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Zeyer zur Zeit

Neue Höchstwerte der Panik

Die! zweite! Welle! ist! da! Krisensitzungen, ernste Gesichter. Schon wird davon geredet, dass ein zweiter Lockdown unbedingt zu vermeiden sei.

René Zeyer am 15. Oktober 2020

Das bedeutet im Klartext: ein zweiter Lockdown wird immer wahrscheinlicher. Ob er scheibchenweise oder auf einen Schlag eingeführt wird, darüber denken die Regierenden noch nach.

Sozusagen als Rammbock gegen alle Argumente dient ihnen dabei die Zahl der Neuinfizierten. Die steige nämlich wieder rasant an, sei teilweise schon höher als am Scheitelpunkt der ersten Welle.

Seitdem die Weltgesundheitsorganisation die Alarmsirene erschallen liess, sind inzwischen aber 8 Monate vergangen, einzelne Länder wie China kehren zur Normalität zurück, andere wie Taiwan haben die Pandemie ohne Kratzer überstanden.

In 8 Monaten kann man zwar keinen Impfstoff entwickeln, aber doch gewaltige Fortschritte in den Kenntnissen über dieses Virus aus der bekannten Familie der Corona-Viren machen. Man könnte zum Beispiel zur Kenntnis nehmen, dass es bislang in der Schweiz, mit der Ausnahme eines Neugeborenen, noch keinen einzigen Todesfall unter 30 Jahren gab. Keinen! einzigen!

Aber eine signifikante Häufung bei über 70-Jährigen, nochmals gesteigert bei über 80-Jährigen. Was selbst die «SonntagsZeitung» zur grandiosen Erkenntnis führte: «Sterblichkeit steigt mit dem Alter rasant an». Um zu dieser bahnbrechenden Einsicht zu gelangen, musste sich die SoZ aber den Sachverstand der «Süddeutschen» leihen.

In der Schweiz sterben jeden Tag statistisch gesehen 186 Menschen. Die meisten an natürlichen Ursachen, davon im Schnitt 7 an oder mit dem COVID-19-Virus. Das macht jeden einzelnen Fall nicht weniger tragisch. Rückt aber die Relationen zurecht. 2019 starben in der Schweiz rund 68'000 Menschen. Davon waren 42'000 älter als 80.

Da vermag es nicht zu erstaunen, dass die nach Altersgruppen aufgeteilte Anzahl an COVID-19 Verstorbenen genau das wiederspiegelt. Von den etwas über 1800 Corona-Toten waren 20 Prozent zwischen 70 und 79 Jahre alt. 1255 Verstorbene oder 70 Prozent waren über 80 Jahre alt. Wenn eine Seuche 90 Prozent aller Todesopfer bei alten Menschen über 70 fordert, macht es da viel Sinn, Begegnungsstätten von Jugendlichen zu schliessen?

Macht es viel Sinn, eine sanitäre Glocke über die gesamte Gesellschaft und Wirtschaft zu legen? Macht es Sinn, mit einem allfälligen zweiten Lockdown der sowieso schon schwer geschädigten Volkswirtschaft einen weiteren, tödlichen Schlag zu versetzen?

Aber die rasant steigenden Zahlen der Neuinfizierten wird dem entgegengehalten. Und es werden wieder die gleichen Horrorszenarien wie am Anfang der Pandemie an die Wand gemalt. Überfüllte Spitäler, nicht genügend Betten oder Beatmungsgeräte, ein möglicher Kollaps des Gesundheitssystems, der Zerfall der gesellschaftlichen Ordnung.

Nicht mal diese Alarmzahl ist wirklich alarmierend. Schon ihre Bezeichnung ist falsch. Es sind nämlich nicht Infizierte, sondern positiv Getestete. Positiv auf was? Die gängigen PCR-Tests schlagen auch positiv an, wenn lediglich noch Spuren, Fragmente der DNA des Virus vorhanden sind. Was im Gegenteil auf eine längst überwundene Infektion hinweist.

Da sie hochsensibel sind – weil PCR ursprünglich ausschliesslich für Forschungszwecke entwickelt wurde – ergibt sich aus der Zahl der positiv Getesteten keine verlässliche Basis für Entscheidungen. Viel wichtiger wäre, den weiteren Verlauf bei Positiven zu beobachten. Was aber unterbleibt.

Oder wie wäre es mit der Anzahl von Neuhospitalisierten, von an COVID-19 Erkrankten auf Intensivstationen? Auch diese Zahlen werden ja erhoben. Aber sie sind keinesfalls alarmierend. Deshalb für den Alarm ungeeignet.

Angesichts des neuerlich verschärften Krisenmodus kann man sich eines Verdachts nur schwer erwehren. Wenn beim erstmaligen Ansteigen der Zahl der positiv Getesteten angeblich nur ein Lockdown das Schlimmste verhüten konnte, die Horrorprognosen von 100'000 Toten in der Schweiz abwandte, wäre es ein nachträgliches Eingeständnis eines multimilliardenschweren Fehlers, auf ähnliche Ansteckungszahlen nicht neuerlich mit einem Lockdown zu reagieren.

Rund 100 Milliarden Franken, plus eine scharfe Rezession, das sind die vorläufigen Kosten des ersten Lockdowns. Wie viele Wiederholungen verträgt die Schweiz?

Stölzle /  Brányik
Autor/in
René Zeyer

René Zeyer (1955)  ist Publizist, Bestsellerautor («Bank, Banker, Bankrott») und Kommunikationsberater. Er lebt in Zürich und Havanna.

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