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Zeyer zur Zeit

Nachrichten aus einer verschworenen Welt

Rund um den Bodensee gab’s Demonstrationen. Dafür und dawider, aber was genau? Und wie viele waren dann da? Und gab es wirklich Faschisten, Antifaschisten und Corona-Leugner?

René Zeyer am 06. Oktober 2020

Das St. Galler «Tagblatt» – was dann bedeutet: eigentlich alle Zeitungen in der Region – raffte sich zu einer Reportage auf: «Querdenker, Coronakritiker, Verschwörungstheoretiker: So verlief das Wochenende der Kundgebungen in Konstanz und Kreuzlingen».

Die beiden Reporter tun, was sie können und gelernt haben. Am Anfang muss es krachen, ein szenischer Einstieg, machen doch die Grossen auch so. Also «drohte die Lage kurz zu eskalieren». Teilweise vermummte «Antifaschisten» seien auf «Querdenker» gestossen, die Polizei ging dazwischen und verhinderte mit Pfefferspray das Schlimmste.

Das war’s dann aber schon mit der Aufregung. Den «Schaffhauser Nachrichten» war die ganze Sause deshalb nur ein Bild und ein paar Zeilen wert. Aber das geht bei einer Reportage natürlich nicht, also walzt das «Tagblatt» die wenigen Erlebnisse der Reporter kräftig aus. Zitiert ein paar Verwirrte aus dem Lager der, nun ja, man kann sich’s aussuchen heutzutage: aus dem Lager der Coronakritiker, -skeptiker oder gar -leugner.

Die wollten rund um den Bodensee eine Menschenkette bilden, was dann allerdings mangels Menschen nicht vollständig gelang. Dagegen mobilisierten, nun, auch da kann man es sich aussuchen, Antifaschisten, Sozialisten, Corona-Anerkenner. Nicht nur legale Substanzen dürfte allerdings die SP Kreuzlingen inhaliert haben; sie marschierte mit dem Slogan «Wer mit den Nazis Händchen hält, hat nix kapiert» an der Menschenkette vorbei.

Nazis? Nun ja, im Zweifelsfall ist für die SP und alles links von ihr alles rechts von der SP braune Brut, Nazis, Faschos. Diesem Slogan muss man aber ganz objektiv vorwerfen, dass er sich weder gut skandieren lässt, noch reimt, noch sehr viel Sinn ergibt. Soweit die allgemeine Verunglimpfung. Haben eigentlich die Corona-, nun ja, also die Gegner oder Kritiker der staatlichen Corona-Politik, auch etwas Vernünftiges gesagt? Kann sein, aber überliefert wird von CH Media nichts.

Sehr unterschiedliche Auffassungen gibt es offenbar auch um die Anzahl der Teilnehmer. «Weniger Teilnehmer als angekündigt demonstrierten», weiss CH Media. 60'000 Teilnehmer, alleine am Samstag, will der deutsche Organisator der Demonstration gesehen haben, die Polizei zählte 11'000.

Das «Tagblatt» wählt da offenbar den salomonischen Mittelweg und stellt diese beiden Sätze kommentarlos hintereinander: «Die Abstände der Besucher vor allem am Sonntag in der Hafenstrasse» seien «aufgrund des hohen Personenaufkommens oft nicht eingehalten worden, heisst es. Man weist darauf hin, dass deutlich weniger Menschen an den Veranstaltungen teilnahmen als angemeldet wurden.»

Auch bei der Darstellung eines Zwischenfalls gehen die Darstellungen deutlich auseinander. «Aufregung gab es am späteren Sonntagnachmittag, als eine Rauchbombe hinter der Bühne gezündet wurde. Die Querdenker beschuldigten in der Folge die Polizei. Diese würde sie zu wenig beschützen und sich nicht um die Aufklärung des Vorfalles kümmern, reportiert das «Tagblatt».

So schildert die «Epoch Times» den gleichen Vorfall: Einer Frau sei ein Feuerwerkskörper an den Kopf geworfen worden: «Auf der Bühne brachte Rechtsanwalt Markus Haintz den Vorfall zu Sprache und hielt eine Plastiktüte hoch. «Ich habe hier zwei Bengalos, die geworfen wurden. Der Einsatzleiter der Polizei hat sich trotz mehrfachem Nachfragen meinerseits geweigert, diese als Beweismittel zu sichern.»»

Womit wir bereits mitten in der globalisierten Medienlandschaft wären. Denn die «Epoch Times» ist ein weltweit tätiger Zeitungsverbund, der von Exil-Chinesen gegründet wurde und dem enge Beziehungen zur in China unterdrückten Falun Gong-Bewegung nachgesagt werden. Die deutsche Ausgabe zeige deutliche Sympathien für die AfD, wird das Newsportal kritisiert.

Zumindest die Berichterstattung hier scheint allerdings entschieden akkurater zu sein als die Reportage des Tagblatts. Aber eben, wer heutzutage an einer Demonstration teilnimmt, aus welchen Motiven, mit welchen Zielen und in welcher Zahl, was sich dabei an Zwischenfällen abspielte, das zu beschreiben ist offenbar zu schwierig für die Qualitätsmedien des Hauses CH Media.

Wenn man davon ausgeht, dass die Mehrheit der Demonstranten gegen die Corona-Politik weder Vollirre, noch Faschisten, noch Rechtsradikale, noch stramme AfD-Wähler waren, würde es den Leser vielleicht doch interessieren, was genau die Anliegen sind, wie sie begründet und welche Forderungen aufgestellt werden. Aber das scheint von einer immerhin von zwei Journalisten bewältigten «Reportage» zu viel verlangt zu sein.

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Stölzle /  Brányik
Autor/in
René Zeyer

René Zeyer (1955)  ist Publizist, Bestsellerautor («Bank, Banker, Bankrott») und Kommunikationsberater. Er lebt in Zürich und Havanna.

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