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Kultur mit Müller

Nostalgik, positive Vibes und filigranes Sprachrohr

Eine neue musikalische Entdeckungsreise mit Andreas B. Müller und seinem Kulturtipp. Dieses Mal im Zentrum: Bo Sundström, Jan Delay und Veronica Swift.

Andreas B. Müller am 25. Mai 2021

Da hat Mann Tausende von Schallplatten und Compact Discs im Keller oder im Regal und über zehntausend Titel in der iTunes-Cloud, und immer wieder gelingt es einer neuen Künstlerin oder einem gesetzten Künstler, mich so zu überraschen, dass ich mit offenem Mund, oder hier besser mit offenem Ohr, dasitze und, manchmal ergriffen und den Tränen nahe, staune.

So geschehen beim schwedischen Sänger und Songwriter Bo Sigvard «Bosse» Sundström, der seit vielen Jahren erfolgreich mit seinem Bo Kaspers Orkester in Skandinavien unterwegs ist. Den akustisch-visuellen Köder für sein drittes Soloalbum «Det Kanske Händer» («Vielleicht geschieht es») hat Bo mit dem Video «Steylt på mig» («Gib mir die Schuld») so genial ausgeworfen, dass mich dieser minimalistische Song und die ebenso aufs Optimum reduzierte Videoumsetzung so in ihren Bann gezogen haben, dass ich seit Monaten an der Angel von Sundström hänge. Dieses Album ist so hoffnungsvoll nostalgisch versetzt mit Jazzstandards, so reduziert instrumentiert und stimmlich so dezent-präsent produziert, dass es ein Klassiker sein könnte, und für mich schon ist.

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Sundstrom

Und darin eingebettet wie eine Perle ist der oben erwähnte Song, der als einziger aus Sundströms Feder stammt; das Faszinierende aber ist auch, dass die anderen Titel klingen, als wären sie extra für seine sanft-zurückhaltende, fast brüchige Stimme komponiert worden, eingeschlossen seine respektvolle Interpretation von Friedrich Hollaenders «Ich bin von Kopf bis Fuss auf Liebe eingestellt» («Som vanligt»), der durch Marlene Dietrich in «Der blaue Engel» weltbekannt wurde. Im besten Sinne hervorragende Barmusik, die dazu einlädt, bei einem runden, weissen Portwein und etwas «Musenkuss»-Käse aus Andeer (momentan erhältlich bei Unikatessen am Corso in St. Gallen) das Leben zu feiern. Trotz allem. Oder dank allem.

Bo Sundström – «Det Kanske Händer» (Columbia)

Fährt von den Zehen- bis zu den Haarspitzen ein

Wenn ich schon beim Feiern bin… Auf Dauerpowerplay steht im Moment bei mir auch das neue Album von Jan Delay: Mit «Earth, Wind & Feiern» ist dem deutschen – Achtung! – Hip-Hop-, Reggae-, Soul-, Rock UND Funk-Musiker (Wikipedia) ein Wurf gelungen, der diese musikalische Breite voll ausschöpft und von den Zehen- bis zu den Haarspitzen einfährt. Schon im INTRO verspricht er, die Wolken in diesen finsteren Zeiten zu vertreiben, weil er Sonne dabeihat. In der Tat vermittelt er positive Vibes und setzt auf das Prinzip Hoffnung, dass letztlich alles gut wird.

Delay

Nicht nur, wenn der Mond scheint, ist Showtime, aber für die EULE ist sie’s in «der Nacht zwischen Wahrheit und Lüge, in einer Nacht zwischen Wohl oder Übel», und mit ihr shake ich gegen die C-Restriktionen an und versuche, nicht zu verzweifeln; eine gelungene Einladung, die gute Laune nicht zu verlieren, auch wenn es einige schlechte Gründe gibt, am Verstand der Menschheit zu (ver-)zweifeln. Jan Delay näselt sich «druckvoll, aber ohne Anstrengung durch ein buntes Potpourri an groovigen Songs» (SWR) und konstatiert, dass «nichts so kalt ist, wie der heisse Scheiss von gestern.» Eine ernüchternde und zugleich hoffnungsvolle Erkenntnis, dass sich die Erde weiterdreht, auch wenn ihre Bewohner, der sogenannte homo sapiens, grad wieder mal verrücktspielt. JanDelayKraft – ja bitte!

Jan Delay – «Earth, Wind & Feiern» (Universal)

Stimme als filigranes Sprachrohr der Seele

Einen schonungslosen Blick wirft Veronica Swift auf «This Bitter Earth», und hegt doch auch Hoffnung, dass die Liebe alles zu verwandeln mag (zumindest lese ich das heraus). «Vom Pianisten Emmet Cohen (!) filigran eingeleitet, ist der Titelsong ein Highlight in balladesker Sentimentalität» (Rocktimes). Es ist ein Jazz-plus-Album und umgarnt darin auch Soul und Blues. Swifts weiche, warme, klare und im richtigen Moment kräftige, manchmal rauchige Stimme mit einem wunderbaren Timbre fesselt, und ihr Scat-Gesang packt und entführt in Gefilde, die jenseits der Alltagssorgen liegen. Ich weiss nicht, wie Rotkehlchen singen, aber bildlich gesprochen hört es sich für mich so an: von tief innen, wo nur die Sanftheit und Klarheit der Seele wirkt und die Stimme als filigranes Sprachrohr dient.

Swift

Wie Bo Sundström interpretiert sie Klassiker aus den Vierziger bis Sechziger Jahren ohne falsche Verklärtheit, sondern mit einem aktuellen Bezug zu Gegenwartsthemen wie Sexismus, häuslicher Gewalt, Umweltproblemen, Rassismus oder Fremdenhass, ohne selber Statements abzugeben; sie lässt lieber andere durch ihre Musik sprechen, und gibt natürlich genau dadurch auch ein Statement ab… Obwohl erst 27 Jahre alt, ist «This Bitter Earth» bereits das siebte Album, mit dem Veronica Swift als «eine der unwiderstehlich talentiertesten Jazzsängerinnen ihrer Generation» (DownBeat) brilliert.

Veronica Swift – «This Bitter Earth» (Mack Avenue)

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Andreas B. Müller

Andreas B. Müller (*1960) liebt gute Musik, Literatur und Wein (alles, was Seele hat), wirkt(e) unter weiterem als Konzert- und Festivalorganisator, Marketing- und Kommunikationsfachmann, rasender Reporter, Kurdirektor, Kellner, Coach und Supervisor, Projektentwickler und Ideeologe und zuletzt als Teamleiter Major Donor Fundraising für ein international tätiges Kinderhilfswerk. Er ist Mitinhaber der Kulturplattform «Parterre 33» (www.parterre33.ch), Präsident des St. Galler Jazzvereins «gambrinus jazz plus» (www.gambrinus.ch) und bewegt mit seiner Wirkstatt Müller (www.wirkstattmueller.ch) Menschen und Projekte.

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