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Kultur aus St.Gallen

«Malen ist eine Art des Erlebens»

Sie hat gerade einen Anerkennungspreis der St.Gallischen Kulturstiftung gewonnen. Die bildende Künstlerin Harlis Schweizer Hadjidi. «Die Ostschweiz» hat mit der Künstlerin über ihren Beruf, ihre Werke und ihr Leben gesprochen.

Nadine Linder am 19. Dezember 2021

Die nächste Preisverleihung der St.Gallischen Kulturstiftung findet am 25. Mai 2022 im Palace in St.Gallen statt. Einen der zwei Anerkennungspreise geht dabei an die Künstlerin Harlis Schweizer Hadjidi. Unsere Kulturredaktorin Nadine Linder hat mit ihr über diese Auszeichnung gesprochen.

«Bild: Virginie Vabre Schweizer»

Harlis Schweizer-Hadijdj, Sie haben gerade den Preis für Kulturschaffende von der St.Gallischen Kulturstiftung erhalten. Was bedeutet Ihnen dieser Preis?

Dass mein Werk gesehen und beachtet wird.

Wie würden Sie Ihre Kunst selber beschreiben?

Lieber male ich als zu beschreiben.

Wie kamen Sie zur Malerei und war dies bereits Ihr Berufswunsch als Kind?

Als Kind verbrachte ich viel Zeit im Atelier von meinem Vater. Da stand und lag so einiges herum und es war geradezu eine Einladung zum Experimentieren, fast alles war mir erlaubt und dazu liefen die Vinylplatten der Roten Armee. Das war eine prägende Zeit.

Was ist für Sie das Faszinierende am Malen?

Dass mit einer Idee, Farbe und Form Gedanken und ein Empfinden angeregt werden kann. Für mich selber, dieses Vertiefen, die Ruhe und Dringlichkeit beim Arbeiten.

Ein Bild (aus der Serie Wunschorte) 180cm auf 250cm gross, der Hafen von Havanna ist zu einem Viertel vom Bild zu sehen. Der untere Teil zeigt das wallende Meer davor. Ein schöner Kubaner hatte mir von seinem Land erzählt, das hat mich inspiriert. Zwei Wochen habe ich am Bild gemalt und noch heute über zehn Jahre später ist es, als ob ich dort gewesen wäre. Das fasziniert mich. Eine andere Art des Erlebens.

Wodurch lassen Sie sich inspirieren?

Von Geschichten, Begegnungen, Erfahrungen, unschönen Orten. Daraus entstand die Serie der 30. hässlichsten Orte der Ostschweiz. Aus einem Gemütszustand einer leichten Verzweiflung die Serie «Part of me», in der ich bekleidete Körperausschnitte auf ausgerissenes Zeitungspapier malte.

Welche Farben mögen Sie besonders gerne beim Malen?

Das ändert bei jedem Bild und in jeder Phase. Wenn ich unterwegs bin und eine schöne Farbe sehe, dann speichere ich sie und kann sie bei Bedarf abrufen. Blau ist eine interessante Farbe, denn sie hat etwas gesetztes. Je nach Mischung, warm, kalt, hell dunkel, schmutzig, mit Stich ins Grün oder Lila, kann Blau für Licht oder Schatten eingesetzt werden und sehr unterschiedliche Informationen transportieren.

Auf welches Ihrer Werke sind Sie besonders stolz?

Die drei grossen Bilder «Part of me», Öl auf Leinwand, die im Moment in der Ausstellung der Grossen Regionale im Kunstzeughaus Rapperswil zu sehen sind. Darin vertiefe ich mich mit den Themen des Verhüllens, Enthüllen, Sexualisieren, Transformieren und der weibliche Blick auf den weiblichen Körper.

Gibt es Bilder von Ihnen mit denen Sie selbst unzufrieden sind?

Ja sicher so richtige Katastrophenbilder, aber die sind wertvoll und sehr wichtig.

Malen Sie jeden Tag gleich gut?

Nein, wer könnte das denn?

Sie haben auch in Frankreich und Algerien gearbeitet. Was waren dies für Erfahrungen?

