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Zeyer zu Vernichtungskampagnen

Muschg hat Auschwitz gesagt!

Adolf Muschg, der zurzeit letzte lebende Schweizer Grossschriftsteller, hat ein Unwort verwendet. Darf er das? Wie soll er dafür Busse tun? Reicht eine Entschuldigung? Oder nur mit niederknien und gesenktem Haupt?

René Zeyer am 29. April 2021

Früher kam sich die Presse furchtbar wichtig und mächtig vor, wenn sie von einem Blitzlichtgewitter faseln konnte. Dabei übersah sie leider, dass sie ja nur Objekte ihrer Berichterstattung beblitzt. Die könnten ohne das problemlos leben, die Presse nicht.

Heutzutage kann man – wenn man’s positiv sehen will – von einer gewissen Demokratisierung sprechen. Jedes Frettchen, jeder Tiefflieger, jeder, der nicht einmal der deutschen Sprache mächtig ist, vom Formulieren eines klaren Gedankens ganz zu schweigen, kann sich auf die Bühne der Blasen- und Erregungsmaschinen stellen und lauthals in deren Mikrophone rülpsen. Hat er etwas Glück, wird das auf Twitter oder Facebook oder wo auch immer aufgenommen, und der Verursacher dieses unangenehmen Geräuschs sonnt sich einen Moment im Ruhm und in der Illusion, als Trendsetter eine Duftmarke gesetzt zu haben.

Haben genügend Spatzenhirne auf Twitter getschilpt, genügend eitle Selbstdarsteller in Facebook sich bespiegelt, dann kommt noch die Journaille und arbeitet nach. Wie sagt die sogenannte Literaturchefin von Tamedia: «Twitter hat gerichtet.» Worüber?

Adolf Muschg war in die Sendung «Sternstunde Philosophie» eingeladen. Dort drückte er unter anderem sein zunehmendes Unwohlsein darüber aus, das der frühere freie Meinungsaustausch immer mehr zu gnadenlos-rechthaberischem Geschrei verkommt. Wo es zuletzt um Erkenntnisgewinn durch Austausch von Argumenten und Meinungen geht.

Die Bubble-Trottel wissen schon seit Geburt, was unbezweifelbar gut und richtig, was daher falsch und nichtig ist. Und dieses Böse muss natürlich mit allen Mitteln bekämpft werden. Denn es wäre sonst doch eine Gefahr fürs Gute. Als darf es gar nicht erst zu Wort kommen. Deshalb darf gar nicht auf Argumente eingegangen werden. Stattdessen muss es auf den Menschen, auf seine angebliche Gesinnung, auf «wer das sagt, ist ...» gehen.

Verständlich, dass diese sich wie Seifenblasen zu Bedeutung, Beurteilung und Bestrafung aufpumpenden Luftspender nicht in der Lage sind, komplizierteren Gedankengängen zu folgen. Schon alleine das Operieren mit Haupt- und Nebensätzen bringt sie an den Rand der Aufnahmefähigkeit.

Nun hat sich Muschg Gedanken darüber gemacht, wohin das Ausschliessen von Menschen aus dem öffentlichen Diskurs führe. Was deren Stigmatisierung bedeute. Diesen Gedankengang entwickelte er in einer leicht verständlichen, logischen Argumentationskette. Mit anderen Worten: Er analysierte die Wirkungen und Folgen der Cancel Culture:

«Dass man abgeschrieben wird, wenn man bestimmte Zeichen von sich gibt. Das sehen wir bei feministischen Diskursen ebenso wie bei anti-rassistischen.»

Unbezweifelbar richtig. Nicht das Inhumane sei daran erschreckend: «Es ist das Interessenlose an den eigenen Widersprüchen.» Also an der Tatsache, dass unvereinbare Dinge zusammengehen. Dem wird mit «schrecklichen Vereinfachungen» begegnet. Dann kommt Muschg zu seiner vorläufigen Synthese: «Man will Leute disqualifizieren, die Schwarze disqualifizieren. Das ist sehr ehrenwert. Aber diese Disqualifikation gerät ins genau gleiche faschistoide Fahrwasser des Ausschliessens der Anderen. Nur sind es jetzt andere Andere.»

