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«Weniger Egli»

Können Juristen lustig sein?

Kommt das gut, wenn zwei Richter gemeinsame Sache machen – nicht etwa im Gerichtssaal, sondern auf der Bühne als Kabarettisten? Daniel Weniger und Wolfgang Egli alias «Weniger Egli» starteten als Mundart-Rocker und fanden über ein Casting den Weg ins humoristische Fach.

Martina Signer am 12. Oktober 2020

Bei diesem Beitrag handelt es sich um eine ergänzende Information zu einem im Printmagazin «Die Ostschweiz» publizierten Artikel. Das Magazin kann via abo@dieostschweiz.ch bestellt werden.

Zwei Richter betreiben Comedy. Welche Art von Humor muss da erwartet werden?

Wolfgang Egli: Wir machen keine Comedy, sondern Kabarett. Kabarett hat einen doppelten Boden – das lieben wir. Der beste Humor ist zudem, wenn man über sich selber lacht und sich mit (seinen) menschlichen Schwächen befasst. Wir haben viele Schwächen und lachen gerne über uns.

Ganz ehrlich: Die meisten Juristen, die ich kenne, sind doch eher trocken und nicht wirklich humorvoll. Habe ich ein falsches Bild von ihrer Branche und ihren Berufskollegen?

Daniel Weniger: Welche Berufsleute sind denn schon per se humorvoll? Architekten, Gleisarbeiter, Physiotherapeuten oder gar Journalisten? Humor hängt immer vom einzelnen ab, und es gilt wohl auch hier die Drittelsregel: Ein Drittel hat Humor, ein Drittel manchmal und ein Drittel fast nie. Und zu den «trockenen» Juristen: Der trockene Humor ist doch der beste. Mani Matter war auch Jurist. Sogar ein sehr guter.

Sie wohnen im selben Haus, haben zusammen studiert und arbeiten beide am Kreisgericht Wil als Richter. Das sind viele Schnittpunkt. Gehen sie sich nie auf die Nerven?

Egli: Wenn ein neues Programm ansteht und es etwas stressig ist, schon, doch. Aber wir merken auch relativ gut, wann es für den anderen zu viel wird und man etwas so stehen lassen muss, um am nächsten Tag wieder darüber zu sprechen. Nahe Distanz nenne ich das. Und das haben wir drauf.

Weniger: Das ist natürlich auch der Vorteil unserer Freundschaft gegenüber einer Beziehung. Wir müssen nicht zusammen ins Bett und am morgen miteinander aufstehen.

Weniger Egli

Wie lange kennen sie sich schon?

Weniger: Wir sind schon in dieselbe Primarschule in St.Gallen gegangen. Dann haben wir in der Sek irgendwann angefangen, zusammen den einen oder anderen Gitarrenton zu spielen – und hatten auch unsere klaren musikalischen Vorbilder.

Die da wären?

Weniger: Wir sprechen hier von den 70er-Jahren, also Beatles und Rolling Stones.

Wie ging es mit der Musik weiter?

Egli: Wir sind dann zusammen zur Kanti, haben gemeinsam über unsere Lehrer geflucht, dann gemeinsam studiert..…

Weniger: In unserem neuen Programm erzählen wir sehr viel von unserer gemeinsamen Geschichte. Für uns war es immer wichtig, neben Schule und Studium Musik zu machen. Wir hatten nach dem Studium auch zusammen ein Tonstudio, was ich dann fast vollberuflich weiterverfolgt hätte. Längerfristig habe ich aber gemerkt, dass das doch nichts für mich war. Trotzdem war die Erfahrung wertvoll. Da ich das Ganze von der Pike auf gelernt habe, können wir jetzt auf hohem Niveau Musik produzieren.

Und auch CD produzieren?

Weniger: Ja. Die erste LP haben wir anfangs der 80er-Jahre rausgebracht. Dann noch eine Platte, und seither sind noch etwa zehn CD-Alben entstanden. Das 13. Album produzieren wir gerade. Oder waren es acht CD-Alben…?