Ich arbeite immer aus meiner Umgebung heraus. In Algerien ist es sicher das Licht, das mich immer wieder beindruckt und die Gerüche. Nach einem sehr heissen Tag, beim eindunkeln auf der Terrasse über den Dächern zu sitzen und den Jasmin Duft zu riechen ist unbeschreiblich schön und beflügelnd. Aber auch das alltägliche Treiben im Haus ist spannend. Meine Schwiegermutter, die am Boden sitzend den Couscous auf ausgelegten Tüchern zum Trocknen ausbereitet.

Wo hat es Ihnen besser gefallen?

Besser kann ich nicht sagen, aber Marseille gefällt mir nach wie vor sehr gut.

Was war das bisherige Highlight für Sie in Ihrer Karriere als Künstlerin?

Die erste Ausstellung ein Jahr nach der Geburt meines Sohns. Wir lebten in Lausanne, mein Mann war Student und ich mit dem Kind zuhause. Ich kannte niemand, das Geld war knapp, ich war nicht gut auf diese Zeit vorbereitet und hatte kein Atelier mehr. Zum Glück ergab es sich, dass ich in einer besetzen Jugendherberge eine Ecke zum Malen organisieren konnte und mein Sohn einmal die Woche in den Babytreff bringen konnte. Ein Jahr lang habe ich drei Stunden pro Woche gemalt und als ich die Bilder in der Ausstellung hängen sah war ich stolz, denn jede/jeder mit kleinen Kindern weiss, dass diese Kombination nicht einfach ist.

Weitere Höhenpunkte gab es immer wieder bis zum Beispiel «Kunst am Bau» im Rosenaupark in Herisau, der Auftrag für das Projekt «New Work» bis jetzt zum Anerkennungspreis der St.Gallischen Kulturstiftung.

Gibt es auch Nachteile im Leben einer Künstlerin?

Nein

Wie hat sich die Zeit von Corona auf Ihre Tätigkeit als Künstlerin ausgewirkt?

Es hat mich aus der Sorge heraus sehr angespornt.

Sie arbeiten neben Ihrer künstlerischen Tätigkeit auch als Lehrerin. Geben Sie Ihr Wissen gerne weiter?

Ja. Wenn ich frei vorgehen kann wie das der Fall ist und ich fast die Arbeiten aus dem Atelier in die Schule trage, wenn viele Hände und begeisterte Schülerinnen bei der Ausführung teilnehmen.

Woher kommt eigentlich Ihr spezieller und schöner Name?

Von einem Film mit dem Titel: «Harlis du bist schön wie ein Roman», den meine Eltern 1972 in Berlin sahen. Zu meinem 40. Geburtstag habe ich mir eine Ausstellung geschenkt, in der ich eine Serie Bilder zeigte die mich aus diesem Film inspirierten, nur so konnte ich diesen heftigen Film verdauen.

Sie sind in St.Gallen aufgewachsen. Was ist für Sie das Faszinierende an Ihrer Heimatstadt und wie würden Sie diese jemanden beschreiben der sie nicht kennt.

Aufgewachsen bin ich auf dem Land in der Nähe von Teufen und ging in St. Gallen zur Schule. St.Gallen ist eine schöne, beschauliche und brave Stadt, mit viel Tradition zur Stickerei, schönen Gebäuden, Pärken, Museen, wenig Galerien und zu wenig Graffitis.

Welches sind Ihre Lieblingsorte in der Ostschweiz?

Dort wo etwas läuft und gute Leute sind.

Das Jahr neigt sich dem Ende zu. Was sind Ihre Pläne und Wünsche fürs 2022?

Ende März wird die Ausstellung New Work/ Arbeitsplätze der kant. Verwaltung St.Gallen in der FHS Ost ein letztes Mal gezeigt. Ein weiteres Streetart Projekt ist in der Pipline. Künstlerinnen Portraits – Der weibliche Blick auf den weiblichen Körper. Das Aushecken von neuen Ausstellungen mit dem Kollektiv Streunender Hund von dem ich Mitglied bin. Aber wünsche spreche ich lieber nicht aus, sonst werden sie nicht wahr.

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Laveba 03/2022

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Nadine Linder

Nadine Linder ist Redaktorin von «Die Ostschweiz».

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