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Eine Replik auf etwas Unfassbares

Lieber Valentin Vogt, haben Sie fünf Minuten Zeit für mich?

Der oberste Arbeitgeber der Schweiz möchte, dass Leute ohne ein Covid19-Zertifikat in ihrem Unternehmen künftig in einem gesonderten Raum essen. Das darf man fordern. Aber es ist auch nicht zu viel verlangt, dass der Mann fünf Minuten einer Gegenstimme zuhört.

Stefan Millius am 20. Juli 2021

Lieber Valentin Vogt

Wir kennen uns nicht. Jedenfalls nicht persönlich. Dafür bin ich zu unwichtig. Während ich zuhause für die Kinder auf dem kleinen Balkon unserer Wohnung eine Bratwurst auf den selbst montierten Grill lege, dinieren Sie mit den Spitzen der Schweizer Wirtschaft in der «Kronenhalle» oder wo man sich eben sonst trifft, wenn man oben angekommen ist. Was Sie ohne Zweifel sind. Ich nicht. Ich will auch nicht, aber das ist eine andere Geschichte.

Dennoch spreche ich Sie direkt an. Denn das haben Sie ja umgekehrt auch getan, indem Sie einer der Stimme des Volkes, der Zeitung «20 Minuten», ein Interview gewährt haben. In dem Sie unter anderem das gesagt haben:

Steigen die Zahlen weiter an, schlage ich vor, dass Personen ohne Covid-Zertifikat in einem separaten Raum essen, wo ein separates Schutzkonzept gilt.

In einem separaten Raum: Das klingt recht harmlos. Ich wäre schon oft gerne in einem separaten Raum gesessen, wenn mich etwas genervt hat im selben Raum. Sie möchten aber etwas anderes. Sie wollen Menschen, die sich keine körperfremde Substanz zuführen oder sich permanent testen lassen wollen, von anderen Leuten separieren. Gegen deren Willen. Verordnet. Erzwungen.

Es sagt sich so leicht. Ich stelle mir vor, dass Sie auch keine Probleme hatten, es zu sagen.

Ich nehme an, dass Sie Ihre Antworten auf die Fragen des Journalisten im Anschluss gegenlesen durften. Dass man Ihnen das, was Sie da gesagt haben, noch einmal vorgelegt hat. Und Sie Zeit hatten, es zu reflektieren. Sie sind dabei geblieben. Weil Sie nichts darin sehen, was in irgendeiner Weise falsch sein könnte.

Ich bin Ihnen gerne behilflich. Im Nachhinein. Was Sie gesagt haben, ist auf so vielen Ebenen so falsch, so furchtbar, so inakzeptabel, so beelendend, wie es etwas nur sein kann. Aber da Sie das offensichtlich nicht gemerkt haben, versuche ich, es Ihnen zu vermitteln. Lesen müssen Sie es natürlich nicht. Mich hat ja auch keiner gezwungen, Ihr Interview in «20 Minuten» zu lesen. Aber ich habe es getan, und ich habe viel daraus gelernt. Diese Chance, mindestens die, möchte ich Ihnen auch geben. Sie dürfen gerne lernen. Mit einigen Minuten Ihrer Zeit.

Wissen Sie, Herr Vogt, Sie haben ein Amt erhalten. Neben einer sicher anständigen Vergütung und sehr viel Würde bringt das auch Verantwortung mit sich. Sie nehmen diese wahr in der Art und Weise, wie Sie sie verstehen. Sie möchten Ihre Mitglieder schützen. Die Arbeitgeber. Dafür werden Sie ja honoriert. Für Sie ist es vielleicht neu, aber auch Arbeitgeber – ich gehöre übrigens im kleinen Stil dazu – sind nebenbei Menschen. Für die es mehr gibt als ihre Firma. Sie sind Lebenspartner, sie sind Väter, sie sind Mütter, sie sind Vereinsmitglieder, sie sind Teil dieser Gesellschaft. Der ganzen Gesellschaft.

Und wenn sie sich als das begreifen, Ihre Mitglieder, dann sind diese – es tut mir leid, das sagen zu müssen – geistig schon wesentlich weiter als Sie es je sein werden.

