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Zeyer zur Zeit

Mohrenkopf-Faschisten

Keiner zu klein, Zensor zu sein. Wenn kleine Zeichen von Grossverteilern gesetzt werden, steckt meistens Heuchelei dahinter.

René Zeyer am 11. Juni 2020

Der Mohrenkopfpapagei hat’s nicht leicht. Dieses Schicksal teilt er mit dem ein unübersehbares Fanal setzenden Berg Mohrenkopf (1645 m). Und mit Robert Dubler. In dessen Familienbetrieb im Aargau werden seit 1946 Mohrenköpfe hergestellt.

Ganze zehn Millionen Stück pro Jahr. Hier hat nun die Migros Zürich erkannt, dass das einwandfrei eine Quelle des strukturellen Rassismus ist. Und hat ein Zeichen gesetzt. Das an Heuchelei schwer zu überbieten ist.

Meine Stieftochter ist ein wunderschönes, schwarzes Mädchen, inzwischen eine Frau. Als sie 11-jährig in die Schweiz kam, fragte sie mich eines Tages, ob die Bezeichnung «Schoggikopf», die ihr in der Schule nachgerufen werde, eine Beleidigung sei. Aber nein, sagte ich, vielleicht meint das der eine oder andere Idiot, aber in Wirklichkeit ist Schoggikopf doch viel hübscher als ein weisslicher Käsekopf.

Tête de nègre heisst ein 1892 kreiertes Gebäck, statt Mohrenkopf ist die süssliche Schaummasse auch noch als Negerkuss bekannt. Was nur ein Idiot als rassistisch empfinden kann. Auf Spanisch heisst eine Beilage «moros y cristianos», für schwarze Bohnen und weissen Reis. Es gibt hier nur die Bezeichnung negro für einen Schwarzen, was jede sprachliche Herumturnerei überflüssig macht. Und moros, Mohren, die Zivilisation und Licht nach Spanien brachten, sind sowieso positiv konnotiert.

Früher stand an so manchem Eingang einer Kirche ein Nickneger. Das war eine schwarze Figur, die sich höflich verbeugte, wenn man dieser Missionsspardose eine Spende ins Kässeli legte. Das waren noch Zeiten, als das Wort Neger verwendet werden konnte. Weil allen klar war, dass nur der Zusammenhang oder die Betonung entscheidet, ob es als simple Beschreibung einer Ethnizität oder als Schimpfwort verwendet wird.

Wir leben aber in Zeiten der künstlichen Aufgeregtheit und der Sprachreinheit. Angefangen bei der idiotischen Gentrifizierung der Sprache, bei der Genus eines Substantivs mit Geschlecht verwechselt wird. Und idiotensicher aus einem männlichen Artikel auf die Diskriminierung des Weiblichen geschlossen wird, eben die Männersprache. Als Mann fühle ich mich natürlich auch diskriminiert, wenn man mich als DIE Person bezeichnet.

Schlimmer noch ist die Säuberung der Sprache von in Ungnade gefallenen Begriffen. Man kann hier ohne weiteres von strukturellem Faschismus sprechen. Denn die Nazis im letzten Jahrhundert trieben die Sprachreinigung auf eine absurde Spitze. Sie wollten das edle Deutsch vor jüdischem und überhaupt fremdem Einfluss retten. Ein Höhepunkt dieses Wahns war der Viertopfknalltreibling. Wer errät’s, dass das für Vierzylinderexplosionsmotor stand?

Es ist absurd, wenn man meint, durch Diskriminierung oder gar Verbot missliebiger Begriffe Rassismus bekämpfen zu können. Ob jemand Neger oder Mitmensch mit afrikanischer Herkunft sagt, ändert keinen Deut daran, ob er ein Rassist ist oder nicht. Wer am traditionellen Begriff Mohrenkopf für sein Produkt festhält und das auch mit guten Gründen verteidigt, ist das Gegenteil eines Rassisten.

Wer wie die Migros meint, durch den Rausschmiss des Produkts Mohrenkopf ein Zeichen gegen Rassismus und Polizeigewalt in den USA zu setzen, ist ein Heuchler, genauso wie der Teil des Publikums, das diesen Schritt begrüsst.

In den USA haben die Afro-Amerikaner, wie sie politisch korrekt bezeichnet werden sollen, dagegen das Gleiche gemacht wie Homosexuelle auf Deutsch. Die haben den abwertenden und diskriminierenden Begriff «schwul» einfach gekapert und umgedreht. Vom Schimpfwort zum selbstverständlich verwendeten Wort. Schwarze in den USA haben sich den Begriff Nigger genauso angeeignet.

Aber warum soll das Verbot des Mohrenkopfs und der Applaus dafür heuchlerisch sein? Ganz einfach. Wir sind uns wohl alle einig, dass die Sklavenhaltung von Kindern in der Dritten Welt, die unter unmenschlichen Umständen gesundheitsgefährdende Tätigkeiten ausüben müssen, statt zur Schule zu gehen, eine verdammte Schweinerei ist.

Wir sind uns alle sicher auch einig, dass in jedem Smartphone Produkte stecken, die in Afrika unter übelsten Umständen von Kindern aus Erdlöchern geholt werden, weil sie klein sind und so besser an Kobalt herankommen. Wir sind uns sicher auch alle einig, dass zertifizierte Produkte zwar nicht garantiert, aber doch eher Gewähr dafür bieten, dass ihre Herstellung unter gewissen Mindeststandards und zu einigermassen akzeptablen Löhnen erfolgte.

Also machen Fairtrade-Produkte doch sicherlich den grössten Anteil beim Schweizer Konsumverhalten aus, nicht war? Das ist ja ein Multimilliardenmarkt im Jahr. Tja, und jeder Schweizer gibt pro Kopf und Jahr für solche Produkte – 100 Franken aus. Einhundert. Pro Jahr. Ein Witz, aber ein schlechter.

In allen Umfragen behauptet eine Mehrheit der Schweizer, dass sie ohne weiteres bereit sei, mehr auszugeben, wenn das Produkt menschenwürdig hergestellt worden sei. Wohlfeile Heuchelei, genau wie das Geschrei gegen Mohrenköpfe. Wer Schokokuss statt Mohrenkopf sagt, ist deswegen nicht weniger ein Heuchler. Und nicht zu selten auch Rassist mit Tendenz zu Totalitärem.

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Stölzle /  Brányik
Autor/in
René Zeyer

René Zeyer (1955) ist Publizist, Bestsellerautor («Bank, Banker, Bankrott») und Kommunikationsberater. Er lebt in Zürich und gibt die medienkritische Plattform ZACKBUM.ch heraus.

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