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Über den Autor

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Baumgartner Marcel

Marcel Baumgartner

Marcel Baumgartner (*1979) ist Co-Chefredaktor von «Die Ostschweiz» sowie geschäftsführender Partner der Agentur Insomnia GmbH und des Medienunternehmens Ostschweizer Medien GmbH. Beide Firmen haben ihren Sitz in St.Gallen.

Julia Onken im Interview

«Männer, Schluss mit der Selbstüberschätzung!»

Als kämpferische und wortgewaltige Feministin hat sich die Thurgauer Feministin Julia Onken weit über die Region hinaus einen Namen gemacht. Was hat ihr Einsatz gebracht - und wie steht es um die Sache der Frau?

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Julia Onken

Autorin Julia Onken

Julia Onken, täuscht der Eindruck, oder ist es etwas ruhiger um Sie geworden?

Der Eindruck täuscht. Hinter den Kulissen bin ich wie eh und je schaffensfroh und heiter mit meinen Projekten beschäftigt.

2009 schrieb die deutsche «Zeit» über Sie: «Julia Onken möchte man im Dunkeln nicht begegnen. Eine falsche Handbewegung, und diese Frau schiesst zurück.» Das Zitat bezog sich auf Ihren Einsatz für die Sache der Frauen. Ist es auch heute noch so, dass man nur mit scharfen Argumenten und Aussagen Gehör für dieses Anliegen bekommt?

Ja, eine solche Aussage über meine angebliche Gefährlichkeit ist eben medienwirksam. Ich erkenne mich darin nicht wieder. Trotzdem liebe ich klare Argumente, die nicht lange um den heissen Brei herum kurven sondern die Sache auf den Punkt bringen.

Ist inzwischen nicht eine Generation herangereift, für die die Gleichstellung beider Geschlechter vollkommen normal ist?

Schön wär’s! Zweifellos gibt es vereinzelte Anzeichen dafür - gerade bei jüngeren Personen. Aber die Gefahr lauert auf dem Fuss. Schliesslich sind wir gerade dabei, dass sich unserer Gesellschaft in einem Umbau befindet und wir uns vermehrt mit Kulturen aus patriarchalen Systemen auseinanderzusetzen haben: Da gilt noch immer, der Mann ist die Krönung der Schöpfung und die Frau hat sich ihm unterzuordnen.

Welches sind für Sie nach wie vor die grössten Missstände, welche das Ungleichgewicht klar zum Ausdruck bringen?

Sichtbar und faktisch belegbar: Lohnungleichheit. Zudem leisten Frauen 2/3 der Weltarbeit und kassieren dafür grade mal 10 Prozent des gesamten Lohnvolumens, 1 Prozent des Weltvermögens liegt in weiblichen Händen. Frauen sind sowohl in der Politik als auch in der Wirtschaft untervertreten, haben also viel weniger zu sagen. Weniger augenscheinlich zeichnet sich Ungleichheit auch in den Beziehungen ab. Da schaffen Fragen nach dem Besitz von Eigentum rasch Klarheit: auf wen ist das Haus, die Wohnung eingetragen? Verfügt die Frau über ein eigenes Konto? Da geht es aber auch darum, sämtliche Frauen – gleich welcher Nationalität – miteinzubeziehen. Dann packt einen schon mal das nackte Grauen.

Schrecken Männer beim Wort «Feminismus» nach wie vor zurück?

Es gibt eben Männer, die haben noch immer nicht begriffen, was das Wort «Feminismus» bedeutet. Feministinnen sind Menschen, die sich für Menschenrechte einsetzen, und weil sie davon ausgehen, dass Frauen auch Menschen sind, steigen sie auf die Barrikaden, wenn Menschenrechte verletzt werden.

Um was geht es hierbei in erster Linie? Haben bestimmte Männer Angst vor einem Kontroll- oder Machtverlust?

Ja klar! Wer sich ohne speziellen Leistungsnachweis aufgrund seiner Geschlechtszugehörigkeit Vorteile ergattern konnte, lässt sich nicht so leicht aus der Komfortzone vertreiben. Hinzu kommt auch, dass das alte Männerbild allmählich zerbröselt aber sich noch kein neues entwickelt hat.

Leben die jungen Frauen heute nicht klar selbstbestimmter?

Der Schein trügt. Zweifellos treten junge Frauen zunächst recht forsch und selbstbewusst auf. Sobald sie aber in einer Liebesbeziehung gelandet sind, wird es schwieriger. Wer geliebt werden möchte, gibt sich leicht auf und wird sich untreu. Wenn dann auch noch eine Familie gegründet wird, Kinder hinzukommen, dann bleibt oft von dieser ursprünglichen Kraft nicht mehr soviel übrig – leider.

Sie haben sich schon für den Feminismus eingesetzt, als es noch keine sozialen Medien gab. Hat diese neue Kommunikationsform in bestimmten Punkten eine positive Auswirkung auf die zentralen Anliegen genommen?

Nicht unbedingt. So sehr ich die sozialen Medien schätze, so klar erkenne ich auch die Gefahr. Der rasche Zugriff, jeden noch so unsinnigen Gedankenrülpser zu veröffentlichen, erlahmt die Auftriebskraft denkerischer Auseinandersetzung. Es hat sich bereits ein Je-Ka-Mi-Feminismus entwickelt, der bis zur äussersten Trivialität der Lächerlichkeit reicht. Die dilettantischen Fanfarenstösse lauten: ich mach, was mir gefällt. Leider hat das alles mit Feminismus wenig zu tun.

Die «MeToo»-Bewegung löste eine regelrechte Welle aus. Wie wichtig sind solche «Erschütterungen»?

Sie sind enorm wichtig. Die Wahrheit muss auf den Tisch, und es muss Klartext gesprochen werden.

Das Thema war während Wochen omnipräsent. Nun ist die Diskussion wieder abgeschwächt. Kann man von einer «Ermüdung» sprechen? Oder anders gefragt: Wie nachhaltig war beziehungsweise ist die Bewegung?

Ich gehe davon aus, dass das Thema noch nicht erledigt ist. Es kommen ja laufend neue Geschichten ans Tageslicht. Und das ist auch gut so. Jede Frau weiss inzwischen, wenn sich ihr gegenüber ein Mann unsittlich benimmt, muss sie das nicht schweigend hinnehmen. Für den Mann heisst das: Schluss mit der masslosen Selbstüberschätzung.

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