Unbezweifelbar bedenkenswert, diskussionswürdig. Nun wusste Muschg aber auch, dass Gedankengänge in dieser Sendung für Randgruppen, radikal kleine Minderheiten kaum eine Chance hätten, auf breitere Resonanz zu stossen. Zu abgelegen, zu kompliziert, zudem zu kritisch gegenüber der wohlig-fauligen Atmosphäre in der eigenen Gesinnungsblase, in der weder anderen Meinungen, noch Frischluft erwünscht sind.

Also griff er zum naheliegenden Mittel des Triggerns. Hätte er so aufgehört, er wäre fünf Minuten nach der Sendung wieder in der Versenkung verschwunden. Er schob also noch einen Satz nach, als Trigger, als Verstärkung, als Megaphon für das vorher Gesagte: «Die Cancelling Culture, die wir heute haben (...) das ist im Grunde eine Form von Auschwitz.»

Dabei hatte aber der Literaturprofessor gewaltig unterschätzt, was er da getriggert hatte. Es entwickelte sich der alte Slapstick, dass jemand nur einen überflüssigen Hausanbau wegsprengen will, dabei aber gleich das ganze Haus in die Luft jagt. So wurde aufgeheult, losgeschimpft, das Ganze kleingebacken auf eine Formulierung, die selbst in Spatzenhirnen Platz hat: Muschg sagt, Cancel Culture sei wie Auschwitz.

Abgesehen davon, dass er das nicht gesagt hat: dass geschichtsvergessene Kretins, die noch nie auch nur einen Buchstaben Muschg gelesen, geschweige denn verstanden haben, sofort aufjaulen, als sie erfahren, was Auschwitz war, damit könnte man noch leben. Dass aber selbst ein Zürcher Geschichtsprofessor sich nicht entblödet, loszukläffen: «Herr Muschg sollte sich in Grund und Boden schämen», das weist auf eine weitere Verschwendung von Steuergeldern hin.

Konsequent wird weiter fast alles missverstanden. SRF und der Moderator entschuldigen sich. Das wird wohlwollend zur Kenntnis genommen, obwohl es absurd ist. Muschg hingegen entschuldigt sich nicht, er «rechtfertigt» sich auch nicht. Sondern er versucht geduldig zu erklären, wie er zu diesem Vergleich kam; er räumt, angesichts der Reaktionen inklusive Todesdrohungen, allerdings ein, dass er sich im Nachhinein nicht mehr so sicher sei, ob es sinnvoll war.

Fast jeder, der in der Lage ist, den Zusammenhang zwischen Tastatur und Buchstaben auf dem Bildschirm zu erfassen, meldet sich nun zu Wort. Die Leere von Gegenargumenten, die Leere im Hirn wird übertüncht mit Entrüstung. Aufregung. Angelesene Besserwisserei. Vielfach wird stolz berichtet, was ein Ausflug in Wikipedia zu Tage förderte.

Dahinter steht ein schrill Kopf und Ohren quälender Dreiklang. Das darf man nicht machen. Warum? Darum. Da vergreift sich einer an unserem Bemühen, die Welt reiner und besser zu machen. Aber der schrillste Ton ist dieser: Die Blasenbläser reagieren genau in der Art auf Muschg, die er ihnen vorwirft. Unfähig zur Selbstreflexion. Schäumende Moral statt Argumente. Wie kann Muschg nur so etwas sagen, welch Geistes Kind ist er, welche verachtenswerte Gesinnung verbirgt sich dahinter. Und sich nicht entschuldigen dafür, obwohl der meist noch anonyme Mob im Netz das fordert.

Das wird ihn noch ein Weilchen im roten Bereich drehen lassen, bis er sich dann dem nächsten Thema mit Inbrunst widmet. Und in einem halben Jahr gar nicht mehr weiss, worüber und gegen wen man sich aufgeregt hatten. Zurück bleiben dann wie immer ein paar übelriechende Pfützen von Herausgewürgtem. Eine bekleckerte und beschädigte Reputation eines Geschichtsprofessors und einer Literaturchefin.

Wenn die beiden Ehre im Leib hätten, würden sie sich bei Muschg entschuldigen. Aber das wird nie geschehen.

Stölzle /  Brányik
Autor/in
René Zeyer

René Zeyer (1955)  ist Publizist, Bestsellerautor («Bank, Banker, Bankrott») und Kommunikationsberater. Er lebt in Zürich und Havanna.

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