Egli: Mit «Weniger Egli» sind wir wohl schon auf 13.

Was heisst, «mit Weniger Egli»? Hatten sie früher einen anderen Namen?

Weniger: Früher haben wir – als erste St.Galler Mundart-Rockband – Musik gemacht mit unserer Band «PiggNigg». Mit der haben wir 1981 die erste Platte realisiert und dann eben, noch weitere…

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Daniel Weniger überlegt immer noch, ob Anzahl der realisierten Alben auch wirklich stimmt. Er kann sich nun scheinbar nicht mehr auf das Gespräch konzentrieren. «Also, ich muss jetzt doch schnell in den Keller und das überprüfen», entfährt es ihm. Der Richter macht sich auf den Weg. Dieser führt ihn zuerst durch die eigene Wohnung, dann durch jene von Wolfgang Egli. Der Keller ist genauso in Männerhand wie der Dachstock, wo sich das Studio der beiden befindet. Ein kleines, aber perfekt eingerichtetes «Kreativ-Atelier». Wieder zurück hat Weniger wohl zwei Schallplatten dabei, nicht aber die Antwort auf die Frage, die ihn so beschäftigt. «Ich finde das noch heraus. Machen wir einfach weiter», fordert er auf.

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Wir haben vorher über Mundart-Rock gesprochen. Jetzt machen sie Mundart-Kabarett. Wie kam es zu diesem Wechsel?

Weniger: Rockmusik und Mundart waren nicht leicht zu kombinieren. Die guten Texte gingen bei der lauten Musik unter, was schade war.

Egli: Ja und dann, es war eigentlich ein Zufall, sollten wir auf der Geburtstagsfeier des Gerichtspräsidenten in St.Gallen das Rahmenprogramm mitgestalten. Wir waren damals beide Gerichtsschreiber. Am Event haben wir einige unserer Lieder gespielt – nur mit akustischer Gitarre begleitet. So kamen die Texte zur Geltung – und das führte zu den Lachern im Publikum. Und wurde zum ersten Mal bewusst, dass unsere Texte Kabarett-Potenzial haben.

Weniger: Sogar Joachim Rittmeyer, einer der grössten Schweizer Kabarettisten, hat uns damals ermutigt, diese Schiene weiterzuverfolgen. Das passte. Denn, die Zeit der «Rockschuppen», wo wir mit «Piggnigg» auftraten, war langsam vorbei. Mit dem Kabarett feiern wir sogar die noch grösseren Erfolge als mit dem Mundart-Rock. Unser letztes Programm haben wir 100 Mal aufgeführt. In dieser Grössenordnung sind auch die Profis unterwegs.

Weniger Egli

Wie lässt sich das alles mit der Arbeit als Richter vereinbaren?

Weniger: Nicht einfach, das muss ich gestehen. Vor allem die Umstellung von der einen «Tätigkeit» zur anderen ist nicht immer einfach. Man kann nicht arbeiten, dann ins Studio gehen und sofort die Kreativität abrufen.

Kreativität ist das Stichwort: Woher kommen ihre Textideen?

Weniger: Wolfgang ist der Texter, ich bin eher der Produzent.

Egli: Woher die kommen, frage ich mich mitunter auch… Meist aus speziellen Situationen. Dafür muss man aufnahmebereit sein und den Bick offenhalten.

Weniger: Du hast doch immer ein Notizbuch dabei?

Egli: Natürlich. Teilweise wird man ja förmlich mit Ideen bombardiert – sogar nachts. Das wird dann am nächsten Morgen gelesen und ich denke mir dann: «Was isch denn das für en Seich?» Etwas Abstand zu den ersten Gedanken hilft oftmals. Eine Schwierigkeit besteht dann auch darin, das ganze fürs Kabarett in Reimform zu bringen und die passende Melodie zu finden. Es gibt da auch diesen einen Text, an dem sass ich schon Stunden – ach was, es waren hunderte Stunden. Aber ich weiss einfach, der ist noch nicht reif fürs Publikum. Der Text hat den Namen Misserfolg…

Lassen sie sich bei Ihren Texten auch von Vorkommnissen im Gerichtssaal inspirieren?

