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Ruedi Baer im Interview

«Oldtimer lassen wir uns schenken»

Der Name «Saurer» ist der Inbegriff, wenn es um Lastwagen, Busse und Militärfahrzeuge geht – obwohl die Fahrzeugproduktion 1987 eingestellt wurde. Noch im selben Jahre wurde der Oldtimer Club Saurer (OCS) gegründet. Heute gehören dem Verein über 600 Mitglieder an. Präsident ist Ruedi Baer.

Manuela Bruhin am 27. Juli 2020

Ruedi Baer, Sie sind quasi das Aushängeschild des Vereins. Ihrer Leidenschaft ist es zu verdanken, dass Arbon ein Saurer-Mekka geblieben ist. Was fasziniert Sie an Oldtimern und Motoren?

Meine Motivation, im OCS mitzuwirken und ihn seit zwanzig Jahren zu leiten, war anfänglich vor allem eine Herausforderung organisatorischer Art, die mich reizte. Erst später entdeckte ich die faszinierende Technik und den unglaublichen Drive der Saurer-Mitarbeiter. Heute ist es vor allem die Kameradschaft der Freiwilligentruppe, die mich jeden Tag freut.

Für den einen oder anderen «Schatz» wird jahrelang verhandelt. Und ein Oldtimer wurde beispielsweise auch schon aus Brasilien abgeholt.

Natürlich sind da die «grossen» Geschichten, wie diejenige mit dem Caminhao aus Brasilien. Aber sehr berührend war auch ein älterer Herr, der ins Altersheim umzog und dadurch seine riesige Sammlung von Saurer-Modellen weggeben musste. Er hat sie aber nicht verkauft, sondern uns geschenkt. Bei der Trennung gab es schon feuchte Augen.

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Oldtimer Club Saurer

Wenn Sie zurückblicken: Hatten Autos früher einen anderen Stellenwert, als es heute der Fall ist? Waren damals vielleicht noch mehr Emotionen im Spiel?

Bei den meisten Privatwagenbesitzern dürfte sich die Beziehung zwischen Mensch und Auto nicht stark geändert haben. Bei den Nutzfahrzeugen hingegen schon. Kaufte man früher einen Saurer, so war das ein Kauf fürs Leben. Marke und Fahrzeug waren emotional stark «aufgeladen». Das ist heute beim Lastwagenkauf nicht mehr so. Nüchterne Preis-/Leistungsabwägungen sind entscheidend.

Der Verein hat keine Nachwuchsprobleme, im Gegensatz zu vielen anderen. In den vergangenen Jahren konnte sogar eine rekordverdächtige Anzahl Neumitglieder begrüsst werden. Worauf führen Sie das zurück?

Das Saurer Museum hat heute eine Strahlkraft, die über das Thema «ich arbeite gratis» weit hinausreicht. Man kann bei uns – wenn man will – einen ganz neuen «Beruf» erlernen. So wurde aus einem Versicherungsmensch ein Lastwagenmechaniker, aus einem Treuhänder ein begnadeter Museums-Führer und Marketing-Fachmann. Aber am meisten ist es wohl die Kameradschaft unter den Freiwilligen, die sich herumspricht.

In der heutigen Zeit, in der alle nach CO2-Minderung, Umweltschutz und öffentlichen Verkehrsmitteln schreien, haben Autos allerdings keinen einfachen Stand.

Erstens, und das wollen viele einfach nicht wahrhaben, ist auch ein schöner Teil des öffentlichen Verkehrs mit dieselgetriebenen Fahrzeugen unterwegs. Und zweitens ist bei uns das Fahren Teil des Kulturerbe-Erhalts. Unsere Fahrzeuge müssen fahren, um Standschäden zu vermeiden, aber auch, um den vielen Zuschauern eine Freude zu machen. Ich habe noch nie erlebt, dass wir wegen einer kleinen «Dieselfahne» beschimpft worden wären.

Oldtimer Club Saurer

Auch E-Fahrzeuge kommen nicht so leicht in Fahrt, wie es ursprünglich vorausgesagt wurde. Und längst nicht alle sind ihnen wohlgesinnt. Was denken Sie, wohin die Entwicklung führt?

Ich bin ein Saurer-Experte, aber damit noch lange kein Fahrzeug-Zukunfts-Prophet. Ich denke aber, dass vieles heute vorallem ein Hype ist, und dass es viel länger geht, als manche wahrhaben wollen, bis sich Dramatisches ändert. Ich sehe ein riesiges Potential in den Solar-Kochern, die direkt aus Luft und Wasser flüssigen Treibstoff produzieren. Eine Versuchsanlage der ETH hat jüngst bewiesen, dass das keine Utopie mehr ist. Das E-Fahrzeug mit der problematischen Batterie sehe ich nicht als das Zukunftsfahrzeug.

Im Gegensatz gibt es auch in der heutigen Zeit viele, die sich voll und ganz den Oldtimern verschrieben haben. Wie schaffen Sie es, damit das ganze Wissen, was die Technik anbelangt, nicht verloren geht und auch für die Zukunft abgerufen werden kann?

Wissenserhalt ist für uns ein zentrales Thema. Unser Projekt «Wissens-Radar» hat zur Aufgabe, möglichst viel Wissen mittels Video-Clips zu erhalten. Wissensweitergabe von Alt zu Jung ist eine weitere Chance. Unsere «Mittwochs-Gruppe» besteht ausschliesslich aus noch berufstätigen, teilweise jungen Mitarbeitern. Und im Archiv sind wir dabei, die ganzen Handbücher zu digitalisieren.

Oldtimer haben ihren Preis und die Technik rund um die angesprochene Wissenssicherung sowieso. Wie schafft man es, auf finanziell gesunden Beinen zu stehen?

Objekte, also Fahrzeuge, Textilmaschinen, aber auch Ersatzteile lassen wir uns schenken. Das belastet unsere Kasse also nicht. Der Wissens-Radar ist von Privaten und vom Kulturamt des Kantons Thurgau finanziert. Und unsere grosse Mitgliederschar finanziert einen weiteren Teil unserer Ausgaben. Zusammen mit den Eintrittsgeldern und den teilweise sehr grosszügigen Spenden sieht unsere Kasse ganz gut aus.

Welches Auto fahren Sie privat?

Ich habe mir im Vorgriff auf meinen 75. Geburtstag einen englischen Sportwagen gekauft, einen Morgan. Diese Fahrzeuge werden nach wie vor in einer herrlichen Fabrik in England weitgehend von Hand hergestellt.

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Manuela Bruhin

Manuela Bruhin (*1984) aus Waldkirch ist Redaktorin von «Die Ostschweiz».

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