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Jahresrückblick-Interview

«Ich backe meine Brötchen nun halt ein bisschen kleiner»

Er ist Standup-Comedian und Moderator von den Corona-Massnahmen in diesem Jahr auch hart getroffen worden. Der 35-jährige Ostschweizer «Chäller» alias Yves Keller vermisst aber vor allem seine Liebsten.

Nadine Linder am 30. Dezember 2020

«Corona» war das dominierende Thema im vergangenen Jahr. Auf was können Sie in diesem Zusammenhang im positiven Sinne zurückblicken?

Demut. Wir haben immer das Gefühl, wir hätten alles im Griff und dann kommt so ein Käfer und alles ist lahm gelegt, jede und jeder hat eine andere Meinung und viele von uns haben Existenzängste. Ich glaube wirklich, so eine Krise lehrt uns demütiger zu werden. Wir haben eben offenbar nur sehr wenig wirklich im Griff – und das ist wahrscheinlich gut so.

Womit hatten Sie im Zusammenhang mit «Corona» am meisten zu kämpfen?

Am Anfang war da natürlich die Existenzangst. Spannend ist aber, dass ich bald merkte, dass das Leben immer noch schön ist, auch wenn ich nun halt etwas kleinere Brötchen backe. Viel mehr Mühe habe ich aktuell mit den sozialen Auswirkungen. Ich vermisse es, Freunde zu umarmen und neue Leute kennen zu lernen. Und ich vermisse es, in einem Saal voller Menschen aufzutreten und das beglückende Lachen der Leute zu hören. Das fehlt. Überhaupt habe ich das Gefühl, dass weniger gelacht wird, was ich alarmierend finde.

Bleiben wir beim Positiven: Was wird Ihnen rückblickend auf das Jahr 2020 in sehr guter Erinnerung bleiben? Gab es allenfalls einen entscheidenden Meilenstein in Ihrem Berufs- oder Privatleben?

Völlig unerwartet war für mich, dass der grosse Urs Kliby von Kliby und Caroline mich nach seiner Rücktrittsankündigung seinen Nachfolger nannte. Da war ich echt baff. Wir lernten uns erst im Januar kennen und daraus entwickelte sich ein regelmässiger Mailaustausch. Irgendwann schickte ich ihm dann Aufnahmen meines neuen Programms und fragte ihn, ob er mir allenfalls ein schönes Zitat geben könnte, falls ihm meine Show gefällt. Dass er dann gleich sagte, dass er mich als seinen Nachfolger sehe, hat mich völlig geflasht.

Welche drei Persönlichkeiten haben für Sie das Jahr 2020 positiv geprägt?

Das sind mehr als nur drei. Nämlich all die Leute, die 2020 arg gebeutelt wurden und trotzdem nicht aufgaben. Ich traf so viele Menschen, die praktisch von einem Tag auf den anderen in eine äusserst prekäre Lage geraten sind und trotzdem nicht aufgaben, sondern bis heute versuchen positiv zu bleiben. All diese mutigen Kämpferinnen und Kämpfer sind für mich Helden.

Woran denken Sie umgehend, wenn Sie sich mit der «Planung» des Jahres 2021 befassen?

Da kommt mir spontan der Trio-Eugster-Gassenhauer «Oh läck du mir am Tschöpli» in den Sinn, weil eine konkrete Planung grausam schwierig ist. Ich hoffe aber, dass wir bald den Pegasus-Hit «I’m gonna rise up» anstimmen können.

Gibt es darüber hinaus etwas, was Sie nächstes Jahr unbedingt in Angriff nehmen möchten?

Meine über 90-jährigen Grosseltern wieder zu treffen, ohne Angst haben zu müssen, ich könnte sie allenfalls anstecken, wäre ein Herzenswunsch. Sie sind wahre Vorbilder und ich würde sie wahnsinnig gerne einfach mal wieder umarmen.

Abschliessend ein paar entweder/oder-Fragen. Den Übergang ins neue Jahr feiern oder im Bett verbringen?

Im Bett verbringen. Nicht einmal wegen Corona, ich war einfach noch nie ein grosser Fan von Silvester.

Das Jahr 2021 mit klaren Vorsätzen starten oder alles auf sich zukommen lassen?

Um wirklich weiter zu kommen, finde ich, braucht es immer ein klares Ziel. Ich will lieber proaktiv handeln, als passiv alles auf mich zukommen lassen. Wenn es dann trotzdem anders kommt als geplant, kann ich wenigstens sagen, dass ich alles gemacht habe, um mein Ziel zu erreichen.

Die Sommerferien 2021 wenn möglich im Ausland verbringen oder hier in der Schweiz?

Das einzig Positive, das uns der Klimawandel beschert, sind immer besser werdende Schweizer Weine und Sommer. Da muss ich im Juli also wahrlich nicht nach Rimini hottern, sondern geniesse die Sommertage viel lieber am Bodensee und Rhein.

Ost
Stölzle /  Brányik
Autor/in
Nadine Linder

Nadine Linder ist Redaktorin von «Die Ostschweiz».

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