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Coming-out

«Ich verdrängte meine Homosexualität»

Im Jahre 2020 sollte Homosexualität eigentlich kein Grund für grosses Aufsehen sein – müsste man meinen. Dass es aber mit der Liberalität manchmal nicht so weit her ist, erklärt Joel Müller. Der 24-jährige Wattwiler hatte vor vier Jahren sein Coming-out.

Nadine Linder am 30. Juni 2020

Erinnerst Du Dich an den Moment, als Dir selber klar wurde, dass Du auf Männer und nicht auf Frauen stehst?

Für mich war das nicht ein bestimmter Moment, sondern mehr ein Prozess. Je älter ich wurde, desto mehr merkte ich: «Es ist wohl so». Diese zunehmende Einsicht war in erster Linie geprägt von Angst- und Schamgefühlen.

War es Dir vielleicht schon als kleiner Junge klar, dass Du «anders» als die anderen tickst?

Nein, ganz im Gegenteil. Ich bin in einer grossen Familie im ländlichen Umfeld aufgewachsen. Dass es Homosexualität gibt, wusste ich lange gar nicht. In der Schule wurde ich irgendwann damit konfrontiert. Da war es vor allem etwas Abstraktes, fast Krankes – und vor allem etwas völlig Weltfremdes. Ich kannte schliesslich niemanden, der schwul ist. Ich mag mich beispielsweise an eine Situation in der sechsten Klasse erinnern, als wir in der Handarbeit Radio hören durften und das damals neue Lied «I kissed a girl» von Katy Perry gespielt wurde. Wir diskutierten darüber, dass dieses Lied ja aufgrund des Textes ein Mann gesungen haben müsste, aber die Stimme weiblich töne. In der Oberstufe wurde Homosexualität vor allem als Beleidigung auf dem Pausenhof verwendet. Ich selbst habe da teils sogar mitgemacht, was ich natürlich bereue.

Wann kam zum ersten Mal der Gedanke nach der Homosexualität?

Das war in dieser Zeit. Ich tat es aber als pubertäre Verwirrung ab. Ich dachte, ich könne gar nicht schwul sein, da ich ja «ganz normal» war. Ich spielte schliesslich auch gerne Fussball, mochte keine pinke Klamotten und so weiter – mein Bild von Homosexuellen war damals natürlich ein total klischeehaftes. Das war dann eine lange Zeit der Verdrängung meiner Homosexualität. Wenn ich doch mal homosexuelle Phantasien hatte, schämte ich mich extrem. Das Thema liess mich aber einfach nicht los, sosehr ich das auch wollte. Was mir auch noch geblieben ist: Ich wurde katholisch erzogen und war damals noch gläubig. Ich betete zeitweise jeden Abend dafür, dass ich nicht schwul war. In der Lehre blieb die Situation ähnlich, ich hatte immer die Angst, schwul zu sein, da ich diese Gedanken einfach nicht wegbrachte. Mir selber eingestanden, das habe ich aber nicht. Der gesellschaftliche Druck ist in diesem Alter einfach sehr gross.

Gab es Erlebnisse, die du mit Mädchen gemacht hast?

Ich wollte vor den Kollegen nicht als Feigling dastehen und sammelte deshalb auch einige Erfahrungen mit Mädchen, ja. Eigentlich wollte ich das nicht wirklich, aber es waren dann jeweils sehr befreiende Momente, weil ich glaubte, mir bewiesen zu haben, dass ich nicht schwul bin. Nach der Lehre, mit 19, ging ich dann einige Monate ins Ausland. Da hatte ich Zeit, mich mit mir auseinanderzusetzen. Irgendwann gestand ich mir da selbst ein, dass ich wohl mindestens bisexuell sein müsse. Das war sowas wie mein inneres Coming-out. Zu dem Zeitpunkt war ich aber noch fest davon überzeugt, das niemals jemandem zu erzählen. Ich dachte: «Wenn ich wirklich schwul bin, bleibe ich den Rest meines Lebens alleine in der Wildnis oder gehe in ein Kloster». Eigentlich brachte mich erst ein glücklicher Zufall voran. In einem Sportlager, dass einige Monate später statt fand, machte ein Kollege immer, wenn jemand das Schimpfwort «Schwuchtel» benutzte, die Bemerkung, dass er ja vielleicht schwul sei. Dass war natürlich DAS grosse Thema in diesem Lager. In der darauffolgenden Zeit konnte ich mit ihm das erst Mal über dieses Thema reden. Und da ich ihn sehr gut mochte, kamen auf einmal nicht mehr nur «komische» Menschen in Frage, homosexuell zu sein.

Mit wem hast Du als erstes über Deine Homosexualität gesprochen?

Irgendwann sprach ich mit meiner Schwester über das Thema. Sie war völlig überrascht, wie eigentlich alle in meinem Umfeld. Es war sehr emotional. Im ersten Moment war sie sicherlich etwas überfordert. Aber glücklicherweise reagierte sie positiv. Zu diesem Zeitpunkt war das sehr wichtig.

Wird man Deiner Meinung nach schwul geboren oder zu einem Schwulen erzogen?

