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Satire

Senioren im Thurgau: Wandert aus, bevor es zu spät ist

Der Regierungsrat hat eine besondere Leistung erbracht: Das Schutzkonzept für Seniorenheime wird durch ein Ampelsystem ergänzt. Irgendwer dort oben hat hier womöglich das Schutzkonzept des berüchtigten Gefängnisses Fort Knox kopiert. Denn: Wer dort mal drin ist, kommt nie mehr heraus.

Wolf Buchinger am 02. September 2020

Im Thurgau müssen potentielle Besucher einen Gesundheitscheck ausfüllen, sich registrieren lassen, Besuchszeiten sind begrenzt und auch hinter Glasscheiben möglich, Maskenpflicht überall und viele weitere bürokratische Hindernisse.

Die Bevölkerung hat man damit wahrscheinlich begeistert. «Die in Frauenfeld tun etwas zu unserem Schutz.»

Doch wie sieht es bei Betroffenen aus?

Ein Heimleiter: «Früher konnte ich mich um die Bewohner und die Mitarbeiter kümmern, heute bin ich überbeschäftigt mit Bürokratie. Meine Ampel: dunkelrot.»

Eine Tochter: «Bei so viel Einschränkungen verwirre ich meine Mutter noch mehr. Ich gehe gar nicht mehr zu ihr. Mein Verkehrszeichen: Einfahrt verboten.»

Ein Heimbewohner: «Wenn ich noch könnte, würde ich einen Banküberfall machen, danach auf die Polizei warten und mich aufs Gefängnis freuen, wo ich mehr Freiheiten hätte. Meine Ampel: ausser Betrieb.»

Eine Mitarbeiterin: «Ich bin Pflegerin geworden, weil ich Senioren helfen wollte, ein wenig mehr Positives in ihr Leben zu bringen. Jetzt darf ich keine Nähe zu ihnen haben, weil das zu gefährlich sein soll. Meine Ampel: schwarz.»

Ein Konzertveranstalter: «Seit einem halben Jahr gibt es keine kulturellen Veranstaltungen im Normalbereich. Genau das fehlt den Senioren und macht sie noch unglücklicher. Meine Ampel: kaputt.»

Der Psychologe: «Die Situation der Bewohner entspricht etwa den Zoo-Tieren. Nach wenigen Wochen sind sie apathisch und vegetieren nur noch vor sich hin. Meine Ampel steht woanders.»

Eben: Leistung im Stall.

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Wolf Buchinger

Wolf Buchinger (*1943) studierte an der Universität Saarbrücken Germanistik und Geografie. Er arbeitete  25 Jahre als Sekundarlehrer in St. Gallen und im Pestalozzidorf Trogen. Seit 1994 ist er als Coach und Kommunikationstrainer im Management tätig. Sein literarisches Werk umfasst Kurzgeschichten, Gedichte, Romane, Fachbücher und Theaterstücke. Er wohnt in Erlen (TG).

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