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Zeyer zur Zeit

Neues aus Lockdownistan

Sie haben die neusten Beschlüsse des Bundesrats verstanden? Sie sind in der Lage, sie ohne zu stottern wiederzugeben? Bravo, warum entwickeln Sie dann die allgemeine Relativitätstheorie nicht weiter? Bei dem IQ...

René Zeyer am 25. Februar 2021

Schweizer sind dafür bekannt, dass sie sich strikt an Regeln halten. Wer einen Abfallsack am falschen Tag vor die Türe stellt, wer einen Tag zu früh ein Kartonbündel bereitstellt, wird gemassregelt. Ermahnt, im Wiederholungsfall sogar gebüsst. So strikt sind hier die Regeln.

Deshalb wollen wir doch nicht, dass die Bevölkerung den Überblick verliert, was nun im Rahmen der Corona-Massnahmen erlaubt ist und was nicht. Dabei ist es nicht schwierig, die neuen Massnahmen, die weisen Entscheide der sieben Bundeszwerge zu verstehen.

Zum Beispiel: Auf einer Sportanlage darf wieder Sport getrieben werden. Allerdings nicht vor Montag, bis dahin herrscht noch höhere Ansteckungsgefahr. Allerdings dürfen sich dafür höchstens 15 Personen zusammenballen, ab der 16. bestünde Todesgefahr. Da sich das Virus vor allem in schweisselnder Umgebung wohlfühlt, dürfen sportliche Aktivitäten nur im Freien erfolgen.

Für geistige Aktivitäten sind ab Montag Museen und Bibliotheken samt Lesesälen wieder geöffnet, für finanzielle Taten öffnen alle Läden wieder ihre Türen. Drinnen sind allerdings weiterhin, aus welchem Anlass auch immer, nur maximal 5 Personen am Stück zugelassen. Damit kommt weiterhin keine anständige Swingerparty in Schwung, dafür bräuchte es mindestens 6 Teilnehmer.

Viele mögen auch bedauern, dass Singen weiterhin nur im Familienkreis erlaubt ist, wobei Freiluftsingen aus 15 Kehlen erfolgen darf, in Innenräumen nur von 5. Wobei für U-20-Jährige nochmals leicht gelockerte Bestimmungen gelten. Aber differenziert, mit oder ohne Stimmbruch macht den Unterschied.

Hingegen bleiben Restaurants, Bars, Clubs geschlossen, und alles was Kultur, Sport oder Freizeit betrifft und drinnen stattfinden würde, ist ebenfalls untersagt. Ausnahmebestimmungen gibt es beim Kegeln, da zählen die 9 Kegel nicht mit. Was aber auch keine Rolle spielt, da es sowieso verboten ist und bleibt. Kind und Kegel werden übrigens im Verhältnis von 1 zu 2, multipliziert mit der Quadratwurzel aus Pi, gerechnet.

Wer beispielsweise aus gegebenem Anlass etwas feiern möchte und doch tatsächlich mehr als vier Personen dazu einladen will, kann das nun tun. Immerhin bis zu 14 Mitfeiernde sind gestattet. Allerdings: dann muss die Feier draussen stattfinden. Schliesslich sind wir doch alle wetterfest.

Zudem hätte der Bundesrat ja noch ganz anders können, wenn er gewollt hätte. 5 Teilnehmer an einer privaten Runde sind erlaubt; es dürfen auch 6 sein, vorausgesetzt, zwei sind Veganer und einer macht den ganzen Anlass über den Handstand.

15 Personen dürfen sich im Freien zusammenballen. Wenn es mindestens drei Blauäugige und zwei Rothaarige darunter hat, dürfen es auch 17 sein, allerdings nur zwischen 16 und 18 Uhr abends, vorausgesetzt, es folgt eine Vollmondnacht.

Wunderbar auch die Regelung für Zoos. Rein darf man, aber ja nicht in Tierhäuser oder Erlebnisräume, da muss der Mensch draussenbleiben, und die Tiere wundern sich. Aber trösten sich mit dem Gedanken: okay, wir sind hier eingesperrt, aber die Menschen sind ausgesperrt. Immerhin haben wir nun etwas gemeinsam: Tiere wie Menschen kriegen Futter und Unterkunft gratis, ohne dass sie viel dafür tun müssten.

Auch bei den Masken wurden im Bundesrat Verschärfungen ernsthaft diskutiert. Einatmen nur durch den Mund, ausatmen nur durch die Nase, am besten durch das rechte Nasenloch stand zur Debatte. Ebenfalls ein Schnelltest, ob es sich bei FFP2-Masken um Originale oder um Fälschungen aus Beständen der Armeeapotheke handle.

Aber schliesslich setzen wir nun alle Hoffnungen auf den Impfpass. Wer bislang meinte, der Schweizerpass sei das wichtigste Körperteil des Menschen, muss umdenken. Es ist natürlich der Impfpass, der weisse und schwarze Schafe trennt. Von China lernen, heisst hier siegen lernen. Entweder auf dem Smartphone gespeichert, und falls jemand die Ausrede bringt, ich hab’ keins, gibt es auch noch eine Alternative: Chip unter die Haut; schmerzlos, sauber, immer dabei.

Und das Beste am Ganzen: dermassen verwirrt, dermassen von Vorschriften, Untervorschriften und Ausnahmen, offenen und geschlossenen Terrassen in Skigebieten verwirrt, begeht das Virus Massenselbstmord.

Stölzle /  Brányik
Autor/in
René Zeyer

René Zeyer (1955)  ist Publizist, Bestsellerautor («Bank, Banker, Bankrott») und Kommunikationsberater. Er lebt in Zürich und Havanna.

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