logo

Satire

Mutig ins Verderben

«Den Seinen gibts der Herr im Schlaf», ausser in der Ostschweiz. Thurgau und St.Gallen lassen die kommenden Eliten durchs Fegefeuer der schriftlichen Maturaprüfung gehen, während andere gemütlich ihr Zeugnis abholen.

Ralph Weibel am 28. Mai 2020

Eine Freundin aus Zürich – als ob dies nicht schon Strafe genug wäre, wenn man da wohnen muss – schrieb mir kürzlich aus dem Homeoffice: «Ich führe laute Diskussionen mit unserem Jüngsten, der wohl bei lebendigem Leib verfaulen wird, falls der Kanton Zürich die Maturaprüfungen absagt. Andererseits hat er so die Chance auf eine bestandene Matura.»

Für Thurgauer und St.Galler Maturierende muss dies wie eine Stimme aus dem Paradies klingen. In der pandemischen Panik, der Angstschweiss der sabbernden Maturanden könnte über die Plexiglasabtrennung bis zu den ergrauten Risikopatienten spritzen, welche die Prüfung abnehmen und diese auf direktem Weg aus dem Klassenzimmer in die Hölle verfrachten, haben viele Kantone beschlossen, die schriftlichen Maturaprüfungen auszusetzen. Und einige, um das Wirrwarr der kantonalen Bildungsdirektoren perfekt zu machen, die Reifeprüfung nur den mündlichen Teil durchzuführen, wie im Appenzellerland. An die Stelle gehört ein Lob dem Föderalismus!

Nachdem wir jetzt wochenlang mit Begriffen wie «Solidarität» zugemüllt wurden, macht sich die reifende Jugend diese zu eigen. Um «Menschenleben zu retten», wollen sie auf die schriftliche Prüfung verzichten. Umgehend wurde eine Petition lanciert. Das immerhin spricht für eine gewisse Eigeninitiative der jungen Menschen.

Einem Aussenstehenden stellt sich die Frage, was da grad abgeht. Verständlicherweise stimmt man den Leserbriefen zu, die von künftig Studierenden verlangen, den Arsch in der Hose zu haben, sich mutig einer Prüfung zu stellen und alles andere als Feigheit taxiert. Anderseits muss man zugeben, dass die Maturanden damit nur ihren Vorbildern nacheifern. Diese zeigen wenig Mut, je wieder aus ihren vier Wänden herauszukommen, hinter die sie sich bei Ausbruch von Corona zurückgezogen haben. Im Gegenteil.

Reifeprüfung abgelegt

Sie erlassen wilde Hygienevorschriften und Erlasse, die dazu führen, was ein pensionierter Leserbriefschreiber aus Frauenfeld anfangs Mai treffend festgehalten hat: «Heute könnte ich mich kosmetisch verwöhnen, die Nägel lackieren, die Ohren piercen oder den Hintern tätowieren lassen. Aber meine kaputte Brille, die ich zum Lesen und Arbeiten benötige, kann ich nicht reparieren lassen, denn die Optikergeschäfte sind zu. Bin ich nun irr, oder was?» Die meisten Taktgeber der Selbstzerstörung haben übrigens die Reifeprüfung abgelegt. Was jetzt auch nicht dafür spricht, diese unbedingt durchzuführen.

Stölzle /  Brányik
Über den Autor
Ralph Weibel

Ralph Weibel ist Bühnenautor und Nebelspalter-Redaktor.

Hier klicken, um die Mobile App von «Die Ostschweiz» zu installieren.