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Zeyer zur Zeit

Russisches Roulette

Endlich macht ein anderes Thema Corona Konkurrenz. Leider ist das keine gute Nachricht. Denn es handelt sich um einen Serben. Einen Veganer. Einen Impfskeptiker. Der unseren Roger entthront hat.

René Zeyer am 10. Januar 2022

Aktualisierung: Das zuständige Gericht hat der Nummer eins im Tennis die Einreise nach Australien inzwischen erlaubt.

Eigentlich spielt er Tennis. Ziemlich gut sogar. Keiner war bislang länger Nummer eins. Noch ein Sieg, und er wäre der Grösste aller Zeiten.

Es mag Menschen geben, die sich nicht sonderlich dafür interessieren, wer am besten einen kleinen Filzball so über ein Netz dreschen kann, dass er auf der anderen Seite rechtzeitig wieder runterkommt.

Auf der anderen Seite haben wir ja einen, der das auch gut kann. Konnte. Aber wie auch immer, er ist und bleibt unser Roger des Herzens. Da kann er noch so viel Werbung machen und sich eine noch so grosse Villa bauen. Auch dass er steuergünstig in Dubai wohnt, eigentlich aus Teflon besteht und noch nie einen Satz gesagt hat, der weniger rund als ein Ball wäre – macht nix. Wir lieben Roger National.

Auf der anderen Seite gibt es aber einen Anti-Sympath. Finsterer Blick, meistens unrasiert, verbissen, ein Fighter. Soll zwar menschlich auch ganz nett sein, höflich, freundlich, will eine bessere Welt, glaubt ans Spirituelle.

Aber der hat unseren Roger in die Knie gezwungen. Mit seinem «teuflischen» Spiel. Unverzeihlich. Aber die Rache kommt immer. Denn jetzt spielt der nicht mehr Tennis, sondern «Russisches Roulett». Wenn man dem «Tagblatt» glauben will, und wer will das nicht.

Denn nun ist der endgültig durchgedreht, wenn man den Schweizer Medien glauben will. Und wer will das nicht. Er ist nämlich, typisch serbischer Grosskotz, einfach mal so 15 Stunden nach Australien geflogen.

Weil er dort den 21. Titel gewinnen will und dann der Allergrösste wäre. Dabei dachte er offenbar, wenn Djokovic kommt, dann gehen alle Schlagbäume hoch. Einreisebestimmungen? Das ist doch nur was für Weicheier wie VR-Präsidenten von Banken. Aber doch nicht für ihn.

Da hat er sich aber geschnitten, und nun sitzt der Trottel in einem nicht so tollen Quarantänehotel. Will eine Extrawurst, bzw. als Veganer einen eigenen Koch. Kriegt er aber nicht. Kommt davon.

Gleichzeitig drehen alle Serben im roten Bereich. Die «serbische Krawallpresse» tobt, weiss die SonntagsZeitung. Ein Belgrader «Hetzblatt» tue sich besonders hervor; ob damit der serbische «Blick» gemeint ist?

Der Schweizer «Blick» topft den Serben und die Serben jedenfalls ordentlich ein. Was meint der denn, und wie spinnt denn sein Vater, der ihn mit Jesus vergleicht und zum Freiheitskämpfer ausruft. Serben halt, immer gut als Sympathieträger wie jeder, dessen Name auf -itsch endet.

Da kriegen sich unsere Qualitätsmedien fast nicht mehr ein. Wozu sich eine saftige Kampagne von ein paar blöden Details kaputtmachen lassen? Der Mann spielt halt Russisches Roulett mit seiner Karriere, weiss das «Tagblatt». Hätte sich halt impfen lassen sollen, wie jeder normale und vernünftige Mensch. Also wie jeder Schweizer. Nun ja, fast jeder Schweizer.

Weil der Serbe aber, was ist denn das für eine idiotische Idee, findet, dass es niemanden etwas angeht, ob er geimpft ist oder nicht, hat er sich nun dieses Schlamassel eingebrockt. Blödkopf.

Wer fliegt auch schon einfach so mal nach Australien runter und stellt sich an den Einreiseschalter. Meint wohl, der Beamte wolle ein Autogramm von ihm und winke ihn dann durch. Trottel.

Oh, er hat die schriftliche Bestätigung des australischen Tennisverbands und des Bundesstaats, wo das Turnier stattfindet, dass er die Bedingungen für eine problemlose Einreise erfüllt? Oh, es gab insgesamt 26 Spieler, die eine Ausnahmegenehmigung verlangten – und grösstenteils auch erhielten? Oh, von denen sind einige vor ihm problemlos eingereist?

Oh, ein Djokovic mit eng getaktetem Terminplan und grösserer Entourage nimmt nicht einfach mal so einen Sack voll Tennisschläger unter den Arm und fliegt drauflos? Oh, er twittert nur höflich, dass er sich für die Unterstützung bedanke?

Und er twittert noch so komisches Zeugs wie: «Moral und Ethik sind die grössten Ideale und die leuchtenden Sterne auf dem Weg zum spirituellen Aufstieg.» Der spinnt doch, der Serbe.

Ach, und dann ist noch gerade das orthodoxe Weihnachten, weswegen sein Vater etwas im biblischen Bereich dreht? Wieso feiern die eigentlich nicht wie wir Weihnachten am 24. Dezember, wie es sich gehört?

Wie schreibt die Schweizer Krawallpresse, Pardon, ein Produkt aus dem Qualitätshaus Tamedia: «Wer in diesen Tagen die serbische Krawallpresse liest, der wähnt sich kurz vor einem Weltkrieg.»

Nein, eigentlich ist es so. Wer dieses hemmungslose Gekeife aus nichtigem Anlass liest (über 1000 Treffer in den letzten Tagen für den Suchbegriff Djokovic in der Schweizer Mediendatenbank), der wähnt sich kurz vor dem Exitus der drei Grosskonzerne Tamedia, CH Media und Ringier.

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass diese Medienclans Russisches Roulett spielen. Mit ihrer Chance, die Abstimmung über eine zusätzlich Medienmilliarde zu gewinnen. Weil sie doch so gut informieren. So professionell. Weil sie doch alles Geschehen auf der Welt richtig gewichten. Weil sie doch ausgewogen berichten, allen Standpunkten Platz einräumen.

Niemals auf die Idee kämen, in Bild und Wort über einen Sportler abzulästern, der sich prima als Zielscheibe eignet.

Wenn sie das nicht machen würden, würden sie nicht Russisches Roulett spielen. Mit sechs Kugeln in sechs Kammern.

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Autor/in
René Zeyer

René Zeyer (1955) ist Publizist, Bestsellerautor («Bank, Banker, Bankrott») und Kommunikationsberater. Er lebt in Zürich und gibt die medienkritische Plattform ZACKBUM.ch heraus.

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