logo

Martin Osterwalder über Wasserstoff

Ist das der Treibstoff der Zukunft?

Liegt im Wasserstoff die Zukunft der Mobilität? Ganz klar ja, wenn es nach Martin Osterwalder vom gleichnamigen Unternehmen in St.Gallen geht. Schritt für Schritt werden die Tankstellen mit Wasserstoff-Zapfsäulen ergänzt.

Manuela Bruhin am 22. Juli 2020

Martin Osterwalder, demnächst ist es soweit: Sie eröffnen die erste Wasserstofftankstelle in der Ostschweiz. Wie steinig war der Weg bis hierhin?

Die grösste Herausforderung war sicherlich die Erlangung der Baubewilligung. Von den Behörden wusste niemand, wie die Wasserstofftechnologie funktioniert. Somit bestand eine gewisse Angst. Man wurde von einem Amt ans nächste verwiesen.

Sie sprechen es an: Wasserstoff als Treibstoff ist derzeit noch eher unbekannt. Heute fahren erst wenige Autos, Lastwagen und Cars mit Wasserstoff. Weshalb?

Zum einen ist die Technologie in der breiten Bevölkerung nicht im Bewusstsein und man kennt die Brennstoffzelle (BZ) noch nicht. Und zum anderen ist auch das Angebot an Autos noch sehr beschränkt und tendenziell eher teuer. Wir gehen aber davon aus, dass sich die Preise in Zukunft massiv senken werden. Ein weiterer Grund ist, dass das Tankstellennetz noch nicht verfügbar ist. Aber daran arbeiten wir.

Rund um das Thema Wasserstoff als Treibstoff gibt es viele Vorurteile. Für die einen ist es zu teuer, die anderen kritisieren die Effizienz.

Die Treibstoffkosten von erneuerbarem Wasserstoff lassen sich mit den fossilen Treibstoffkosten von Diesel/Benzin vergleichen. Es ist davon auszugehen, dass sich der Wasserstoffantrieb in Zukunft zusätzlich verbilligen wird, sobald sich höhere Stückzahlen einstellen werden und weitere Effizienz- und Technologievorschritte erfolgen können. Bezüglich der Entwicklung der Erdölpreise können wir keine Aussagen machen, da diese sehr oft durch politische Rahmenbedingungen verzerrt werden.

Wie sieht der Verbrauch aus?

Aktuell rechnen die Hersteller mit dem Verbrauch bei einem Mittelklasseauto von rund 1 kg Wasserstoff für 100 km. Die Tanks speichern 5 bis 7 kg Wasserstoff. Der Wirkungsgrad von H2-elektrischen Antrieben ist rund doppelt so hoch wie derjenige eines klassischen Verbrennungsmotors. Der Wirkungsgrad von Batterien unter Laborbedingungen – das heisst ohne Entladungseffekte, Heizung, Klima, etc. – ist besser als jener einer Brennstoffzelle. Aber die Brennstoffzelle hat eine höhere Flexibilität – also unter anderem eine schnellere Betankung, eine höhere Energiedichte und somit eine höhere Reichweite. Ausserdem kann die Abwärme für die Fahrzeugkabinenheizung eingesetzt werden. Beim Batterie-Elektrofahrzeug (BEV) muss diese elektrisch erzeugt werden. Daher ist der Wirkungsgrad im Winter gar nicht erheblich besser als von BZ-Fahrzeugen. Da BEV auch wesentlich schwerer sind als BZ-Fahrzeuge, wird der Wirkungsgradvorteil weiter aufgeweicht.

WERBUNG
Ostschweiz unterstützen

Osterwalder St. Gall

Welches sind die weiteren Vorteile?

Was viel wichtiger als der Wirkungsgrad ist, sind die Preise und die Nutzung von erneuerbarer Energie zu Zeiten, in der sie ansonsten keine Abnehmer findet. Die H2-Technologie kann Strom dann beschaffen, wenn dieser sehr günstig oder sogar überschüssig ist, während die Batterie sowohl auf die Netzinfrastruktur und die Zeiten, an denen sie geladen werden muss, angewiesen ist. Wirtschaftlich ist die H2-Technologie somit im Vorteil.

Elektroautos nehmen, anders als gedacht, eher langsam die Fahrt auf. Was denken Sie, könnte das bei Wasserstoff ebenfalls der Fall sein? Oder anders gefragt: Wo müssen die Hebel angesetzt werden, damit das eben nicht passiert?

Im September 2018 hat Hyundai bekannt gegeben, bis 2025 gemeinsam mit H2 Energy mindestens 1'600 H2-LKW in die Schweiz zu liefern. Hyundai hat eine grosse Nutzfahrzeugsparte, die allerdings bisher noch nicht nach Europa geliefert hat. Die Schweiz ist das erste Land weltweit, das in den Genuss kommt, eine kommerzielle H2-LKW-Flotte in Betrieb zu nehmen. Diese Entwicklung hat auch die Tankstellenbetreiber auf den Plan gerufen und schon heute ohne staatliche Unterstützung mehr als 20 Tankstellenprojekte ausgelöst. Die Nachfrage nach H2-LKW ist in der Schweiz enorm. Aus verschiedenen Gründen fokussieren wir uns in einer ersten Phase vor allem auf den Schwerverkehr. Zum einen haben die Logistiker/Transportunternehmen riesiges Interesse an einem nachhaltigen Fahrzeugpark. Zum anderen bringen diese aus Tankstellensicht schnelle und hohe Absätze. So versuchen wir, das Huhn/Ei-Problem möglichst pragmatisch zu lösen.

Damit Wasserstoff zum Standardtreibstoff werden kann, müssen weitere Tankstellen folgen. Wie sehen die Pläne diesbezüglich aus?

Im Förderverein «H2 Mobilität Schweiz» sind sechs grosse Tankstellenbetreiber involviert. Zusammen besitzen wir über 50 Prozent der Tankstellen in der Schweiz. Diese gilt es nun, gezielt mit Wasserstoffzapfsäulen auszurüsten. Im Verlauf dieses Jahres kommen neben unserer Tankstelle in St.Gallen fünf bis sechs weitere H2-Tankstellen auf den Markt. Unser Ziel ist, bis 2023 ein flächendeckendes Tankstellennetz zur Verfügung zu stellen.

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Manuela Bruhin

Manuela Bruhin (*1984) aus Waldkirch ist Redaktorin von «Die Ostschweiz».

Hier klicken, um die Mobile App von «Die Ostschweiz» zu installieren.