Egli: Dies kommt vor, aber erstaunlich selten. Die Geschichten am Gericht sind oft so absurd und abgehoben, dass sie gar nicht zu glauben sind. Oft sind sie auch so tragisch und abgründig, dass sie nicht an einen Kabarettabend passen. Aber vor allem unterstehen wir als Richter der Geheimhaltung und dürfen diese Geschichten nicht nach aussen tragen.

Von der Bühne geht es in den Gerichtssaal. Kann nicht ihre Glaubwürdigkeit unter diesem doch eher grossen Spagat leiden?

Weniger: Die Menschen können verschiedene Rollen unterscheiden. Unsere Kunden am Gericht können das auch. Problematisch wäre, wenn wir auf der Bühne deplatzierte Witze reissen oder unter die Gürtellinie gehen würden. Aber wir machen ja keine Comedy, sondern Kabarett…

Wie viel Humor hat auch im Gerichtssaal Platz?

Weniger: Eine Streit- oder Strafsache vor Gericht ist keine lustige Sache. Die Beteiligten befinden sich meist in einer Ausnahme- und Stresssituation, welche keine Witze erträgt. Aber Humor hat dennoch Platz: Man kann zum Beispiel über Situationskomik lachen. Die Menschen behalten ihre Würde, wenn man ihnen Gelegenheit gibt, über eine lustige Situation zu lachen. Es geht aber gar nicht, sich auf Kosten einer Partei lustig zu machen. Als Richter muss man über die Fähigkeit verfügen, «in sich hinein» zu schmunzeln. Zum Beispiel wenn ein hochverschuldeter Ehemann versehentlich zu einem sagt: «Ich will auch wieder einmal mit beiden Füssen unter dem Boden sein». Oder wenn ein seit Jahrzehnten tätiger Berufsdieb selbsterkennend meint: «Wissen Sie Herr Richter, wenn Sie in den falschen Zug einsteigen, ist jede Station falsch.»

Gemeinsamkeiten haben wir zwischen ihnen beiden ja nun schon einige aufgeführt. Worin unterscheiden sie sich?

Weniger: Ich denke, ich bin viel extrovertierter und grundsätzlich der Optimist. Wolfgang ist eher der Denker und auch selbstkritisch, was ich überhaupt nicht bin. Ich finde mich immer gut…

Egli (lacht und klopft Daniel Weniger auf die Schulter): Ich finde dich doch auch immer gut!

Weniger: Okay, das war jetzt vielleicht etwas plakativ ausgedrückt, aber vom Wesen her sind wir wirklich verschieden. So können wir aber auch voneinander lernen. Ich unterstelle Wolfgang jetzt einfach, dass er manchmal auch findet, meine Leichtigkeit habe etwas für sich. Umgekehrt würde mir etwas mehr Ernsthaftigkeit im Privatleben ab und zu auch gut tun.

Was würden sie als ihren grössten Erfolg werten?

Egli: Da kann ich nicht einen einzelnen Anlass nennen. Es ist eher die Anerkennung, die wir in der Kleinkunst-Szene der Schweiz erhalten, die uns adelt.

Weniger: Und, ohne arrogant wirken zu wollen, treten wir schon in Lokalen auf, wo sonst Profis spielen. Zum Beispiel in dem Kultur-Tempel der Schweiz schlechthin, dem La Capella in Bern. Dass wir es nebst unserem Job, der uns doch einiges abverlangt, trotzdem schaffen, dieses Niveau zu halten, ist nicht selbstverständlich.

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Martina Signer

Martina Signer (*1988) aus Mosnang ist Redaktorin von «Die Ostschweiz».

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