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Replik

Liebe Frau Low, wollen Sie die Beizer endgültig kaputtmachen?

Die Frau, die den Bundesrat in Sachen Corona berät, spricht sich in einem Interview gegen den Besuch von Restaurants aus. Eine Branche, die bereits an die Grenzen des Machbaren geführt wurde - oder darüber hinaus - wird behördlich legitimiert noch einmal angeschossen. Das ist verantwortungslos.

Stefan Millius am 13. Oktober 2020

«Ich würde momentan nicht in ein Restaurant essen gehen. Ausser ich habe die Möglichkeit, draussen zu sitzen. Aber bei diesen Temperaturen ist es mir dann doch zu frisch.»

Das sagt Nicola Low, ihres Zeichens Epidemologin und Expertin in den Reihen der Taskforce, die den Bundesrat in der Coronakrise berät, in einem Interview mit «Watson». Die Aussage wirkt auf den ersten Blick harmlos, die Dame sagt ja nur, wie sie es selber hält. Wenn allerdings eine Expertin in einem offiziellen Amt eine solche Aussage tätigt, ist der Rückschluss klar: Sie hält es für falsch, derzeit in einem Lokal einzukehren. Oder noch kürzer: Sie rät davon ab. Sonst würde sie die Aussage kaum machen. Denn sie macht diese auf die Frage: «Sie finden den Restaurantbesuch also zu riskant?»

Aber gut, immerhin beschränkt sich Nicola Low nicht auf Restaurants. Sie prangert auch Bars, Clubs und Büros an. Da handle es sich überall um Innenräume ohne ausreichend gute Lüftung. Immerhin wird uns nicht nur vom Beizenbesuch abgeraten, sondern auch von der Arbeit.

Zwar ist inzwischen bekannt, dass der grösste Ansteckungsherd das private Umfeld ist. Jedoch, so die Epidemologin: «Aber irgendwie muss das Virus ja in diesen privaten Haushalt gelangt sein.» Sprich: Das öffentliche Leben ist lahmzulegen, damit wir 24 Stunden in unseren privaten Räumen verbringen können, in denen sich dann garantiert kein Virus befindet, weil wir ja nicht mehr unter Menschen sind. Also: Sobald wir kein Leben mehr führen, das den Namen verdient.

Zur Erinnerung: Die Gastronomie war während des Lockdowns lahmgelegt und hat danach eine übermenschliche Leistung erbracht, um auf niedriger Flamme irgendwie zu funktionieren. Es gibt fast überall weniger Plätze, und auch die sind dank der kontinuierlichen Angstmacherei selten alle besetzt. Die Leute konsumieren signifikant weniger auswärts. An die Stelle von Gästen sind Angestellte mit Schutzmaske und vielerorts auch Plexiglasscheiben oder andere - teure - Schutzmassnahmen getreten. Das einzige, was den Gastrobetrieben wirklich in voller Pracht geblieben ist, sind die laufenden Unkosten wie Miete und Löhne.

Und da geht eine Expertin des Bundes hin und rät der Bevölkerung davon ab, Restaurants zu besuchen. Das ist ein veritabler Sabotageakt auf eine Branche, die bereits schwer taumelt - wenn sie nicht bereits am Boden liegt.

Aber gut, sehen wir es positiv: Beim nächsten Virus braucht es keinen solchen Appell mehr. Weil es dann keine Restaurants mehr gibt.

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Laveba 03/2022

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Stefan Millius

Stefan Millius (*1972) ist Chefredaktor von «Die Ostschweiz».

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