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Neue Firmenpolitik

Kurswechsel bei SBB: Personal soll nun doch Maskenatteste kontrollieren

Bisher galt im Zug das Vertrauensprinzip: Wer in den SBB ohne Maske unterwegs war, konnte auf ein Attest verweisen, ohne dieses vorzeigen zu müssen. Nun schlagen die Bundesbahnen einen härteren Kurs ein. Auslöser sind offenbar die Reaktionen anderer Passagiere.

Stefan Millius am 17. November 2020

Im Zug gilt Maskenpflicht. Allerdings gibt es Ausnahmen. Und zwar Kinder bis zwölf Jahre und Personen, die mit einem Attest von der Maskenpflicht befreit sind. Immer wieder kam es seither zu unschönen Situationen in der Bahn. Denn längst nicht alle Inhaber eines Attests waren bereit, dieses dem Zugbegleiter zu zeigen. Das mussten sie auch nicht, wie die SBB selbst in einem Mailverkehr mit einer Betroffenen bestätigt haben; wir haben berichtet.

Noch am 24. September schrieb eine Führungskraft der SBB auf eine Anfrage hin folgendes:

«Wie vereinbart sende ich Ihnen hier meine Empfehlung, wie Sie sich verhalten sollen, falls ein Kundenbegleiter der SBB sie zum Vorweisen eines 'Maskenattests' auffordert. Verweisen sie die Mitarbeitenden freundlich auf die geltenden SBB-internen Anweisungen, dass Kundenbegleiter auf ein Vorweisen von Attesten verzichten und den Kunden in diesen Fällen vertrauen.»

Das ist sehr eindeutig. Nur: Es gilt offenbar nicht mehr. Denn die SBB haben ihre Politik ohne Vorwarnung geändert.

Zum Vorschein kommt das aufgrund eines neuesten Vorfalls. Am 7. November 2020 fuhr eine Frau ohne Maske von Bern nach Basel und hatte dort eine Auseinandersetzung mit dem Zugbegleiter. Dieser verlangte das Attest. Die Frau weigerte sich zunächst, wies es dann aber doch vor, weil er die Antwort nicht akzeptierte. Laut ihrer Darstellung nahm der Zugbegleiter das Attest und wollte es der Frau nicht zurückgeben. Sie sei gezwungen gewesen, es ihm zu entreissen. Ausserdem habe er angedroht, in Olten «Verstärkung» kommen zu lassen. Auf massiven Druck hin nannte die Frau ihm Namen und Adresse - die über den Swisspass ohnehin ersichtlich waren. Der Zugbegleiter drohte, er werde die Angaben der Staatsanwaltschaft weiterleiten.

Dieses Ereignis führte zu erneuten Erkundigungen bei den SBB, in die sich dann auch die Thurgauer SP-Kantonsrätin Barbara Müller einschaltete, die schon mehrfach mit SBB-Personal zusammengestossen ist. Die Antwort zeigt, dass das Vertrauensprinzip nicht mehr in Kraft ist. Beziehungsweise in den Worten der SBB: Es sei «nicht mehr in jeder Situation umsetzbar.»

Als Begründung dafür nutzen die SBB andere Passagiere. «Uns kontaktieren immer wieder Reisende, die nicht akzeptieren oder sich nicht ernst genommen fühlen, wenn unser Personal nicht nach einem Arztzeugnis fragt.» Mit anderen Worten: Die Bahn beugt sich dem Druck anderer und passt ihre Prozesse deren Wünschen an. Man bitte, heisst es weiter, bei der Kontrolle auf Verlangen das Attest vorzuweisen.

Die SBB sind kein kleiner Laden und haben mit Sicherheit ein Kommunikationskonzept. Mit Blick darauf wirkt das Ganze recht hilflos. Nachdem sich Leute mit Attest nun über Wochen darauf eingestellt haben, dass der mündliche Hinweis auf ein Attest ausreicht, müssen sie nun - nach Darstellung der SBB - dem Personal Folge leisten und das Attest vorweisen. Das aber wurde nie kommuniziert, lautstarke Auseinandersetzungen in der Bahn sind vorprogrammiert. Dies umso mehr, als das frühere Vertrauensprinzip SBB-intern offenbar auch eher schlecht als recht mitgeteilt wurde, viele Zugbegleiter forderten auch das Vorweisen des Attests, als das gar nicht zulässig war.

Wobei es auch jetzt fraglich ist, ob es zulässig ist. Auch auf mehrfaches Nachfragen nach der rechtlichen Grundlage für das neue Vorgehen haben sich die SBB bedeckt gehalten.

Die ganze Übung scheint in erster Linie dazu zu dienen, übereifrige Mitreisende zu beruhigen. Denn das Zugpersonal hat gar nicht das nötige Wissen, um abzuschätzen, ob ein Attest «echt» ist oder nicht. Als Kriterien für die Überprüfung dient die Existenz folgender Elemente: Name und Vorname und Geburtsdatum des Reisenden, ein Hinweis darauf, dass es sich um eine Maskendispens handelt sowie Unterschrift und Stempel des Arztes oder der Ärztin. Wie ein SBB-Angestellter die Echtheit eines Stempels oder gar die Existenz des bewussten Arztes im fahrenden Zug einschätzen soll, bleibt ein Rätsel.

Sprich: Mit einem gekauften Stempel für 12.95 Franken kann sich jeder Passagier sein Attest für die SBB selbst basteln. Das ist wohl nicht legal. Aber die neue Praxis der SBB ist es vermutlich auch nicht.

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Stölzle /  Brányik
Autor/in
Stefan Millius

Stefan Millius (*1972) ist Chefredaktor von «Die Ostschweiz».

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