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Zeyer zur Zeit

Neues aus Maskanistan

Kakerlaken würden wohl auch einen Atomkrieg überleben. Wer aber überlebt den Doppelwürgegriff bei Restaurants? Auch da steht der Sieger bereits fest. McDonald’s im Speziellen und Fast Food im Allgemeinen.

René Zeyer am 28. Februar 2021

Konrad Hummler, Alt-Bankier, Hotelbesitzer und neuerdings auch für Humor und Unterhaltung zuständig, hat auf der Webseite seines Gasthauses ein nostalgisches Video veröffentlicht. Es löst etwa die gleiche Wehmut wie die Schlussszene vom «Königlich-Bayerischen Amtsgericht» aus.

Ab 1969 urteilte hier in den idyllischen Jahren vor dem Ersten Weltkrieg ein strenger, aber verständiger Richter in 53 TV-Folgen über grössere und vor allem kleinere Angeklagte. Worauf man sich danach zusammen im Biergarten auf ein Mass oder zwei zusammensetzte. Die guten, alten Zeiten eben.

Gar nicht so lange her ist’s, dass nicht nur im Restaurant der Krone in Speicher getafelt, getrunken, geplaudert, gescherzt und sogar musiziert wurde. Wie in vielen tausend anderen Lokalen in der Schweiz auch. Die einen besuchten vielleicht vorher noch eine Bar, manche auch danach, wieder andere setzten sich an den Stammtisch, um einen Jass zu klopfen, nochmals andere schauten nur kurz für ein Feierabendbier vorbei.

Frust runterspülen, die Welt ordnen, über den unfähigen Chef schimpfen, sich ablenken, schlichtweg geniessen, gutes Essen, angenehme Bedienung, einfach das, was man Sozialleben nennt. Nannte. Eine Erfahrung für alle Sinne, ein Stimmungsaufheller, Medizin gegen Melancholie und Vereinsamung, das Gefühl, unter Gleichgesinnten, Freunden, angenehmen Gesprächspartnern, en famille zu sein.

Es gibt, wie bei den meisten Show-Entscheidungen der Regierenden, keinerlei verlässliche Zahlen, Statistiken, Untersuchungen, ob Restaurants oder Bars tatsächlich Hotspots für die ungehemmte Verbreitung des Virus seien. Ob der Gast, der Kellner, der Barkeeper jederzeit damit rechnen müsste, dass sich plötzlich eine Wolke heimtückischer Todesschwadronen ins Essen mischt, in die Suppe fällt, in den Perlen des Champagners lustige Reisen unternimmt.

Restaurants, wie Kulturstätten, wie Events, wie Bars, wie Kinos, wie Konzerte haben einen gravierenden Nachteil: All das eignet sich ausgezeichnet, um markig «wir tun was» zu exemplifizieren. Wir greifen durch, wir schrecken auch vor schmerzlichen Massnahmen nicht zurück. Betrifft ja schliesslich nicht uns, solange im Bundeshaus noch getafelt werden kann.

Zudem applaudiert die Journaille mal um mal; das seien zwar schmerzliche Entscheidungen, aber halt nötige, bravo, Rückgrat, die Gesundheit geht vor, Blabla und Blüblü. Gücklicherweise gibt es die Büroflasche im Versteck. Hinzu kommt noch: Bars und Restaurants, das ist auch bitter für Journalisten. Aber Kultur, Konzerte, Museen? Also wirklich, eine Künstlerin aufreissen, okay, dafür quält man sich auch durch solche Anlässe, aber toll, dass sie gestrichen sind.

Was wird denn nun aus diesem wichtigen Bestandteil unseres Soziallebens? Aus diesen Lagerfeuern des Wohlergehens in düsteren Zeiten, aus diesen Inseln der Ablenkung, des Genusses, der Freude, der Wärme? Kaum hatten sich die Restaurantbesitzer vom Schock des ersten Lockdowns erholt, kaum keimten leise Hoffnungen, vielleicht mit dem Weihnachtsgeschäft etwas Boden gut zu machen, krachte es schon wieder. Nix Vorweihnachtsgeschäft, nix Weihnachtsgeschäft, nix Neujahrsgeschäft. Nix Januar. Nix Februar. März? Mal schauen, vielleicht, kann sein, Kann auch nicht sein. Abwarten und an den Fingernägeln knabbern.

Was wird überleben? Die Quartierbeiz, die sich eh nur mit schmaler Marge und in erster Linie durch den Alkoholkonsum über Wasser hält? Das gutbürgerliche Lokal, das bei all dem Aufwand von der Stoffserviette bis zur Verabschiedung durch den Koch auch nur knapp den Kopf über Wasser hält? Das Gourmet-Restaurant, das trotz beeindruckender Preise mit seiner Kochbrigade, dem erlesenen Weinkeller, den locker verteilten Tischen, dem Sommelier, der Kellnerschar auch nur dadurch überlebt, dass gelegentlich ein Russe oder neuerdings auch ein Chinese nach dem teuersten Wein sucht und gleich drei Flaschen bestellt?

Nein, all diese Lokale werden nicht überleben. Die meisten sind schon jetzt klinisch tot. Was überleben wird, ist Fast Food. Bulettenbraterei, genormt, getaktet, Koch überflüssig, Geschmack durch Geschmacksverstärker ersetzt, Fett und Zucker als Geschmacksträger, am besten Take away, das Lokal ist so eingerichtet, dass es fast keinem einfiele, hier einen gemütlichen Abend verbringen zu wollen. Ausser vielleicht Obdachlosen.

Völlig egal, ob Fleischklopse, Hühnerteile, Hammelschnitze, Teigfladen mit Belag, vegetarische, vegane, biologisch angebaute oder was auch immer repetitiv hergestellte Sättigungsbeilagen: das ist keine Restaurantkultur. Das ist nicht die erste Kultur, die untergeht. Aber die erste, die völlig sinnlos in den Abgrund getrieben wird.

Stölzle /  Brányik
Autor/in
René Zeyer

René Zeyer (1955)  ist Publizist, Bestsellerautor («Bank, Banker, Bankrott») und Kommunikationsberater. Er lebt in Zürich und Havanna.

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