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Keine Ausnahmen definiert

Patchworkfamilien müssen sich wohl im Zug treffen

Fünf Personen dürfen sich maximal im privaten Rahmen treffen. Familien mit vier und mehr Kindern müssen natürlich keines davon in den Keller sperren. Aber wie sieht es für Patchworkfamilien mit insgesamt vier Kindern in zwei Haushalten aus? An die hat Bern offenbar nicht gedacht.

Stefan Millius am 14. Januar 2021

Die neue Regelung ist so klar wie umstritten: An privaten Veranstaltungen - gemeint ist schlicht jedes Zusammentreffen - dürfen höchstens fünf Personen teilnehmen. Damit sind auch Kinder gemeint. Selbst Berset und Co. sind realistisch genug, um bei grösseren Familien keine behördlichen Fremdplatzierungen zu planen. Jedenfalls noch nicht. Ein Paar darf also weiterhin mit seinen vier, fünf oder mehr Kindern am Esstisch sitzen.

Schwieriger wird es bei Patchworkfamilien, die nicht zusammenwohnen. Das ist im Jahr 2021 keineswegs eine Ausnahmeerscheinung. Eine Frau mit zwei Kindern und ihr Partner mit zwei Kindern, die zwei Haushalte betreiben, sich aber regelmässig sehen, beispielsweise an den Wochenenden oder an bestimmten Abenden: Wie sieht es da aus?

Weil das eine schwierige Frage ist, versucht der Bundesrat gar nicht erst, sie zu beantworten, sondern formuliert absolut. In den Erläuterungen des Bundes zu den neuen Massnahmen findet sich keine Ausnahme für solche Fälle. Es heisst schlicht: «An privaten Veranstaltungen dürfen maximal 5 Personen teilnehmen. Kinder werden auch zu dieser Anzahl gezählt.»

Ist keine Ausnahme aufgeführt, wird in der Regel auch keine gemacht. Sprich: Patchworkfamilien in getrennten Haushalten mit insgesamt mehr als drei Kindern können bis Ende Februar nicht mehr zusammenkommen. Ausser natürlich, sie stecken das unbeliebteste Kind an jenem Tag in die Krippe…

Ein kleiner Hoffnungsschimmer bleibt. Bei den Informationen über die «Massnahmen und Verordnungen» des Bundes sind zwar die neuesten Regeln bereits aufgeführt, allerdings in aller Kürze und ohne nähere Erläuterungen. In früheren Massnahmenrunden waren jeweils noch Fragen und Antworten sowie Ausnahmefälle aufgeführt. Gut möglich, dass hier noch eine Aktualisierung mit weiteren Informationen erfolgt.

Sollten andere Familienmodelle als das «klassische» nun sechs Wochen buchstäblich auseinandergerissen werden, würde das der Lebensrealität in der Schweiz im 21. Jahrhundert jedenfalls nicht entsprechen.

Aber weil besondere Zeiten besondere Massnahmen erfordern, hier eine Idee: Patchworkfamilien können ja einfach das ganze Wochenende gemeinsam im Zug oder zwischen Gestellen im Grossverteiler verbringen. Dort dürfen sie ja.

Stölzle /  Brányik
Über den Autor
Stefan Millius

Stefan Millius (*1972) ist Chefredaktor von «Die Ostschweiz». Seine Stationen führten über das «Neue Wiler Tagblatt», Radio aktuell, die ehemalige Tageszeitung «Die Ostschweiz» zum «Blick».

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