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GastroSuisse-Direktor Daniel Borner

«Ich empfand es als eine populistische Beleidigung»

In einem Kommentar forderte der Tagblatt-Chefredaktor die Gastronomen auf, mit Jammern aufzuhören. Daniel Borner ist seit Januar 2017 Direktor von GastroSuisse, dem grössten Arbeitgeberverband für Hotellerie und Restauration. Im Gespräch bezieht der 54-jährige Thurgauer Stellung zum «Angriff».

Marcel Baumgartner am 03. Juni 2021

Daniel Borner, sind die Gastronomen Jammerlappen, wie kürzlich in einem Zeitungskommentar angedeutet wurde?

Nein, das sind sie entschieden nicht. Ich möchte jenen Chefredaktor hören, der zwölf Monate staatliches Arbeitsverbot erhält.

Was löste der besagte Kommentar von Tagblatt-Chefredaktor Stefan Schmid bei Ihnen und Ihrer Branche aus?

Es ging mir ganz ähnlich, wie Sie es in Ihrem Kommentar geschrieben haben. Ich empfand es als eine populistische Beleidigung einer ganzen Branche aus dem sicheren Bürostuhl.

Zeigt ein solcher Kommentar womöglich auch auf, dass die effektiven Auswirkungen auf die Gastrobranche durch die Einschränkungen gerade auch durch GastroSuisse nicht genügend aufzeigt und kommuniziert worden sind?

Genau das Gegenteil wird uns ja in diesem Kommentar vorgeworfen. Wenn wir informieren, wie es um die Branche steht, dann wird uns vorgeworfen zu jammern. Unsere Informationen beruhen auf Befragungen bei unseren Mitgliedern, an denen sich jeweils zwischen 2500 bis 3500 Unternehmer beteiligen. Ich möchte den Aufschrei hören, wenn der Bundesrat diesem Chefredaktor ein fast zwölfmonatiges Arbeitsverbot erteilen würde.

Nun ist die Gastrobranche äusserst vielfältig. Welche Segmente traf bzw. trifft es am härtesten?

Im Grundsatz waren alle betroffen. Die Hotel-Gastronomie vielleicht etwas weniger. Jene Betriebe, die bereits vor der Krise stark im Take-away oder Home delivery waren, ging es etwas besser. Unterscheiden müssen wir auch noch die Abhängigkeit von Fernmärkten. Seit einem Jahr ist der internationale Tourismus praktisch gänzlich eingebrochen. Das spüren vor allem die gastgewerblichen Unternehmen in touristischen Gebieten und insbesondere die Stadthotellerie.

Es schwirren unterschiedliche Zahlen durch die Medien, die die Anzahl Konkurse in naher Zukunft beziffern. Welche Prognose stellen Sie hierzu aus?

Eine Umfrage von Mitte März zeigte uns auf, dass bereits 20 % der Befragten den Betrieb für unbestimmte Zeit geschlossen hatten. Die sogenannten Härtefallmassnahmen haben nun etwas Linderung gebracht. Es lässt sich aber nicht einzig auf die Konkurszahlen abstützen. Viele Betriebe hatten bereits zugemacht, bevor sie in Konkurs gehen mussten. Dies bestätigt auch die Situation auf dem gastgewerblichen Liegenschaftenmarkt, wo nun viele Restaurants angeboten werden. Im Moment rechnen wir im Verband mit rund 10 % der Betriebe, die verloren gehen – vorausgesetzt, es kommt keine dritte oder gar vierte Welle.

Ist es grösstenteils auch eine längst überfällige Marktbereinigung oder wurden die betroffenen Betriebe effektiv zu wenig vom Bund unterstützt?

Ich kann das Wort der Marktbereinigung schon gar nicht mehr hören. Wer etwas von den Geschäften versteht, ist sich bewusst, dass es unter diesen Voraussetzungen auch rentable, gut gehende Betriebe treffen kann. Leider wurden die vom Bund konzipierten Massnahmen in den Kantonen sehr unterschiedlich und oft zu langsam umgesetzt.

Hinter den reinen Zahlen stecken unzählige Einzelschicksale. Wurde Ihr Verband zu einer Art Anlaufstelle für Hilfesuchende?

Unsere Hotline hat in den intensivsten Zeiten wöchentlich mehr als 2000 Anrufe bearbeitet. Das war vielfach mehr Sozial- als Fachberatung. Viele Anrufer waren sehr verzweifelt, und oft wurden Suizidgedanken geäussert. Das war auch für unsere Mitarbeitenden eine sehr belastende Zeit.

Muss oder kann man sich hier jeweils noch emotional abgrenzen?

Ja, das muss man. Oft hatten wir auch wütende Mitglieder, die böse auf uns waren. Es ist eine grosse Herausforderung, 20`000 Mitgliedern stets aufzuzeigen, an welchen Themen wir arbeiten. Einige hatten den Eindruck, wir kritisieren den Bund bzw. dessen Massnamen zu stark, viele hingegen fanden, wir würden zu wenig machen. Gerade zu Beginn der Krise habe ich auch zahlreiche besonders angriffige Mails selbst beantwortet. Oft erhielt ich auf meine sachlichen Erläuterungen eine Rückantwort, in der sich die Schreibenden entschuldigten und bedankten. Die Nerven lagen einfach blank.

Es stehen Lockerungen an. Ist damit nun endlich das Gröbste überwinden? Kann die Branche aufatmen?

Ich würde es mir wünschen. Wenn die Öffnung der Innenräume auf Ende Mai kommt, wird dies bestimmt zu einer grossen Entlastung führen. Es ist aber zu bedenken, dass wir im Schutzkonzept noch immer Beschränkungen haben (z.B. Tischabstände), die die Rentabilität der Unternehmer einschränkt.

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Daniel Borner
Stölzle /  Brányik
Autor/in
Marcel Baumgartner

Marcel Baumgartner (*1979) ist Co-Chefredaktor von «Die Ostschweiz» sowie Verlagsleiter der Ostschweizer Medien AG. Das Medienunternehmen hat seinen Sitz in St.Gallen.

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