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Reaktionen zum Aufschrei

OpenAir St.Gallen will sich erklären – und macht es nur schlimmer

Das OpenAir St.Gallen wird wohl zum ersten Mal in seiner Geschichte politisch. Die Reaktionen fallen geharnischt aus. Die Konsequenz: Eine Zensur in der Kommentarfunktion, eine offizielle Stellungnahme – und noch mehr Kritik.

Stefan Millius am 08. Juni 2021

Richtig kommunizieren will gelernt sein. Das muss sogar ein durchorganisierter Apparat wie das OpenAir St.Gallen derzeit lernen.

Die Vorgeschichte: Die Verantwortlichen des OpenAir legen sich ins Zeug für eine Ja-Parole zum Covid-19-Gesetz am 13. Juni. Weil sie, es ist relativ durchsichtig, Geld wollen. Das würden sie bei nüchterner Betrachtung auch bei einem Nein erhalten, aber sicher ist sicher.

Nur ist «sicher» in diesem Fall eben nicht sicher. Weite Teile der Basis finden es wenig lustig, dass sich die Veranstalter des Traditionsanlasses den Direktiven des Bundesrats einfach mal so unterwerfen. Sie äussern sich kritisch zum Vorpreschen. Weil sie davon ausgehen, dass es kurzsichtig ist, sich mit einem plumpen Ja auf die Schnelle eine Unterstützung zu sichern, die es mit Sicherheit auch sonst gäbe.

Die negativen Kommentare waren so zahlreich, dass sich das OpenAir zu einer weiteren Premiere genötigt sah: Es beschränkte die Kommentarmöglichkeit kurzerhand. Bald danach folgte eine offizielle Stellungnahme, die sich am besten im Original liest:

«In unserer direkten Demokratie kann und soll unbedingt diskutiert werden. Gerne auch kontrovers. Aber immer konstruktiv, anständig und zielführend. Angriffe unter der Gürtellinie oder ausserhalb des Gesetzes akzeptieren wir hier nicht.

Zum Thema Covid-19-Gesetz herrscht unter den Branchenverbänden im Kultur-, Veranstaltungs- und Sportbereich Konsens und wird einhellig ein JA empfohlen. Das tun auch wir. Dazu auch das beigelegte Dokument von Sonart - Musikschaffende Schweiz, das viele Fragen und Unsicherheiten zum Gesetz aufnimmt und klärt, worüber abgestimmt wird und worüber nicht.

Mit dieser Empfehlung soll sich jede:r seine eigene, unabhängige Meinung bilden und dementsprechend bis am 13. Juni abstimmen. Dieses Privileg geniessen wir in unserem Land und sollten wir alle wahrnehmen.

Als Festival mit klarer Haltung äussern auch wir uns immer wieder zu gesellschaftlich relevanten Themen, speziell im Rahmen von Take A Stand Initiative und unserem ökologischen Engagement. Dies entspricht unserer Wahrnehmung und unserem Selbstverständnis als engagierter und verantwortlicher Teilnehmer unserer Gesellschaft.»

So viel dazu. Das OpenaAir St.Gallen versteckt sich also hinter der allgemeinen Haltung der Kulturszene. Gibt es denn eine solche? Wer genau ist denn «die Kultur»? Und inwiefern hat das OpenAir zu einer «eigenen, unabhängigen Meinung» beigetragen mit der klaren Ja-Parole?

Die Wahrheit ist wohl eher: So professionell der Anlass ansonsten aufgestellt ist, man hat nicht verstanden, wie kontrovers die Meinungen bezüglich Covid-19-Gesetz sind. «Sagt Ja, und es gibt uns weiterhin»: Das akzeptiert eine Minderheit als endgültige Lösung. Eine wachsende Mehrheit sieht es anders. Weil zumindest aufgeklärte Bürgerinnen und Bürger den Erpressungsversuch an der Urne längst enttarnt haben als das, was es ist. Eine Erpressung.

Und wo sind die «Angriffe unter der Gürtellinie», mit denen sich das OpenAir befassen musste? Es gibt sie kaum. Die meisten Kommentare waren ablehnend, aber anständig. Und was bitte sind «Angriffe ausserhalb des Gesetzes»? Wir stimmen am 13. Juni 2021 über ein Gesetz ab, ist die Neinparole bereits ein «Angriff ausserhalb des Gesetzes»? Muss man klaglos akzeptieren, was uns vorgelegt wird vom Bundesrat, um dem Vorwurf auszuweichen, man greife ein Gesetz an? Wo ist da der Sinn für Demokratie? Für gegenteilige Haltungen?

Vielleicht, nur vielleicht, müsste sich das OpenAir St.Gallen auf seine Kernkompetenz besinnen: Ein musikalisches Programm für wenige Tage zusammenstellen. Politik ist ein bisschen komplexer als das. Der Versuch in diesen Gefilden ging gehörig schief. Wir lieben das OpenAir St.Gallen dennoch weiterhin, weil es unzähligen Menschen für wenige Tage im Jahr einen Ausbruch aus dem Alltag ermöglichte.

Aber was derzeit geschieht, geht weit über wenige Tage der Bespassung pro Jahr hinaus. Und das ist vermutlich der falsche Spielplatz für die Macher des OpenAir St.Gallen.

Die neueste Offensive der Stellungnahme wird jedenfalls von einer Mehrheit so beantwortet wie die Parolenfassung. Stellvertretend für viele Stimmen diese hier:

«Eben wie gesagt: nichts verstanden, OASG. Ich soll meine Freiheit für euch aufgeben. Ihr habt es bei mir verspielt.»

Dem gibt es wenig beizufügen.

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Stefan Millius

Stefan Millius (*1972) ist Chefredaktor von «Die Ostschweiz».

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