Ich bin total heteronormativ aufgewachsen – gerade deshalb brauchte ich so lange bis zu meinem Outing. Ich bin aber deshalb der vollen Überzeugung, dass man homosexuell geboren wird. Ich vergleiche Homosexualität gerne damit, Links- oder Rechtshänder sein. Früher wurden Linkshänder auch umerzogen, obwohl es völlig natürlich und vor allem gar nicht so anders ist.

Wie haben Deine Familie und Dein Umfeld auf Dein Coming-out reagiert?

Im Allgemeinen positiv. Die Angst und die Belastung waren am Anfang vor jedem Outing riesig. Ich rechnete fest damit, aus Freundeskreisen oder der Verwandtschaft verstossen zu werden. Das war aber zum Glück nicht so. Meine Mutter war anfänglich etwas enttäuscht, für sie war das nicht einfach. Es spricht aber für sie, dass sie so sehr über ihren Schatten gesprungen ist und sich heute sogar für die Rechte von Homosexuellen einsetzt. Meine Geschwister sind sowieso alle sehr liberal eingestellt. Meine Freunde reagierten ebenfalls positiv. Schön fand ich die Aussage von einem Kollegen, der sagte, ich sei ja im Grunde schon immer schwul gewesen, auch bevor ich ihm davon erzählte – also ändere sich für ihn auch nichts an unserer Freundschaft.

Gab es auch feindliche Kommentare?

Die einzige negative Reaktion kam eigentlich von meiner Oma. Sie sagte, das sei jetzt nicht nötig, es gebe ja genug nette Mädchen. Ich nehme ihr das heute aber nicht mehr übel – sie ist schon etwas älter und hat eigentlich ein grosses Herz.

Gab es weitere negative Erfahrungen?

Zum einem war der Prozess bis zum Outing sehr negativ. Ich hatte wirklich extreme Angst und Schamgefühle. In der Schule waren Beleidigungen gegenüber Schwulen Alltag. In der Familie wurde das Thema lange totgeschwiegen. Nun ist vieles positiv und ich bin natürlich viel selbstbewusster. Dennoch gibt es immer wieder negative Erlebnisse. Wenn ich mit meinem Freund unterwegs bin, erlebte ich schon Beschimpfungen, Menschen mit verächtlichen Blicken oder Reaktionen. Als ich meinen Freund küsste, rief einer diverse Beleidigungen aus dem Auto. Ein anderes Mal zischte uns eine ältere Frau zu, dass sei «grusig». Was mir natürlich auch Sorgen macht, sind Gewalttaten, welche Schwule, die ich kenne, erlebt haben. Manchmal sind es aber auch ganz kleine Dinge, die kaum in Worte zu fassen sind. Männer, die distanzierter werden, wenn du sich outest oder Leute, welche davon ausgehen, dass ich gerne shoppe, weil ich schwul bin. Solche Dinge sind natürlich nicht so schlimm, ärgern aber in der Summe doch.

Wie tolerant geht die heutige Gesellschaft mit Schwulen und Lesben um?

Es kommt immer auf die Perspektive an. Verglichen mit früher ist heute vieles sehr gut. Auch heterosexuelle Menschen setzen sich für die Rechte von Homosexuellen ein – dafür bin ich dankbar. Trotzdem finde ich die Situation alles andere als gut. Einerseits zeigt sich dies für mich daran, dass ich viele Homosexuelle kenne, die sich nicht trauen, sich zu outen. Die führen jahrelang ein Doppelleben. Andererseits zeigt sich Homophobie auch immer wieder im Alltag. Sobald ich mit meinem Freund Händchen haltend durch eine Stadt flaniere, drehen sich Menschen nach uns um – viele meinen das nicht böse, aber es zeigt dir, dass es in den Köpfen vieler Menschen noch nicht normal ist. Darum ist es so wichtig, dass sich viele Homosexuelle outen. Ein erwähnenswertes Erlebnis erlebte ich vor einem Jahr in Rapperswil. Ich sass mit meinem Freund auf einer Bank am See und ich umarmte ihn. Eine vierköpfige Familie spazierte an uns vorbei und starrte uns völlig entgeistert an, dann hielten sie wenige Meter nach uns an und diskutierten in Hörweite darüber, ob wir echt schwul seien. Da fühlst du dich wie ein Tier im Zoo. Auf rechtlicher Ebene bin ich in der Schweiz auch nicht zufrieden. In der schweizerischen Bundesverfassung steht: «Vor dem Gesetz sind alle gleich». Warum darf ich dann nicht heiraten?

Ist es je nach Herkunft und Religion schwieriger oder einfacher auf Toleranz zu stossen?

Ja, auf jeden Fall. Es gibt Länder, die kennen die Todesstrafe für Homosexualität. Für Menschen aus diesen Ländern ist Toleranz nicht einfach. Auch in ländlichen Gebieten und religiösen Kreisen ist es schwieriger. Ich kenne vereinzelt Homosexuelle, welche in total offenen Familien aufgewachsen sind. Für die wiederum war das Outing überhaupt kein Problem.

