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Hof zu Wil

«Man muss Baufälliges mögen»

Der Reiz der Baustelle: Im Hof zu Wil steht das Leben trotz laufender Bauphasen keineswegs still. Von Tanzperformances bis zu Lesungen gibt es hier alles Mögliche zu erleben. Nicht trotz, sondern aufgrund der «unfertigen» Atmosphäre.

Adrian Zeller am 17. Juni 2018

Vor zwanzig Jahren wurde die erste Renovationsetappe des Wiler Hofs abgeschlossen. Nun laufen die Vorbereitungen für die dritte. Leer bleibt der Hof dennoch nicht. Bis es soweit ist, werden einzelne Teile des Gebäudes zwischengenutzt. Dafür zuständig ist Jacques Erlanger. Was bewirkt sein Engagement?

«Es gibt viele Gründe zufrieden zu sein, wie es bisher läuft», meint Jacques Erlanger beim Gespräch im Restaurant Hof. Der 53-jährige Kulturunternehmer hat einen der exklusivsten Arbeitsplätze in der ganzen Ostschweiz: Er ist auf Zeit «Mister Hof» und von der Hofstiftung in einem 30 Prozent-Pensum angestellt. Etwas überspitzt formuliert: Er muss das Publikum vom Reiz sehr baufälliger Räume überzeugen und sie vermieten

In der übrigen Zeit kümmert er sich mit seiner Firma unter anderem um die Organisation und die Produktionsleitung von künstlerischen Theater- und Tanzprojekten. In seiner Wohnstadt St. Gallen hat er sich bisher etwa um die kulturelle Entwicklung des Sitterwerks sowie der ehemaligen Militärkantine gekümmert und sich damit einen Namen geschaffen.

Bekanntheit fördern

Im Wiler Hof ist er für die Vermietung einzelner Räume zuständig, weiter koordiniert er die verschiedenen Nutzungen im mächtigen Gebäude. Gemäss Auftrag muss er auch dafür sorgen, dass die Möglichkeit der Nutzung überhaupt bekannt wird. Dazu bedient er sich der traditionellen Möglichkeiten, in Form von Plakaten, Flyern und Prospekten. Er setzt aber auch auf die digitalen Medien, wie Facebook, Newsletter und Homepage. «Oft sind es auch Besucher einer Veranstaltung, die die Räume für ein eigenes Projekt entdecken», berichtet er von seinen bisherigen Erfahrungen.

Herrschaftsbau

Wie Jacques Erlanger betont, brauche es eine gewisse Anlaufzeit, bis die Bevölkerung das Potenzial der verschiedenen Räume wahrnehme. Für ihn sind sie eine faszinierende Herausforderung, weil sie eine ganz eigene Atmosphäre ausstrahlen. Dem wuchtigen Bau haftet eine Aura von Trutzigkeit und feudaler Machtdemonstration an. Ein gewisser Respekt ist bei der Bevölkerung vor dem ehemaligen Amtssitz des mächtigen Fürstabtes ist nur schon von seiner Erscheinung her gegeben, ein heiteres Lustschloss ist es allemal nicht.

Toleranz ist gefordert

In den oberen Etagen sowie in der Dienerschaftskapelle fanden bisher als Zwischennutzung Bilderausstellungen, Tanzperformances, Lesungen, Konzerte, Versammlungen und auch Fotoshootings statt. «Man muss allerdings die besondere Atmosphäre von baufälligen Räumen mögen», betont der ausgebildete Soziologe. «Da und dort bröckelt immer mal wieder der Verputz herunter.» Dies darf einen nicht stören. Und in der kalten Jahreszeit sind nicht alle entsprechenden Räume zu heizen.

Strenge Sicherheitsauflagen

Die Nutzung ist nicht nur wegen der Jahreszeiten zum Teil eingeschränkt, auch der bautechnische Zustand sowie die feuerpolizeilichen Bestimmungen setzen Grenzen. So dürfen in einzelnen Räumen maximal 50 Personen anwesend sein. In der der Dienerschaftskappelle braucht es eine menschliche Brandwache neben der Türe, wenn sich mehr als 30 Personen darin aufhalten, so sind die gesetzlichen Bestimmungen. Und an den Wänden darf nichts aufgehängt oder befestigt werden.

Trotz all dieser Hemmnisse lassen sich verschiedene Veranstalter nicht davon abhalten, einzelne Räume zu mieten, wie ein Blick auf die Liste der nächsten Veranstaltungen zeigt. Am 22. Juni sowie am 29.August sind Konzerte programmiert. Einige weitere Projekte sind noch im Planungsstadium, die Details werden rechtzeitig öffentlich bekannt gegeben.

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Jacques Erlanger

Jacques Erlanger ist zuständig für die Zwischennutzung des Hof zu Wil.

Mix von Stilepochen

Weshalb auch immer man den Hof betritt, man kann sich seiner Vergangenheit kaum entziehen. Überall stösst man auf historische Wandmalereien, ornamentale Stuckaturen und hochwertige Kachelöfen.

Dass die Räume Spuren unterschiedlicher Stilepochen zeigen, macht sie besonders interessant, nach dem Motto: Mittelalter trifft Barock. Dies sind die besonderen Herausforderungen, die sich für die Zukunft stellen: Wie kann man ein 800-jähriges mächtiges Gebäude, das als Denkmal von nationaler Bedeutung gilt, in eine lebendige Zukunft überführen?

Gemäss Jacques Erlanger wird der Stiftungsrat des Hofs im Sommer entscheiden, welches die nächsten Schritte sind. Dann wird auch bestimmt, ob sein befristetes Mandat verlängert wird. Die Motivation, den Hof für die Bevölkerung auf vielfältige Weise erlebbar zu machen, scheint beim derzeitigen «Mister Hof» ungebrochen.

Weitere Informationen: www.hofzeit.ch

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Adrian Zeller

Adrian Zeller (*1958) hat die St.Galler Schule für Journalismus absolviert. Er ist seit 1975 nebenberuflich, seit 1995 hauptberuflich journalistisch tätig. Zeller arbeitet für diverse Zeitschriften, Tageszeitungen und Internetportale. Er lebt in Wil.

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