiers aus dem Dezember 2020 angeht, macht übrigens auch das Wissenschaftsportal einen grossen Bogen drum herum. Kein Wort dazu, keine einzige widerlegte These, keine einzige als falsch entlarvte Zahl taucht auf. Stattdessen stürzt sich die Autorin auf die (inzwischen nicht mehr existente) Linkliste auf der Webseite von Aletheia, um dann in Schnappatmung zu verkünden, da finde sich sogar ein Beitrag des alternativen US-Mediums «Breitbart». Als wenn eine Quelle, die man persönlich nicht mag, alles drum herum disqualifzieren würde.

Womit sich der Kreis schliesst. Wieder geht es bei der Kritik nur um die Quelle, um den Absender einer Information – und nicht, was in dieser drinsteht.

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Autor/in
Stefan Millius

Stefan Millius (*1972) ist Chefredaktor von «Die Ostschweiz».

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