Noch heute wird «schwul» als Schimpfwort benutzt. Wie fühlst Du Dich dabei?

Ich weiss, dass dies oftmals überhaupt nicht böse gemeint ist, aber es bleibt halt trotzdem verletzend. Ich spreche die Person dann oft freundlich darauf an. Die meisten verstehen das auch sofort.

Was sagst Du zu diesen Vorurteilen? «Schwule sind weniger Mann als hetero Männer!»

Ich kenne viele Schwule, die dem klassischen Bild der Männlichkeit entsprechen. Diese zeigen sich aber oft nicht oder werden schlicht nicht wahrgenommen. Spannend ist sicherlich, dass mir gegenüber, seit meinem Outing, eine andere Erwartungshaltung bezüglich meiner Männlichkeit entgegentritt. Das macht es einfacher, auch mal Schwächen zu zeigen. Ich finde diese Männlichkeitsdebatte aber sowieso etwas überholt. In einer gleichberechtigten Gesellschaft muss sich niemand besonders männlich oder weiblich verhalten. Wichtig ist, dass jeder sich selbst sein kann.

«Schwule sind übersensibel und tuntig!»

Für mich gibt es nicht «die Schwulen». Es gibt einfach verschiedene Menschen. Die sexuelle Orientierung macht letztendlich nur einen kleinen Teil von uns aus. Natürlich gibt es sensible Homosexuelle, ein aufreibender Outing Prozess kann das natürlich fördern. Aber es gibt zum Glück auch sensible Heterosexuelle.

«Für Schwule zählt vor allem Sex!»

Ich denke, Sexualität ist etwas sehr Individuelles. Bei Hetero- wie Homosexuellen gibt es Menschen, bei denen - vor allem in jungen Jahren - Sex im Zentrum steht. Für andere ist Liebe und Monogamie wichtiger.

«In einer schwulen Beziehung ist immer einer die Frau!»

Ein verbreitetes Vorurteil. Mein Freund und ich stehen beide auf Männer, entsprechend ist niemand «die Frau». Frau sein wird hierbei ja oft mit Schwäche zeigen und Sensibilität gleichgesetzt – eine Ansicht, die ich sowieso nicht teile. Ich bin der Überzeugung, dass es in jeder Partnerschaft, unabhängig der Sexualität, möglich sein sollte, Schwächen zu zeigen und Beide den Partner oder die Partnerin in den Arm nehmen können.

«Schwule sollten keine Kinder grossziehen dürfen!»

Vor meinem Outing hörte ich oft den Satz, dass ich sicherlich mal ein toller Vater werden würde. Ich glaube, dass das immer noch gilt, deshalb verstehe ich das nicht. Ich glaube, dass für ein Kind vor allem wichtig ist, dass es Liebe und Aufmerksamkeit erhält – da spielt das Geschlecht keine Rolle. Oft höre ich die Begründung: «Homosexuelle sollten keine Kinder haben, da diese in der Schule gemobbt würden». Das ist aber ein Problem der Gesellschaft, dass die Schule angehen müsste. Ich bin überzeugt, dass sich das Problem schnell auflösen würde.

Wie wird sich Deiner Meinung nach die Toleranz für Homosexuelle in den nächsten Jahren verändern?

Ich hoffe, es verbessert sich. Solche Dynamiken hängen aber von Kontexten ab, die ich nicht einschätzen kann. Gewinnen konservative Strömungen wieder an Zulauf oder setzt sich die Liberalisierung der Gesellschaft fort? Welche Auswirkungen hat das Coronavirus auf die Welt, gibt es Krisen, die uns auch in diesen Themen zurückwerfen? Ich kann es nicht beantworten. In der Tendenz bin ich bezüglich dem Umgang mit Homosexualität mindestens in Westeuropa vorsichtig optimistisch. Wichtig sind vor allem die Bildung und die Aufklärung der Gesellschaft. Es muss sich allerdings auch wirklich noch verbessern. Heute liegt die Suizidrate bei homosexuellen Jugendlichen viermal höher als bei heterosexuellen Gleichaltrigen!

Was würdest Du Dir von der Gesellschaft wünschen?

Im Alltag wünsche ich mir zwei Dinge: Einerseits Zivilcourage, wenn sie Homophobie erleben. Es ist unglaublich wichtig, dass sich gerade Heterosexuelle einschalten, wenn Homosexuelle beleidigt oder bedroht werden. Zudem wünsche ich mir, dass viele ihre Alltagssprache überdenken, denn diese reproduziert die soziale Ungleichheit. Es wird so oft davon ausgegangen, dass alle Heterosexuell sind. Dabei wäre es wichtig, gerade Kindern vorzuleben, dass beides in Ordnung ist. Man kann beispielsweise den neuen Arbeitskollegen auch mal fragen, ob er einen Mann oder eine Frau habe. Gerade gegenüber Kindern und Jugendlichen ist es besonders wichtig, sprachlich zu zeigen, dass es normal und ok ist, homosexuell zu sein.

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Nadine Linder

Nadine Linder ist Redaktorin von «Die Ostschweiz».

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