Nein, es ist nicht in Ordnung, Menschen zweiter Kategorie zu schaffen, die in einem separaten Raum essen müssen. Das hatten wir alles schon einmal, und mittlerweile findet das niemand mehr gut. Im Rückblick jedenfalls. Erst jetzt wieder, weil Leute, wie Sie, Valentin Vogt, ausgestattet mit einem gewissen Status, es okay finden. Sie sind der Wegbereiter für ein erneutes Aufleben von Dingen, die wir für längst überwunden geglaubt haben. Sie holen die dunkelsten Seiten der Geschichte wieder hervor mit einigen wenigen Sätzen. In einer erstaunlichen Selbstverständlichkeit.

Wobei Sie das natürlich begründen können. Sie sagen unter anderem:

«Ja, natürlich verstehe ich, dass eine vollständig geimpfte Person nicht acht Stunden am Tag eine Maske tragen will. Sie ist ja bereits geschützt.»

Ist sie das? Und wenn sie das ist, wo liegt dann die Gefahr durch die Menschen, die Sie gerne in einem Nebenraum unterbringen wollen, weit weg von den Leuten, die Sie akzeptieren? Warum müssen Sie die «bereits Geschützten» zusätzlich schützen, indem Sie Leute, die freiwillig auf diesen Schutz verzichten, physisch wegsperren? Separieren? Ausschliessen? Macht das Sinn? Wenn Sie es selbst noch einmal lesen? Ganz langsam?

Dumm sind Sie garantiert nicht, Herr Vogt, und wenn Sie bis hierhin gelesen haben, wissen Sie, dass das, was Sie gesagt haben, absurd ist. Es ist eigentlich sehr viel mehr als das, aber belassen wir es dabei, um es Ihnen leichter zu machen. Es ist absurd. Punkt.

Nein, es ist nicht normal, in der grössten Tageszeitung der Schweiz zu fordern, dass gewisse Menschen in einem separaten Raum essen sollen. Es darf nicht normal sein. Es darf nie, nie wieder normal werden. Und Leute, die das sagen, sollten unter dem Gesagten leiden. Weil sie das, was nie wieder sein darf, so selbstverständlich klingen lassen. Als würde man über das Wetter sprechen. Ich würde mir wirklich wünschen, Sie hätten über das Wetter gesprochen.

Sie, Herr Vogt, werden nicht leiden unter dem, was Sie gesagt haben. Sie werden weiter in der «Kronenhalle» mit wichtigen Zeitgenossen dinieren, man wird Ihnen gern die Rechnung bezahlen, weil Sie ja eines Tages noch nützlich sein könnten, man wird Ihnen weiter hofieren. Sie werden nie zu spüren bekommen, was Sie da von sich gegeben haben. Weil Sie nicht von Menschen umgeben sind, sondern von Günstlingen. Weil bei Ihnen alles «Checks and Balances» ist. Es gibt bei Ihnen keine wahrhaften Beziehungen, Sie sind nie in der Nähe der Verzweiflung von Menschen, die sich Gedanken machen über das grosse Ganze, die leiden in dieser Zeit. Sie sind der Arbeitgeberpräsident. Sie fahren aus der «Kronenhalle» direkt in die Tiefgarage Ihrer Villa, jedenfalls stelle ich mir das so vor, ich hoffe, ich tue Ihnen damit nicht unrecht. Das, was Sie täglich leben, ist eine Nische, aber eine ziemlich fruchtbare. Und niemand widerspricht Ihnen. Weil das ja schädlich sein könnte.

Entscheidend ist: Sie können jede Begründung herbeiführen, die Sie wollen – was Sie sagen, bleibt inakzeptabel. Und da die fünf Minuten Lesezeit wohl inzwischen durch sind, bleibt die Hoffnung, dass Sie das nun bereits selbst gemerkt haben. Es bleibt ja nur diese Hoffnung, mehr kann man nicht tun. Völlig egal. wie einflussreich Sie sind, wie einflussreich Ihre Freunde sind, wie viel Geld Sie in Ihrem Leben verdient haben oder noch verdienen werden: Die Linie, die Sie überschritten haben, ist so rot und fett, wie sie nur sein kann. Und man überschreitet sie meist nur ein einziges Mal. Dann holt einen etwas ein, das man Karma nennt.

Das galt es, Ihnen zu sagen.

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Stölzle /  Brányik
Autor/in
Stefan Millius

Stefan Millius (*1972) ist Chefredaktor von «Die Ostschweiz».

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