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Schweigen wäre Gold

Es ist die Frage, die uns immer wieder gestellt wird: Schweigen oder in die Medienoffensive gehen? Leider gibt es darauf nur die Standard-Antwort der Juristen: «Es kommt drauf an.»

Huber & Senn am 22. November 2019

Nehmen wir den britischen Prinzen Andrew, der unter Beschuss geraten ist, weil er sich im Umfeld eines verurteilten Sexualstraftäters aufhielt – und weil ihm eine heute 35-jährige Frau vorwirft, der Prinz hätte drei Mal Sex mit ihr gehabt, und das auch zu einem Zeitpunkt, als die Frau erst 17 war.

In einem 50-minütigen Interview der BBC am Wochenende versuchte sich Andrew zu erklären – und erntete vernichtende Kritiken. Ein Teil der englischen Presse sprach von einem «PR-Desaster». Wie die «Daily Mail» schreibt, hatte Andrews PR-Berater vom Interview abgeraten – und legte sein Mandat nieder, als der Prinz auf das TV-Interview bestand.

Dass eine Person, die in der Öffentlichkeit unter extremen Druck kommt, ein grosses Bedürfnis verspürt, sich zu erklären, ist nachvollziehbar. Die ganze Welt soll wissen, dass alles ganz anders war, als es die Medien darstellen: Das ist ein bekanntes Phänomen, dem wir immer wieder begegnen. Und eines, das für all diejenigen, die selbst noch nie tagelang auf der Frontseite der Presse angegriffen wurden, wohl nicht nachvollziehen können.

Was gibt es konkret zu überlegen? Ein offensiver Auftritt macht nur Sinn, wenn es ganz klare Botschaften und/oder klare Belege für die eigene Version der Geschehnisse zu kommunizieren gibt. Ein Beispiel: Andrew macht geltend, an dem ersten Abend, an dem es angeblich zu Sex mit der damalig 17jährigen Frau gekommen sein soll, sei er mit seinen Töchtern zusammen gewesen und hätten in einem Restaurant Essen geholt. Nur: Die Aussage ist nicht mehr als eine Behauptung und wird ihm, gemäss Umfragen, nicht geglaubt.

Ein Auftritt hätte zum Beispiel dann überzeugen können, wenn der Prinz zu dem Interview ein Bild hätte mitbringen können, auf dem er an diesem Tag beim Pizzakauf zu sehen ist. Dann hätte er sein Ziel erreichen können, die Glaubwürdigkeit der Anklägerin in Zweifel zu ziehen. Das Gegenteil ist nun der Fall.

War der Prinz auf das Interview vorbereitet? Phasenweise schien es so. Diverse Male wiederholt er beispielsweise die Kernaussage «Ich habe daran keine Erinnerung», als er auf die Fotos und generell Zusammentreffen mit Jennifer Giuffre angesprochen wird. Bei der Frage nach gemeinsamem Sex lautet seine Antwort dann: «Das ist nie passiert.» Daraus lässt sich interpretieren, dass sich der Prinz im ersten Punkt also ganz so sicher nun doch nicht ist.

Was wieder darauf hinweist, dass in der Vorbereitung des Interviews die heiklen Fragen zu wenig angesprochen und trainiert wurden. Denn auf diese zu erwartenden Fragen wirkte Andrew zu oft ausweichend, unsicher oder nicht mehr wissend. Was dann wohl von vielen als fahrig, unsicher oder hilflos wirkte.

Konnte Andrew mit seinem Auftritt seine Botschaften platzieren? Nein. Konnte er mit dem Interview die Glaubwürdigkeit von Giuffre in Zweifel ziehen? Nein.

Hätte Prinz Andrew mit einem besseren Interview einen Befreiungs-schlag schaffen können? Vielleicht. Wenn er auch auf die persönlichen, intimen und unangenehmen Fragen überzeugende(re) Antworten hätte liefern können. Das kann man mit einer Interviewvorbereitung, die wirklich in die Tiefe geht, erreichen.

Vielleicht aber auch nicht. Weil es schlicht keine überzeugenden Antworten gibt – etwa, weil keinerlei Belege für unsere Sicht der Dinge beizubringen sind. Ein professionelles Interviewtraining ohne falschverstandene Schonung kann auch zu dieser Einsicht führen. Mit der Konsequenz, auf einen Auftritt zu verzichten.

So oder so aber gilt: erst die Vorbereitung bringt die Klarheit.

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Stölzle /  Brányik
Autor/in
Huber & Senn

Roger Huber (1964) und Patrick Senn (1969) sind ehemalige Ostschweizer Journalisten, die lange Jahre bei nationalen Medientiteln gearbeitet haben. Heute unterstützen Sie Organisationen und Führungskräfte in der Krisenkommunikation und sind Gründungsmitglieder des Verbandes für Krisenkommunikation vkk.

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