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Was schiefgehen kann, ...

Pannen, aber niemals Pleiten

Das BAG duselt weiter vor sich hin. Schlampig zusammengestellte Daten. Korrekturen, Korrekturen, Korrekturen. Wochenende? Keine Zahlen, auch der Beamte muss mal ruhen. Und nun das Impfschlamassel.

René Zeyer am 03. Februar 2021

Zugegeben, die EU stellt ein noch viel grösseres Schlamassel an. EU-Chefin Von der Leyen, Gesundheitsminister Spahn, grossartig ausverhandelte Verträge, Gebrüll überall, Verzögerungen.

Was soll einen das auch wundern; Von der Leyen ist immerhin die einzige Spitzenpolitikerin der Welt, die angeblich demokratisch in ein Amt gewählt wurde, für das sie gar nicht kandidierte.

Aber Schadenfreude macht die Lage in der Schweiz auch nicht besser. Zuerst will Bundesrat Alain Berset, zunehmend unter Druck, mal wieder klare Kante zeigen. Spritzt schneller, fordert er, lässt seine Augenbrauen finsteren Blicks auf «Trödelkantone» hinauf und hinunterrutschen.

Aber dann das Unerwartete: Nachschubprobleme, Logistikprobleme, Dosierungsprobleme, überhaupt Probleme. Also eigentlich nichts Neues vom Beamtenstadl. Wer sich zentral über die momentane Situation informieren will, kann auf eine extra aufgeschaltete Webseite des Bundesamts für Gesundheit. Dort wird geholfen; unter «Aktuell» allerdings doch eher in der Geschwindigkeit, in der sich auch ein Aktenrundlauf abspielt; der «aktuellste» Eintrag ist vom 12. Januar. Aber immerhin: 2021.

Etwas aktueller geht’s auf den kantonalen Webseiten zu. St. Gallen verkündet bereits die Ergebnisse bis KW 4. Genau 15'367 Personen wurden bislang geimpft. Bravo. Aber leider: 30'000 Impfdosen wurden dem Kanton bis Mitte Februar angekündigt. Dann auf 20'000 gekürzt. Der Thurgau, nehmt Euch ein Beispiel, St. Galler, hat eine informativere Webseite und vermeldet, dass er bereits 8868 Dosen gespritzt hat.

Appenzell Innerrhoden hat sogar ein Erklärvideo hochgeladen, bereits 1077 Personen bekamen eine Spritze in den Oberarm. Ausserrhoden beschwert sich auch über Verzögerungen und das Zusammenstreichen von zugesagten Kontingenten. Nur 3000 Dosen können bis Ende Februar geliefert werden, und die seien weitgehend für Zweitimpfungen reserviert.

Also, grossmäulige Ankündigungen, Drängen auf möglichst hochgetaktete Impfpläne, nur so könne man eine dritte Welle verhindern, und dann das. Aber damit ist das BAG natürlich noch nicht am Ende seiner Möglichkeiten angelangt.

Wie der «Tages-Anzeiger» enthüllte, kann man die Problemzone beim Impfen leicht ausweiten. Wie das? Ganz einfach. Zunächst braucht es logischerweise den Impfstoff. Fehlt der, kann auch der Bürokrat im BAG nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Dann kann er aber noch ein Schlamassel anstellen, wie viele Dosen denn nun aus einem Impffläschchen gewonnen werden können. Konkret: 5 oder 6 beim Impfstoff von Pfizer/Biontech.

Der Hersteller hat gerade die frohe Botschaft verkündet, dass man 6 Dosen aus dem Fläschchen ziehen kann. Da die Schweiz natürlich Dosen bestellt hat, muss nun Pfizer ein Sechstel weniger Fläschchen liefern. Das ist schön für den mit Problemen kämpfenden Hersteller.

Aber: Nehmen wir an, das Fläschchen ist vorhanden, dann geht es ja eigentlich nur noch darum, 6 Dosen auf Spritzen zu ziehen, und rein damit. Das stellt sich der Laie wieder mal viel zu einfach vor. Denn bislang wurden den Impffläschchen 2-Milliliter-Spritzen mit Nadeln der Dicke 18G beigelegt. Dazu sagt der Arzt: Mit einer 2-Milliliter-Spritze und einer dicken Nadel können sie keine 0,3 Millimeter-Dosis exakt aufziehen.

Das sei so, wie wenn man die Salzbeigabe fürs Spaghetti-Kochen mit einer Körperwaage abmessen müsste. Das hat inzwischen doch auch der Apparat zu Bern eingesehen, es würden nun 1-Milliliter-Spritzen ausgeliefert. Nur: dünnere Nadeln, räusper, die seien gerade nicht vorrätig, hüstel.

Die braucht es aber auch, um den Verlust beim Spritzen zu minimieren, damit 6 Dosen herausgeholt werden können. Aber eben, man kann ja nicht an alles denken. Dafür reichen die 600 Mitarbeiter beim BAG einfach vorne und hinten nicht. Und die neue Direktorin muss auch Prioritäten setzen; Ihr Hund darf nun mit ins Büro, wo er aber weniger Auslauf hat als in ihrer 8,5-Zimmer-Wohnung in Bern. Hoppla, das will sie ja gar nicht in den Medien lesen.

Verständlich also, dass von Bundesrat Berset abwärts alle voll ausgelastet sind. Ausserdem muss sich die Ostschweiz wenigstens um ihre Bundesrätin keine Sorgen mehr machen: Karin Keller-Sutter ist geimpft. Welche Spritze und welche Nadel dabei zum Einsatz kamen, ist aber nicht bekannt.

Stölzle /  Brányik
Autor/in
René Zeyer

René Zeyer (1955)  ist Publizist, Bestsellerautor («Bank, Banker, Bankrott») und Kommunikationsberater. Er lebt in Zürich und Havanna.

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